25 Jahre brauchte die Post, um einen nicht zustellbaren Brief an den Absender zu retournieren. Ein Einzelfall, heisst es. Denkste.
Die Genfer Gewerkschaft SIT staunt nicht schlecht: Da erhält sie Mitte Februar einen Brief, den sie vor 25 Jahren an ein Mitglied abgeschickt hat. Die Post hat ihn retourniert, weil er unzustellbar war. «25 Jahre brauchte die Post, um das zu merken», frotzelt darauf die Gewerkschaft in einer Mail an die Medien.
Das Ereignis wirft Fragen auf. Wo lag der Brief ein Vierteljahrhundert lang? Post-Mediensprecherin Nathalie Salamin lässt in den Medien verlauten, der Vorfall sei «nicht mehr nachvollziehbar».
Auf erneute Rückfrage antwortet Post-Mediensprecher Mariano Masserini: «Nein, wir wissen nicht, wo der Brief so lange gelegen ist. Das ist nicht mehr rekonstruierbar.» Aber es muss doch ein tatsächlich existierender Pöstler den Brief der Gewerkschaft überbracht haben. Wo hat er ihn gefunden? «Nicht rekonstruierbar», meint Mariano Masserini, betont dann aber sofort: «Das ist ein Einzelfall.»
Ein Einzelfall? Und was war mit den 137'00 Einladungen an die Technologieausstellung «Comm 08»? Etliche von ihnen stellte die Post Ende September 2008 den Militärangehörigen zwei Wochen zu spät zu – notabene erst nach der Ausstellung. «Ein Einzelfall», meinte damals Post-Mediensprecher Richard Pfister. Es handle sich um ein Missverständnis.
Und was war denn mit der A-Post-frankierten Weihnachtskarte, die ein Einwohner von Bellach SO erst Mitte Mai 2008 erhielt, also viereinhalb Monate zu spät, obwohl der Absender nur anderthalb Kilometer entfernt wohnte? «Ein Einzelfall», erklärte damals Post-Mediensprecher Oliver Flüeler.
Die Einzelfälle häufen sich. «Hören Sie doch auf», empört sich Post-Mediensprecher Mariano Masserini. «96 Prozent aller Post wird in der Schweiz rechtzeitig zugestellt. In anderen Ländern herrschen da ganz andere Zustände.»
Fürwahr. In Frankfurt versteckte ein 23-jähriger Postbeamter 20'000 Briefe in seiner Wohnung. Und im niederbayerischen Straubing hortete eine Briefträgerin 10'000 Briefe: Ein Berg von 18 Waschkörben und Plastiksäcken sei «postlagernd im Schlafzimmer» sichergestellt worden, teilte die Polizei mit. Der 21-jährigen geständigen Täterin war man auf die Schliche gekommen, weil sich Kunden beschwert hatten.
Vielleicht täte die Post besser daran, den «Einzelfall» des Briefs, der erst nach 25 Jahren an die Genfer Gewerkschaft retourniert wurde, zu «rekonstruieren». Eventuell käme man plötzlich auch hierzulande einem aufbewahrungsfreudigen, aber reuigen Briefträger auf die Schliche. Die Antwort von Post-Mediensprecher Flüeler-Pfister-Masserini-Salamin auf eine solche Entdeckung kennen wir schon heute: «Einzelfall!»
Nachlese
Schon wieder so ein Einzelfall
25 Jahre brauchte die Post, um einen nicht zustellbaren Brief an den Absender zu retournieren. Ein Einzelfall, heisst es. Denkste.
Alles schön sortiert: für Fachleute der Post unerklärlich, wie da ein Brief verschwinden kann
Artikel zum Thema
Post: Kuriere sind zum Hungerlohn unterwegs
(Ausgabe: 4/09)
Die Genfer Gewerkschaft SIT staunt nicht schlecht: Da erhält sie Mitte Februar einen Brief, den sie vor 25 Jahren an ein Mitglied abgeschickt hat. Die Post hat ihn retourniert, weil er unzustellbar war. «25 Jahre brauchte die Post, um das zu merken», frotzelt darauf die Gewerkschaft in einer Mail an die Medien.
Das Ereignis wirft Fragen auf. Wo lag der Brief ein Vierteljahrhundert lang? Post-Mediensprecherin Nathalie Salamin lässt in den Medien verlauten, der Vorfall sei «nicht mehr nachvollziehbar».
Auf erneute Rückfrage antwortet Post-Mediensprecher Mariano Masserini: «Nein, wir wissen nicht, wo der Brief so lange gelegen ist. Das ist nicht mehr rekonstruierbar.» Aber es muss doch ein tatsächlich existierender Pöstler den Brief der Gewerkschaft überbracht haben. Wo hat er ihn gefunden? «Nicht rekonstruierbar», meint Mariano Masserini, betont dann aber sofort: «Das ist ein Einzelfall.»
Ein Einzelfall? Und was war mit den 137'00 Einladungen an die Technologieausstellung «Comm 08»? Etliche von ihnen stellte die Post Ende September 2008 den Militärangehörigen zwei Wochen zu spät zu – notabene erst nach der Ausstellung. «Ein Einzelfall», meinte damals Post-Mediensprecher Richard Pfister. Es handle sich um ein Missverständnis.
Und was war denn mit der A-Post-frankierten Weihnachtskarte, die ein Einwohner von Bellach SO erst Mitte Mai 2008 erhielt, also viereinhalb Monate zu spät, obwohl der Absender nur anderthalb Kilometer entfernt wohnte? «Ein Einzelfall», erklärte damals Post-Mediensprecher Oliver Flüeler.
Die Einzelfälle häufen sich. «Hören Sie doch auf», empört sich Post-Mediensprecher Mariano Masserini. «96 Prozent aller Post wird in der Schweiz rechtzeitig zugestellt. In anderen Ländern herrschen da ganz andere Zustände.»
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«Postlagernd im Schlafzimmer»
Fürwahr. In Frankfurt versteckte ein 23-jähriger Postbeamter 20'000 Briefe in seiner Wohnung. Und im niederbayerischen Straubing hortete eine Briefträgerin 10'000 Briefe: Ein Berg von 18 Waschkörben und Plastiksäcken sei «postlagernd im Schlafzimmer» sichergestellt worden, teilte die Polizei mit. Der 21-jährigen geständigen Täterin war man auf die Schliche gekommen, weil sich Kunden beschwert hatten.
Vielleicht täte die Post besser daran, den «Einzelfall» des Briefs, der erst nach 25 Jahren an die Genfer Gewerkschaft retourniert wurde, zu «rekonstruieren». Eventuell käme man plötzlich auch hierzulande einem aufbewahrungsfreudigen, aber reuigen Briefträger auf die Schliche. Die Antwort von Post-Mediensprecher Flüeler-Pfister-Masserini-Salamin auf eine solche Entdeckung kennen wir schon heute: «Einzelfall!»
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© Beobachter Ausgabe 9 vom 29. Apr 2009 - Alle Rechte vorbehalten