Zahnersatz Den Dritten auf den Zahn gefühlt

Jeder fünfte Erwachsene in der Schweiz hat ein Gebiss. Die künstlichen Zähne sind in erster Linie Gewöhnungssache.

Ein künstliches Gebiss? – «Nie im Leben!», schwor sich Helen Kocherhans in jungen Jahren. Sie pflegte ihre Zähne deshalb immer gut. Doch kurz nach dem 70. Geburtstag fangen ihre Zähne an zu wackeln. Der Zahnarzt muss zwei lockere Zähne ziehen und eine Brücke einsetzen. Er werde ihr noch weitere Zähne ziehen müssen, sagt er. Und: Sie müsse sich auf ein künstliches Gebiss gefasst machen.

Bei älteren Menschen ist es meist Parodontitis, die zu Zahnverlust führt: Bakterielle Beläge (Plaques) greifen das Zahnfleisch und den Kieferknochen an, so dass die Zähne locker werden. Heute weiss man, dass eine korrekte Zahnreinigung und eine professionelle Dentalhygiene Schäden verhindern oder stoppen können. Doch diese Erkenntnis kommt für viele ältere Menschen zu spät.

Solange nur wenige Zähne fehlen, können Brücken oder Implantate eingesetzt werden (siehe Nebenartikel «Brücke oder Gebiss: Die Plus- und Minuspunkte der verschiedenen Zahnersatzmethoden»). Solche Lösungen sind aber kostspielig und halten nicht ewig, so dass sich viele Menschen früher oder später für eine herausnehmbare Teil- oder Totalprothese – ein Gebiss – entscheiden. Im Jahr 2000 trugen 18 Prozent aller Erwachsenen in der Schweiz eine Totalprothese im Oberkiefer und rund ein Drittel von ihnen auch eine im Unterkiefer.

Prothesen bestehen aus Porzellanzähnen und einem rosafarbenen Kunststoffteil. Teilprothesen werden meist mit Klammern an verbleibenden Zähnen befestigt. Normale Totalprothesen halten dank einem Saugeffekt. Vor allem bei flachem Unterkiefer kann es sich aber lohnen, die Totalprothese über eigene Zahnwurzeln oder Implantate (künstliche Zahnwurzeln) am Kiefer zu befestigen (so genannte Hybridprothese).

«Technisch ist heute fast alles machbar», sagt Esther Hofer von der Zürcher Klinik für Alters- und Behindertenzahnmedizin. Für Implantate und Teilprothesen sind bei schlechten Ausgangsbedingungen aber umfangreiche Vorbehandlungen nötig, die viel Zeit und Geld kosten.

Man sollte sich deshalb vom Zahnarzt genau über die verschiedenen Optionen und ihre Vor- und Nachteile (inklusive Prothesenhalt und Einheilzeiten sowie Behandlungsdauer) informieren lassen, Kostenvoranschläge verlangen und bei Bedarf eine Zweitmeinung einholen.

Helen Kocherhans entscheidet sich auf Empfehlung ihres Zahnarztes für ein Druckknopfsystem: Auf den gesunden Wurzeln ihrer Eckzähne werden Wurzelkappen mit Halteelementen (Druckknöpfe) befestigt, auf denen die Prothese einrastet. Wirklich schlimm ist für sie nur das Zähneziehen. Es tut zwar nicht weh. Aber es macht sie traurig, ihre zum Teil völlig gesunden Zähne, die sie ein Leben lang sorgfältig gepflegt hat, hergeben zu müssen.

Das Einpassen ist entscheidend


Nach dem Zahnziehen nimmt der Zahnarzt einen Abdruck vom Kiefer. Er fertigt ein Wachsmodell an, das der individuellen Mundsituation genau entspricht. Ins Modell werden Zähne eingesetzt, die zum Gesicht des Patienten passen – sie können individuell beschliffen und eingefärbt werden. Bei der Einprobe muss der Zahnarzt sorgfältig prüfen, ob der Patient den Mund frei bewegen, richtig beissen und ungehindert gähnen, lachen und sprechen kann. Ungefähr in der sechsten Sitzung wird das definitive Gebiss eingesetzt. Zahnärztin Esther Hofer mahnt Patienten dann jeweils zur Geduld: Vor allem wer vorher keine Teilprothese hatte, braucht eine Weile, um sich an eine Totalprothese zu gewöhnen.

Auch Helen Kocherhans empfindet die Prothese anfangs als Fremdkörper. Es ist ungewohnt, beim Sprechen mit der Zunge an eine Kunststoffplatte anzustossen. Sie muss wieder lernen, deutlich zu artikulieren, damit ihre hörbehinderte Tochter von ihren Lippen ablesen kann. Schon bald besucht die weltoffene Frau aber neben Vorlesungen an der Seniorenuniversität auch wieder Englisch- und Französisch-Konversationskurse, ohne sich durch die Prothese behindert zu fühlen.

Heute setzt die dreifache Mutter und achtfache Grossmutter ihre Dritten abends nach der Reinigung jeweils wieder ein, weil ihr in der Nacht sonst etwas fehlt. Auch von ihrem Aussehen ist Helen Kocherhans positiv überrascht: Die meisten Leute merken gar nicht, dass sie eine Prothese trägt.

Einzig beim Essen sei es «schon nicht mehr dasselbe», findet sie. Rohes Gemüse und Fleisch muss sie fein zerschneiden – mit Totalprothesen ist das Essen von harten Früchten und Gemüsen am Stück verboten. Helen Kocherhans etwas wehmütig: «Manchmal sehne ich mich nach der Zeit zurück, als ich noch in knackige Äpfel beissen durfte.»

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07. Juli 2005, Beobachter 14/2005