Tierimporte: Schildkröte im Handgepäck
Trotz harten Gesetzen boomt die gesetzeswidrige Einfuhr von geschützten Tieren. Die Folge: Jede Stunde sterben auf der Erde drei Tierarten aus.
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Der Reptilienhändler lächelt mild: «Eine Strahlenschildkröte suchen Sie? Da brauchen Sie viel Glück. Hierzulande gibt es nur wenige und viele davon wurden illegal eingeführt.» Solche «heisse Ware» hat ihren Preis: Ein erwachsenes Pärchen Strahlenschildkröten kostet rund 6000 Franken.
Die Strahlenschildkröte zählt zu den meistgefährdeten Tieren. Deshalb figuriert sie im Washingtoner Artenschutzabkommen im Anhang I. Sie darf also nicht in die Schweiz importiert werden. Doch was selten ist, ist umso begehrter und teurer.
Die Tiermafia kennt keine Skrupel
Davon profitiert auch die Tiermafia. Und sie kennt keine Skrupel, um Kasse zu machen. So wurden etwa auf einer Zuchtstation in Madagaskar 76 Schnabelbrustschildkröten gestohlen zwei Drittel des Weltbestands! Laut WWF-Schätzungen werden weltweit jährlich rund acht Milliarden Franken mit dem Schmuggel von wild lebenden Tieren und Pflanzen umgesetzt Zahlen, die sich mit jenen des Waffen- und Drogenschmuggels vergleichen lassen.
In Europa hat sich vor allem Deutschland zu einer internationalen Drehscheibe für illegale Transporte entwickelt oft aus dem ehemaligen Ostblock. Das Nachrichtenmagazin «Spiegel» berichtete unter dem Titel «Waldelefant im Angebot» über einen aufgeflogenen Händlerring. Die Bande hatte in mindestens 41 Fällen streng geschützte Tiere illegal vermarktet.
«Die EU ist eine Wohlstandsregion, die Nachfrage nach seltenen Arten entsprechend hoch», sagt der Artenschutzexperte Roland Melisch vom Frankfurter Traffic-Büro, einem hauptsächlich vom WWF getragenen und weltweit agierenden Artenschutznetzwerk. Traffic nimmt vor allem die EU-Staaten ins Visier und hat deshalb keinen detaillierten Überblick über die Situation in der Schweiz. Melisch: «Wäre die Schweiz jedoch in der EU, dann wäre sie für uns vermutlich ein wichtiges Land.»
Legale Tierimporte gehen zurück
Auch den hiesigen Behörden ist der Umfang des illegalen Tierhandels unbekannt. «Fragen Sie mich nicht nach der Dunkelziffer», sagt Peter Dollinger, Artenschutzdelegierter des Bundesamts für Veterinärwesen. Er hält sich lieber an die offizielle Statistik. Die legale Einfuhr von Tieren hat in den letzten Jahren massiv abgenommen. Gelangten 1992 noch 34000 Tiere in die Schweiz, waren es 1998 nur noch 11000 das ist wenig im internationalen Vergleich.
Um nicht domestizierte Tiere in die Schweiz einzuführen, braucht es ausser bei Meerschweinchen, Goldhamstern, Ratten, Mäusen und Kanarienvögeln eine Bewilligung des Bundesamts für Veterinärwesen. Bei gefährdeten Arten ist diese nur zusammen mit der Ausfuhrgenehmigung des Herkunftslands gültig. Zudem ist für gewisse Arten eine Haltebewilligung nötig.
Jährlich werden rund 5000 Sendungen von Tieren oder Tierprodukten am Zoll kontrolliert. Sieben bis zehn Prozent werden beanstandet meistens wegen fehlender Papiere. Kann der Importeur diese nicht beschaffen, wird die Sendung konfisziert. 1998 war das bei 395 beanstandeten Sendungen 17 Mal der Fall.
650 Tiere konfisziert
Daneben gibt es auch nicht deklarierte Sendungen also Schmuggelversuche: Sie haben ein Strafverfahren zur Folge. Jedes Jahr ist dies einige Dutzend Mal der Fall. Die konfiszierten Tiere kommen in eine Quarantänestation, die sich in einem Privatzoo in Gossau SG befindet. Von dort aus sucht man für sie einen Platz in einem Zoo im In- oder Ausland. 650 Tiere hat das Bundesamt für Veterinärwesen seit 1975 konfisziert und weitergegeben.
So viel zu den bekannten Fällen. Aber wie viele Schlangen oder Schildkröten kommen schwarz über die Grenze? «In der Schweiz ist der Schwarzmarkt quantitativ nicht erheblich», sagt Peter Dollinger. «Grund für die tiefe Quote ist der kleine Schweizer Markt. Zudem gibt es inzwischen auch bei seltenen Schildkrötenarten Nachzuchten.»
Ursula Eggenschwiler, Vorstandsmitglied der Schildkröteninteressengemeinschaft Schweiz, bestätigt: «Heute gibt es Nachzuchttiere, die so schön sind wie Wildfänge.» Allerdings seien die geschützten Wildfänge einer Anhang-I-Art gerade wegen ihrer Seltenheit besonders begehrt. «Manche Schildkrötenhalter hoffen, dass eine Anhang-II-Art bei der nächsten Artenschutzkonferenz zu Anhang I erhoben wird», sagt Ursula Eggenschwiler. «Das vergrössert ihren Marktwert.» Deshalb ist für Szenekenner klar: Der Schildkrötenschmuggel existiert. Vielfach werden Sendungen von Osteuropa aus verschoben. Die «Feinverteilung» erfolgt in doppelten Autoböden oder durch Reisende, die jeweils zwei Schildkröten in der Jackentasche schmuggeln.
Fachhändler sind sensibilisiert
Gelangt eine Schildkröte einmal in die Schweiz, ist ihr weiterer Weg fast nicht mehr kontrollierbar. Tiere, deren Herkunft nicht lupenrein ist, findet man nachher an Schildkrötenbörsen oder sie werden via Internet und Inserate angeboten.
Nicht so dramatisch wie bei den leicht zu schmuggelnden Schildkröten ist die Situation bei den exotischen Vögeln. «Der Schwarzmarkt ist in der Schweiz sehr klein», sagt Walter Mägerli, Präsident des Interessenverbands Exotis. Zum einen sind kreischende Hyazinth-Aras ein Pärchen kann bis zu 36000 Franken kosten schwierig zu verstecken. Zum andern sind Vögel aus Nachzuchten beringt und somit leicht identifizierbar.
Doch wie steht es mit dem Zoofachhandel? «Früher konnte man in einem Laden einen schwarzen Panther oder einen Wollaffen kaufen», sagt Felix Weck, Präsident des Verbands Zoologischer Fachgeschäfte Schweiz, «doch damit ist Schluss.»
In den letzten Jahren hat sich also doch einiges zugunsten des Artenschutzes getan. Dazu gehört etwa auch, dass über vierzig Fluggesellschaften darunter auch die Swissair keine Vogeltransporte mehr übernehmen. Dennoch: Das Artensterben geht weiter oft aufgrund der Unwissenheit der Menschen. So könnte etwa das herzige Schildkrötlein, das Touristen aus Südfrankreich geschmuggelt haben, in der freien Natur fünfzig Jahre und älter werden. Hierzulande stirbt es jedoch einen langsamen Tod, weil es falsch gehalten wird. Solange sich das Konsumverhalten der Menschen gegenüber der Natur nicht ändert, nützen auch die strengsten Artenschutzbestimmungen wenig.
© Beobachter Ausgabe 22 vom 28. Okt 2000 - Alle Rechte vorbehalten







