Strom: Geld fliesst in Strömen in die Staatskassen
Die Schweizer Stromwirtschaft schwimmt in flüssigen Mitteln – nur merken die Verbraucher wenig davon, denn von den enormen Finanzreserven profitiert vor allem die öffentliche Hand.

Nebenartikel
Durchschnittlich 16 Franken pro Jahr können Haushalte in St. Gallen und den beiden Appenzell ab Oktober bei den Stromkosten sparen. Vorausgesetzt, ihr lokaler Verteiler gibt die von den St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerken (SAK) empfohlene Senkung der Strompreise tatsächlich weiter. Die 98 SAK-Endverteiler sind in ihrer Tarifgestaltung nämlich frei.
Würden die Kantone St. Gallen und beide Appenzell den vollen Gewinn der florierenden SAK an die Strombezüger weitergeben, läge für die Haushalte noch mehr Rabatt drin. Den Löwenanteil schöpfen nämlich die Kantone als Eigentümer ab: Sie kassieren statt 1,7 nun 7,7 Millionen Franken Dividende. Allein fünf Millionen mehr erhält St. Gallen, das damit einen Teil seines Budgetlochs stopft. Dem SAK-Verwaltungsratspräsidenten und St. Galler Regierungsrat Hans-Ulrich Stöckling ist der Staatssäckel näher als das Portemonnaie der Strombezüger. Auch wenn er öffentlich versichert: «Wir plündern damit nicht die Kassen der SAK.»
Preise liegen über den Kosten
Kritische Worte kommen aus Bern. «Rabatte von Vorlieferanten sollten grundsätzlich an die Stromkunden weitergegeben werden», sagt Rafael Corazza, Geschäftsführer im Büro des eidgenössischen Preisüberwachers. Die St. Galler Selbstbedienung will er nicht beurteilen, solange er nicht alle Details kennt. «Dies könnte aber ein Fall für den Preisüberwacher sein.»
Nicht nur St. Gallen bereitet den Preiswächtern des Bunds Kopfzerbrechen. Landesweit bestehe Handlungsbedarf, sagt Corazza: «Die Strompreise liegen oft deutlich über den Kosten. Namhafte Preissenkungen wären möglich.» Die Stromwirtschaft schwimmt im Geld und verfügt über beträchtliche Reserven. Corazza spricht von «einem problematischen Polster im hohen dreistelligen Millionenbereich».
Das weckt Begehrlichkeiten. So liefern beispielsweise die Elektrizitätswerke der Stadt Zürich dieses Jahr 213 Millionen Franken ans Finanzamt ab. Die Stromkunden müssen sich mit Vergünstigungen von weniger als einem Viertel dieser Summe begnügen, Grosskunden zahlen teils sogar mehr als im Vorjahr. Auch in Winterthur, St. Gallen und Bern führen die Elektrizitätswerke seit eh und je Millionenbeträge an ihre Staatskassen ab.
Werner Geiger, Chef der Energieberatungsfirma Enerprice in Ebikon, kritisiert die Preispolitik der Monopolbetriebe in der Schweiz: «Die Gewinne machen bei einem Marktvolumen von 8,5 Milliarden Franken etwa zwei Milliarden Franken aus.» Bei kleineren und mittleren Betrieben liegen die Strompreise rund 45 Prozent über dem europäischen Durchschnitt, bei Haushalten etwa zehn Prozent.
Ahnungslose Stromkunden
Seit Jahren reklamiert der Preisüberwacher, dass Kantone und Gemeinden mit ihren Stromtarifen eine «Konsumsteuer» kassieren. Pikant: Die Kunden wissen in der Regel nicht, wie gross der staatlich abgezweigte Anteil ist.
Diesen Sommer nun wird der Tarifdschungel endlich gelichtet: Der Preisüberwacher hat bei allen 850 Stromverteilern der Schweiz die Tarife erhoben. Sie werden demnächst veröffentlicht.
Einen aktuellen Städtevergleich liefert bereits Enerprice. Die Unterschiede sind enorm: So zahlen Strombezüger in Montreux mit 28,3 Rappen pro Kilowattstunde fast doppelt so viel wie jene in Sitten (siehe Nebenartikel «Riesige Preisunterschiede»).
Wer seine Stromrechnung überprüfen will, kann sich an den Preisüberwacher wenden. «In begründeten Fällen werden wir eine Senkung verlangen», sagt Corazza. Allerdings ist die Macht der Berner Preiswächter beschränkt: Wo Legislative oder Exekutive die Strompreise festlegen, haben sie nur ein Empfehlungsrecht.
© Beobachter Ausgabe 13 vom 25. Jun 2003 - Alle Rechte vorbehalten







