Werbung: Kaufverhalten der Kinder schulen
Banken umwerben Siebenjährige, Telekomfirmen bemühen sich um Schüler: Werber nehmen Kinder ins Visier – doch Eltern können Gegensteuer geben.

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Die Sprösslinge können kaum das Alphabet aufsagen,
und schon erhalten sie persönlich adressierte Post von
der Bank: In ihren Mailings an Siebenjährige lockt die
UBS mit Einladungen für Kinopremieren und Malwettbewerbe.
Was Eltern staunen lässt, ist für Marketingprofis
längst Teil der Werbestrategie: «Eine Bankbeziehung
beginnt bereits sehr früh», erklärt UBS-Sprecher
Axel Langer das Bemühen um die jungen Kunden, «zudem
wächst die Loyalität gegenüber der Bank mit
der Dauer der Kundenbeziehung.»
Auf junge Kunden setzen auch die SBB. Kinder mit Juniorkarte
erhalten neuerdings adressiertes Werbematerial mit coolen
Reiseangeboten. So sollen den «Jugendlichen neue Türen
zur Bahn» eröffnet werden, heisst bei der SBB-Zentrale.
Selbst vor der Schule machen die Werber nicht Halt. So bringt
beispielsweise die Swisscom «Schulen ans Netz»,
und Banken sponsern die Theatervorstellung für ganze
Klassen inklusive Gratisglace.
Werbe-Investitionen lohnen sich
In der Schweiz geben Firmen jährlich zwischen 50 und
70 Millionen Franken für an Kinder gerichtete Werbekampagnen
aus. Neue Produkte erscheinen geschickt platziert in Kinderfilmen,
und die Werbezeit ist in den von Kindern bevorzugten Fernsehkanälen
grosszügig bemessen.
Die Investitionen lohnen sich. Denn die Kinder sind aktive
Kunden. Allein die Schweizer Teenager konsumieren gemäss
einer Berechnung des Elternmagazins «Fritz und Fränzi»
Kleider, Ferien, Transporttickets, Schleckzeug, Unterhaltungselektronik
und Telefondienstleistungen für rund drei Milliarden
Franken pro Jahr.
Kinder beeinflussen ihre Eltern
Markenbindung beginnt früh. Schon Dreijährige können
sich einzelne Produkte merken und wissen bald, was sie haben
wollen. Im Alter zwischen 15 und 18 Jahren haben die Jugendlichen
klare Präferenzen für gewisse Marken, denen sie
unter Umständen das ganze Leben treu bleiben.
Häufig haben die Werber aber via Kinder auch die Eltern
im Visier. So bestimmen laut einer Studie der deutschen Zeitschrift
«Eltern» die Kinder zu immerhin 60 Prozent mit,
welches neue Auto gekauft wird und welche Lebensmittel im
Einkaufskorb landen. Gar zu 80 Prozent beeinflusst der Nachwuchs
die Wahl des Feriendomizils.
Gabrielle Bieber-Delfosse hat den Einfluss der Medien auf
junge Menschen untersucht. Kinder und Jugendliche seien eine
besonders empfängliche Zielgruppe für die Werbung,
sagt die Rheinfelder Psychotherapeutin. «Sie identifizieren
sich stark mit den Personen in der Werbung, weil sie heute
eher in Kleinfamilien aufwachsen und ihnen deshalb reale Vorbilder
in der Grossfamilie oder in der Dorfgemeinschaft fehlen. Die
Darsteller in den Medien füllen diese Lücke.»
Zudem merken Kinder schnell, dass die richtige Marke sie mit
anderen Menschen verbindet während zum Beispiel
die falsche Kleidermarke zum Ausschluss aus einer Gruppe führen
kann.
Und die Eltern? Sie baden die Folgen der von Medien und
Werbung geschürten Wünsche der Kinder aus. Denn
die Kids haben durchaus wirkungsvolle Methoden, um ans Ziel
zu kommen: Manche betteln oder weinen bewusst in der Öffentlichkeit,
um das Gewünschte zu erzwingen. «Alle Eltern wollen,
dass ihre Kinder auf der Sonnenseite des Lebens stehen»,
erklärt Bieber-Delfosse das Problem vieler Erzieher,
«so können sie von ihren Sprösslingen leichter
erpresst werden.» Wer will verantworten müssen,
dass die eigene Tochter zur Aussenseiterin wird, weil sie
keine «Miss Sixty»-Hosen besitzt, oder der Sohn
in der Schule ausgelacht wird, weil er die falschen Turnschuhe
trägt?
Dabei tun Eltern gut daran, den Kindern nicht immer alle
Wünsche zu erfüllen, sagt Bieber-Delfosse. «Wenn
Eltern Nein sagen können, können es auch ihre Kinder
später besser.»
Ein Trost bleibt den Eltern: Die Faszination der Werbung
nimmt ab, je älter der Sprössling wird. Bis es so
weit ist, kann die Werbeflut immerhin gedrosselt werden. So
erklärt etwa Axel Langer von der UBS: «Selbstverständlich
können Sie den Wunsch anbringen, dass Ihre Kinder von
uns nicht mehr beworben werden.»
Weitere Infos:
Die Elternnotrufnummer 01 261 88 66 gibt zwischen 8 und
17 Uhr Auskünfte zu allen Erziehungsfragen in
Krisensituationen sogar rund um die Uhr.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten









