Tierheim Kranke Importhunde zu verkaufen

Im Tierwaisenhaus in Winkel beim Flughafen Zürich kennt der Tierschutz keine Grenzen: Ein grosser Teil der Hunde, die hier verkauft werden, stammt aus Spanien, und einige bringen Krankheiten in die Schweiz. Das kann die Käufer sehr viel Geld kosten.

Böse Überraschung: Ursula Gafner musste für den kranken Schäfermischling Loris Tausende von Franken an Tierarztkosten bezahlen.

Nach dem Kauf des Welpen war Brigitte Diethelm wochenlang damit beschäftigt, den Durchfall des Tieres wegzuschrubben. Kaum war das überstanden, fiel der Zürcherin der eigenartige Gang des Hundes auf. «Der linke Vorderlauf musste operiert werden», sagt Diethelm, die mit rund 4'000 Franken Tierarztkosten rechnet. «Dabei ist im Abgabevertrag vermerkt, der Hund habe keine wesentlichen Krankheiten», erklärt sie.

Nicht nur sie ärgert sich. Insgesamt sechs Personen, die im Tierwaisenhaus in Winkel ZH einen Hund gekauft hatten, wandten sich an den Beobachter. So glaubte auch Christine von Allmen aus Elgg ZH, einen gesunden Hovawart-Schäfer-Mischling erworben zu haben - bis der Tierarzt eine Unterfunktion der Bauchspeicheldrüse sowie Morbus Crohn, eine auch beim Menschen auftretende Darmkrankheit, diagnostizierte. Der Hund musste nach nur drei Monaten eingeschläfert werden.

Dank Chemotherapie überlebt


Auf eine lange Leidensgeschichte blickt der Schäfermischling Loris von Ursula und Heinz Gafner aus Volketswil ZH zurück. Bei ihm stellte der Tierarzt Leishmaniose fest, eine Krankheit, die im Mittelmeerraum grassiert. Der Hund überlebte dank einer Chemotherapie. Noch müssen ihm die Besitzer täglich eine Pille verabreichen. «Die Tierarztkosten erreichten einige tausend Franken», erklärt Ursula Gafner. Dass Loris auch an einer Hüftschwäche leidet, erfuhr sie erst kürzlich.

Janos Komaromy, Veterinär und Vorstandsmitglied im Trägerverein des Tierwaisenhauses Winkel, lehnt für diese Krankheiten jegliche Verantwortung ab. «Die Tiere werden in Spanien bereits tierärztlich untersucht, geimpft, gechippt und mit den nötigen Papieren versehen, die an der Grenze geprüft werden. Ich untersuche sie nochmals, wenn sie hier eintreffen.» Er ergänzt allerdings, dass es sich dabei um eine übliche Routineuntersuchung handle. «Versteckte Krankheiten wie die Unterfunktion der Bauchspeicheldrüse oder die Leishmaniose kann ich dabei nicht diagnostizieren», räumt er ein.

Rechtlich hat sich das Tierheim abgesichert: Im Abgabevertrag erklärt es, «wesentliche Krankheiten» seien ihm nicht bekannt, und es bedingt jede Haftung für «Mängel des Tieres» weg. Solche Klauseln sind nur dann ungültig, «wenn der Verkäufer dem Käufer die Gewährsmängel arglistig verschwiegen hat», schreibt die Stiftung für das Tier im Recht zum Thema.

Monica Locher, Betreiberin des Tierheims und Präsidentin des Trägervereins, ist überzeugt, immer rechtlich einwandfrei gehandelt zu haben. Trotzdem stimmte sie einem Vergleich des Friedensrichters zu, wonach sie für die Folgen einer Krankheit, die ihr nicht bekannt gewesen sei, wenigstens teilweise aufkommen musste. Kurz nach dem Kauf wurde bei einem Welpen, der aus Slowenien via Spanien in die Schweiz geschafft worden war, ein Herzfehler festgestellt; das Tier musste eingeschläfert werden. Im Vergleich erklärte sich Locher bereit, den Kaufpreis von 610 Franken zurückzuzahlen sowie die Hälfte der Tierarztkosten von rund 2'000 Franken zu übernehmen. «Wir haben den Leuten von Beginn weg angeboten, den Kaufpreis zurückzuerstatten. Die Tierarztrechnungen haben sie uns nie zugestellt - wir konnten dazu nicht Stellung nehmen», sagt Locher. Dem Vergleich habe sie nur zugestimmt, um einen unerspriesslichen Rechtsstreit vernünftig zu beenden.

Der Tierimport ist höchst umstritten


In Monica Lochers Bettelbriefen ist von ausgesetzten Tieren die Rede und vom Tag-und-Nacht-Einsatz der Tierambulanz, die der Trägerverein ebenfalls betreibt. «Wegen dieser Notfälle sind unsere Boxen im Tierheim fast immer ausgelastet und besetzt. Ständig versorgen wir 30 bis 50 Hunde, 30 bis 40 Katzen…», schreibt sie den Freunden und Gönnern. Kein Wort davon, dass rund die Hälfte der Tiere aus Spanien stammt. Wobei sie gegenüber dem Beobachter erklärt, dass ein solcher Import wirtschaftlich Sinn mache. «Die Löhne und die Unterhaltskosten des Tierheims sind dieselben, ob nun alle Boxen besetzt sind oder nicht. Damit können wir unser Defizit im vernünftigen Rahmen halten.»

Der Schweizer Tierschutz STS lehnt den Import von Hunden und Katzen generell ab. Verbandspräsident Heinz Lienhard sagt: «Jeder importierte Hund nimmt einem herrenlosen Hund aus unserer Gegend den Platz weg.» Zudem sei der Hundeimport ein Geschäft, das kommerziellen Gesetzen gehorche: «Die spanischen Tierheime werden sich bemühen, stets über ein genügend grosses Exportangebot zu verfügen.» Einen Preis von 500 bis 600 Franken für einen Hund, wie ihn Locher verlangt, hält Lienhard für zu hoch. Für solche Tiere seien 300 Franken üblich. Und wer wirklich etwas für Hunde in Spanien tun wolle, könne Geld spenden, um die Kastration der Tiere vor Ort zu ermöglichen.

Tierarzt und STS-Vizepräsident René Ringger macht zudem auf ernsthafte Gefahren aufmerksam: «Die oft mangelhafte Entwurmung kann bei uns Nutztiere gefährden. Einige eingeschleppte Krankheiten wie etwa die Leishmaniose können auch auf Menschen übertragen werden.»

Für Susanne Rihs-Lanz, Kantonsrätin der Grünen aus Glattfelden ZH, ist es Zeit zum Handeln. Wie der «Tages-Anzeiger» kürzlich berichtete, hält sie den Handel des Tierwaisenhauses für ein «lukratives, aber fragwürdiges Geschäft mit Haustieren» und fordert in einer Anfrage an den Regierungsrat regelmässige Kontrollen von Tierheimen.

Text:
  • Urs von Tobel
Bild:
  • Dorothea Müller
06. Dezember 2006, Beobachter 25/2006