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Trabrennen

Pferdemist, Pumps, Promillepegel

Text:
  • Gian Signorell
Bild:
  • Gerry Nitsch
Ausgabe:
20/06

Viel Nervosität, mittlere Wetteinsätze und wenig Glamour: Wenn die Trabergespanne in Aarau um die Schweizer Meisterschaft laufen, steigt bei Pferdebesitzern und Zuschauern der Adrenalinspiegel.

Jean-Pierre Kratzer blickt ernst. Der wohl mächtigste Mann im Schweizer Pferderennsport sitzt, gekleidet in feines Tuch, umgeben von Stallgeruch, in einem der Pferdezelte auf einer Holzkiste. Der ehemalige CS-Topbanker ist Präsident des Schweizer Pferderennsport-Verbands und Direktor des Nationalgestüts IENA (Institut Equestre National Avenches). Vor allem aber ist er der Besitzer von Ludwig du Martza, dem achtjährigen Fuchshengst mit der «stupenden Endschnelligkeit», wie die «Aargauer Zeitung» schrieb.

Ludwig scharrt derweil unbeteiligt mit den Hufen. «Er hat einen glücklichen Charakter», sagt Kratzer, und für einen Augenblick huscht ein versonnener Ausdruck über sein Gesicht. Besitzerstolz. Ludwig du Martza ist ganz und gar Kratzers Produkt. Er hat den Vater ausgesucht, die Mutter auch, er war bei seiner Geburt dabei, begleitet ihn an die Rennen, beobachtet die Fortschritte, bangt bei den Niederlagen. «Es ist mein Kind. 60-mal ist er gelaufen, 45-mal hat er gesiegt. Heute könnte er wieder siegen», sagt der vierfache Vater.

Ein «sehr intensives» Hobby


Darauf zählt etwa Hanspeter Arn, 60, Unterhaltungselektronikhändler aus Kölliken AG. Gewinnt Ludwig, gewinnt auch Arn, denn er hat auf ihn gesetzt. Arn wettet, seit ihn ein Freund einmal an ein Pferderennen mitgenommen hat. Das war vor 30 Jahren. Pferderennsport ist sein Hobby. «Ein sehr intensives», wie er nachschiebt. Gestern Samstag noch hat er im französischen Saint-Louis bei Basel sein Wettglück herausgefordert. In einem Büro, in dem Pferdewetten für Rennen in ganz Frankreich angenommen werden. «Frankreich, das ist natürlich eine ganz andere Liga», sagt Arn in fast verschwörerischem Ton. Die Gewinnmöglichkeiten seien unvergleichlich höher, und vor allem seien die Gewinne nicht der Verrechnungssteuer unterworfen. Konkrete Zahlen nennt er aber keine.

Begeisterung für Pferderennen

«Es ist mein Kind. 60-mal ist er gelaufen, 45-mal hat er gesiegt»: Jean-Pierre Kratzer, Besitzer von Ludwig du Martza



Einige Meter hinter der Rennbahn, durch ein Wäldchen getrennt, befindet sich das improvisierte Fahrerlager. Reihen parkierter Pferdeanhänger, davor die gesamte Palette an Zugfahrzeugen, die die Autoindustrie hervorgebracht hat. Vom spartanischen Landrover bis zum BMW-SUV mit Lederpolstern ist alles vorhanden. Zwei blaue Zelte beherbergen in kleinen Abteilen alle Rennpferde. Die Szenerie erinnerte an den Wagenpark eines Jahrmarkts, wäre da nicht der Geruch nach Pferdedung.

Vor einem der Anhänger ist Renaud Pujol daran, mit wenigen routinierten Handgriffen den Wagen für das kommende Rennen zusammenzusetzen. Sulky heisst das Gefährt. Es besteht aus zwei regenschirmgrossen Rädern, zwei Stangen und einem Sitz, vielmehr: einer Sitzgelegenheit. Keine zehn Kilo wiegen die Spitzenmodelle, Gewicht ist ein Nachteil. Pujol selber ist klein und schmal gebaut. Er wird mit Ludwig du Martza ins Rennen steigen: «Unsere Chancen stehen gut. Wir laufen, um zu gewinnen.» Für Pujol geht es um viel. Er ist der Vorjahressieger, startet als Titelverteidiger. Entsprechend gross sind die Erwartungen auch von Besitzer Kratzer.

Rund zwei Stunden noch dauert es bis zum Rennen. Nicht irgendein Rennen. Um 16 Uhr wird an diesem Sonntag zur Meisterschaft der Traber gestartet, zum prestigeträchtigsten Trabrennen der Schweiz. Startberechtigt sind Sulkypferde, die seit dem Januar des Vorjahres dreimal in der Schweiz gelaufen sind, in diesem Zeitraum mindestens 3’000 Franken gewonnen haben und über eine Totalgewinnsumme von wenigstens 80’000 Franken verfügen.

Begeisterung für Pferderennen

«Eigentlich habe ich ja eher Angst vor Pferden»: Beat Ries, Präsident des Aargauischen Rennvereins



Die zugelassenen Pferde laufen auf der schönsten Rennbahn der Schweiz, so zumindest steht es im Programmheft. Beat Ries wird dem nicht widersprechen. «Jeden Samstag», begeistert sich der Präsident des Aargauischen Rennvereins, «stehen hier bis zu zehn Freiwillige auf der Bahn, schneiden das Gras, die Hecken, bessern Löcher aus.» Und dann ein freimütiges Bekenntnis des Präsidenten: «Eigentlich habe ich ja eher Angst vor Pferden - jedenfalls einen sehr gesunden Respekt.»

Ries gibt sich heute mit den Sponsoren des Rennens ab, «plaudern und Danke sagen», wie er es formuliert. Seit 1924 finden im Schachen Rennen statt. 1944 wurde die Bahn mit Hilfe von polnischen Internierten ausgebaut. Seither werden jedes Jahr vier bis sechs Renntage durchgeführt.

Am Wettstand neben der Zuschauertribüne übertragen Monitore aktuell die Rennen im Ausland. In Hanspeter Arns Augen glitzert Triumph, als er verkündet: «Zwei Siege in Frankreich.» Pelops Turgot heisst das Pferd, das ihm Geld gebracht hat, gelaufen ist es in Graignes, einer Ortschaft in der Normandie. Übel dagegen das Resultat in Longchamp: acht Rennen, kein Gewinn.

Begeisterung für Pferderennen

St. Moritz? Ascot? Im Aarauer Schachen tummelt sich eine Festgesellschaft, wie man sie auch an einer Chilbi treffen könnte.



Der Reiz beim Wetten? «Früher dachte ich, der Sieg eines Pferdes lasse sich sehr einfach voraussagen. Jetzt weiss ich:Man muss die verschiedensten Faktoren, die Tagesform berücksichtigen.» Manche Rösser seien stark im Endspurt, andere hätten eine höhere Grundgeschwindigkeit, könnten aber am Schluss nicht zulegen. Dies alles gelte es, zu bedenken und zu kombinieren, wenn man seine Wetten mache. Und natürlich sei es auch das Geld, das reizt. Mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel herausholen. Das sei die wahre Kunst. «Einmal in Dielsdorf», sagt Arn, rückt ein wenig näher, «hundert zu eins.» Er tritt zurück, linst über den Rand seiner Lesebrille und prüft mit gerunzelter Stirn, ob sich im Gesicht seines Gegenübers Anzeichen finden lassen, die darauf hindeuten, dass dieser die Bedeutung des Gesagten auch wirklich erfasst hat. «Hundert zu eins», wiederholt Arn - wohl zur Sicherheit.

Startschuss — nichts geht mehr


Als es gegen 16 Uhr geht, klingt aus den Lautsprechern auf der Zuschauertribüne Fanfarenmusik. Vor den Wettschaltern werden die Warteschlangen länger. Die Quote für Ludwig du Martza beträgt Fr. 2.90. So viel erhält, wer einen Franken auf seinen Sieg wettet.

Die Masse der Wettfreudigen lässt sich kaum kategorisieren: Da ist etwa eine junge Frau in Schwarz, mit Cowboyhut, hohen Absätzen und sichtlich fast ebenso hohem Promillepegel. Hinter ihr macht eine schon leicht angegraute Dame einen geraden Rücken, der cremefarbene Rock ist bodenlang, die Bluse ist aus Crêpe de Chine, und die rot lackierten Fingernägel sind ein Schulbeispiel für gepflegte Maniküre. Ein Japaner im rosa Polohemd sucht mit gerunzelter Stirn Orientierung im Rennprogramm.

Begeisterung für Pferderennen

«Wir laufen, um zu gewinnen»: Voller Zuversicht startete Titelverteidiger Renaud Pujol mit Ludwig du Martza.



Punkt 16 Uhr zieht im Wettbüro der junge Mann im weissen Hemd zwar freundlich lächelnd, aber resolut das Fenster hinunter. Jetzt geht nichts mehr. Der Startschuss zur Meisterschaft ist gefallen, die Gespanne preschen los.

Arn beobachtet das Geschehen durch die Linse seiner Videokamera. Als Habitué hat er Zutritt zu den Kabinen am oberen Rand der Tribüne. Dorthin, wo Rennleitung und Journalisten sitzen. Seit 30 Jahren zeichnet er jedes wichtige Rennen auf; rund 10’000 sind es mittlerweile, gespeichert auf 500 Kassetten. «Ich bin wohl schweizweit der Einzige mit einer solchen Sammlung.»

Das Bildmaterial sei für ihn Arbeitswerkzeug. Ob ein Pferd besser rechtsherum oder linksherum läuft, solche und ähnliche Fragen liessen sich anhand der Bänder analysieren. «Ich habe aber auch andere Hobbys», betont Arn. Er reise sehr gern - und kenne deshalb sehr viele ausländische Rennbahnen.

Begeisterung für Pferderennen

Unten auf der Bahn gehen die Gespanne in die letzte Runde. Renaud Pujol steuert klug, Ludwig du Martza läuft gut. Aber nicht gut genug: Beim Zieleinlauf fehlt den beiden eine Pferdelänge auf den Sieger. So bleibt es Pujol verwehrt, auf der Ehrentafel an der Tribüne mit seinem Namen verewigt zu werden.

Zur Siegerehrung wird die Nationalhymne gespielt. Nach und nach, mit den ersten Klängen, erheben sich die Zuschauer andächtig von den Rängen, und es wird stiller. Nur eine Frau um die 60 will sich nicht in die verordnete Ergriffenheit einfügen. Lautstark teilt sie ihrer Gesprächspartnerin mit: «De Chari isch im Spital z Basel unde. Es söll im gar nid guet goo!» Die Kollegin nickt mitfühlend.

«Nein, das ist jetzt der Hammer»


Im Fahrerlager spritzt Pujol sein Pferd mit Wasser ab und reibt es anschliessend mit dem Schweissmesser trocken. «Ich bin zufrieden. Dieses Pferd rennt gut», sagt Pujol und tätschelt den Hals von Ludwig du Martza. In diesem Augenblick klingelt das Telefon. Schlechte Nachrichten: Die Gangartrichter haben Ludwig disqualifiziert. «Das ist der Hammer», sagt Pujol, schaut zu Boden, dann zu seinem Pferd, dann in die Landschaft und wiederholt: «Nein, das ist jetzt wirklich der Hammer.»

Macht ein Pferd auf der Zielgeraden einen Galoppsprung oder fünf unerlaubte Schritte, scheidet es aus. So will es das Rennreglement. Renaud Pujol muss sich das Preisgeld für den zweiten Rang - immerhin rund 8’500 Franken - ans Bein streichen.

Leer ausgegangen ist auch der regelmässige Rennplatzbesucher Werner Schmid. Er ist Präsident des Inländer-Clubs, eines Fanklubs für Freunde des inländischen Vollblutpferdes. Favoritenwetten sind seine Sache nicht. «Ich bin eine Spielernatur.» Er wettet auf Aussenseiter. Das klappt selten. Aber wenn, dann schenkt es ein. 20 Euro Einsatz, 570 Euro Gewinn, das ist eine seiner Meisterleistungen. Jetzt sitzt er zufrieden beim Bier auf einer der Festbänke hinter der Tribüne und hat eine Botschaft: «Schreiben Sie, dass der Rennsport mitnichten eine elitäre Veranstaltung ist. Schauen Sie sich um: Gehören diese Leute etwa zu den oberen Zehntausend?»

Begeisterung für Pferderennen

Schmid hat Recht. An den mit Wachstuch bezogenen Tischen sitzt eine Festgesellschaft, wie man sie auch an einer Chilbi treffen würde, bunt durchmischt, auffallend viele Kinder. Hüte sind selten, und die wenigen Exemplare reichen von ihren Ausmassen her bei weitem nicht an diejenigen heran, die man von Bildern aus St. Moritz oder Ascot kennt.

In Werner Schmids Familie hat die Passion für Pferde Tradition: Sein Urgrossvater war Herrschaftskutscher in Zürich Enge, transportierte in dieser Eigenschaft Berühmtheiten wie Gottfried Keller durch die Strassen.

Am Stand mit den Monitoren unterbricht Hanspeter Arn kurz seine Lektüre des französischen Fachmagazins «Paris Turf», blickt zum Monitor hoch, schiebt seine Brille ein wenig nach vorn. Am Schirm zu sehen ist ein weiteres Trabrennen. «Da hab ich nichts», sagt Arn kurz angebunden, versenkt sich wieder in die Zahlenreihen und Kolonnen von «Paris Turf», im Bemühen, seine Bestleistung zu toppen: hundert zu eins.

© Beobachter Ausgabe 20 vom 27. Sep 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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