Tierschutz: Kontrollen greifen zu wenig
Seit Anfang Februar gibt es neue amtliche Kontrollen bei den Tierhaltern. Doch solange sie vorangekündigt und nicht einheitlich erfolgen, ist ihr Nutzen gering.
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Der St. Galler Kantonstierarzt Thomas Giger ist nicht unumstritten (Beobachter Nr. 6/99). Mit den aktuellen Zahlen zum so genannten ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) hat er sich sicher keine neuen Freunde gemacht: Sie sind nämlich wenig schmeichelhaft.
Der ÖLN ist eine der Voraussetzungen für die Direktzahlungen des Bundes an die Landwirtschaft. Von 920 durch das kantonale Veterinäramt kontrollierten St. Galler Betrieben erfüllten nur 140 vollumfänglich die Minimalanforderungen des Tierschutzgesetzes, weitere 550 wiesen kleinere Mängel auf. Bei immerhin 230 Betrieben musste eine Verfügung wegen Verstössen gegen das Tierschutzgesetz erlassen werden.
Gut jeder Fünfte unter den St. Galler Kontrollierten hält sich also nicht an das Gesetz. «Das sind mehr als bloss ein paar schwarze Schafe», erklärt Giger. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass im letzten Jahr vor allem Wiederholungstäter und jene Tierhalter überprüft wurden, die sich bislang um den ökologischen Leistungsnachweis foutiert hatten.
Nicht deklarierte Medikamente
Auch sind die Kontrollen nur bedingt aussagekräftig. Giger: «Unsere Kontrollen bieten keine Gewähr hinsichtlich des Antibiotikamissbrauchs. Da haben wir keine Chance, wenn ein Tierhalter das eine oder andere Medikament nicht deklariert.» Oft geschehe dies nicht einmal aus böser Absicht, sondern aus Unwissenheit. Im Rahmen eines Pilotprojekts wurden in St. Gallen 42 Tierhalter zu ihrem Medikamenteneinsatz befragt. Ein Drittel von ihnen deklarierte nicht sauber. So wurden zum Beispiel nur jene Medikamente angegeben, die mit einer Spritze injiziert werden. Oder es gingen Antibiotika «vergessen», die gegen Durchfall verfüttert werden.
Laut Giger werden hin und wieder auch Kälber geschlachtet, die «pumpenvoll mit Medikamenten» sind – weil der Verkäufer fälschlicherweise annahm, dass seine Tiere für die Zucht und nicht für den Konsum vorgesehen waren. Werden Antibiotika nämlich fristgerecht abgesetzt, lassen sie sich im Fleisch nicht mehr nachweisen.
Dabei sah vor zwei Jahren alles sehr viel- versprechend aus. Damals wurden hierzulande leistungsfördernde Antibiotika im Tierfutter verboten. Die problematische Mixtur – sie provoziert lebensbedrohliche Antibiotikaresistenzen auch beim Menschen (Beobachter Nr. 6/99) – wurde früher zur Vorbeugung gegen Erkrankungen in die Futtertröge gekippt.
Unbekannte Antibiotikamenge
Doch mittlerweile hat sich Ernüchterung breit gemacht. Denn das Verbot hat nicht viel gebracht, wie Hans-Ulrich Huber vom Schweizer Tierschutz (STS) bestätigt: «Solange die Tiere weiterhin zusammengepfercht auf Beton- und Vollspaltenböden gehalten werden, bleiben das Verbot und alle Kontrollen eine Alibiübung.» Grund: Der Stallstress macht die Tiere krankheitsanfälliger, was dann zum Antibiotikaeinsatz führt – ein Teufelskreis.Offiziell dürften die Tierärzte nur nach einem Stallbesuch Antibiotika zur Vorbeugung verordnen. In der Praxis wird das lange nicht in jedem Fall auch so gehandhabt.
Welche Mengen Antibiotika in Schweizer Ställen verabreicht werden – die Schätzungen gehen bis zu 5000 Tonnen –, bleibt unter Verschluss. Die Importeure halten die Zahlen geheim. Kantonstierarzt Giger hofft auf die neue Tierarzneimittelverordnung: «Wenn dort die Warenflusskontrolle festgeschrieben wird, haben wir endlich den Überblick.»
Heute werden allein 400000 Kühe jedes Jahr routinemässig «trockengestellt» – das heisst: Ihre Zitzen werden mit einem Breitbandantibiotikum behandelt. Nur im Biobereich braucht es dafür seit diesem Jahr ein Attest. Auch Herbert Karch von der Kleinbauernvereinigung VKMB verlangt einen «gläsernen Medizinalfuttermarkt». Denn: «Das sind wir den Konsumentinnen und Konsumenten schuldig.»
Die auf Anfang Februar eingeführte neue amtstierärztliche Kontrolle in allen Tierhaltungsbetrieben ist dabei allerdings keine grosse Hilfe; sie verspricht mehr, als sie halten kann. Zwar steht die Kontrolle unter der fachlichen und organisatorischen Leitung der Kantonstierärzte, aber sie wird in den meisten Kantonen an «unabhängige Amts- oder Bezirkstierärzte» delegiert. «Unabhängig» ist ein grosses Wort, denn diese Ärzte führen oft eigene Grossviehpraxen und verschreiben selber die umstrittenen Antibiotika. «Eine Krähe kratzt doch der anderen kein Auge aus», sagt STS-Experte Hans-Ulrich Huber.
Das kann Stefan Schönenberger von der Bio-Inspecta bestätigen, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Seine Organisation kontrolliert Biobetriebe und erhält gelegentlich Hinweise von Tierärzten über Missstände in Labelbetrieben. Manchmal unter dem Siegel der Verschwiegenheit. «Sie wollen ihre Kunden nicht verlieren», sagt Schönenberger.
Dass die Kontrollen nicht mehr greifen, liegt sicher auch daran, dass sie kantonal unterschiedlich durchgeführt werden. Wie unterschiedlich, lässt sich allein aus der Tatsache ablesen, dass erst ein Drittel der Kantone die personellen Ressourcen geschaffen hat, um überhaupt aktiv zu werden.
Was ebenfalls stutzig macht: Die Kontrollen in den Betrieben werden vorangekündigt. Nur so sei eine effiziente Kontrolle möglich, verteidigt das Bundesamt für Veterinärwesen seine Weisung. Den Kantonen wird nun wenigstens empfohlen, Nachkontrollen ohne Vorwarnung durchzuführen.
Wenig Begeisterung unter Bauern
Vorgesehen ist, dass jährlich zehn Prozent der Rindviehhalter und nur fünf Prozent der übrigen Klauentierhalter amtstierärztlich kontrolliert werden. Es dauert also zehn bis 20 Jahre, bis jeder Hof einmal an der Reihe war. Immerhin ist der Kontrolleur befugt, bei Verdacht auf missbräuchliche Verwendung von Antibiotika Schnelltests vor Ort durchzuführen.
Beim Schweizerischen Bauernverband und bei den Schweizer Milchproduzenten stösst die neue Kontrolle auf wenig Begeisterung. Man begrüsse zwar effiziente Massnahmen zur Verhinderung von Missbräuchen. Aber der Antibiotikaeinsatz sei in der Schweiz bereits streng geregelt, heisst es in ihrer Stellungnahme. Und: «Wir stellen fest, dass es sehr viele Kontrolleure in verschiedenen Bereichen und Institutionen auf den Landwirtschaftsbetrieben gibt und dass dabei gleiche Daten mehrmals erhoben werden. Der administrative Aufwand ist eindeutig zu hoch.»
Tatsächlich gibt es neben den amtstierärztlichen Kontrollen noch weiteren Besuch auf den Höfen. So werden beispielsweise Biobetriebe regelmässig überprüft. Zudem haben die verschiedenen Labels eigene Kontrolldienste, und auch der milchwirtschaftliche Inspektionsdienst schaut den Bauern über die Schultern.
Die Kontrollen mögen für die Bauern lästig sein – hart waren sie bislang jedoch nicht. Vor allem beim ökologischen Leistungsnachweis zeigt sich der Bund sehr nachsichtig. Direktzahlungen gibt es bis Ende des laufenden Jahres sogar ganz ohne Ökonachweis.
Nach Ansicht von Josef Schmidt, Leiter Beratung und Ausbildung im Bundesamt für Veterinärwesen, sollten die Landwirte die Kontrollen als Chance und nicht als Schikane empfinden. Denn: «Letztlich geht es doch um die Lebensmittelsicherheit.»
© Beobachter Ausgabe 9 vom 27. Apr 2001 - Alle Rechte vorbehalten







