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Fussballtest

«Kein Ball geht von selbst ins Tor»

Text:
  • Sven Broder
  •  und Balz Ruchti
Bild:
  • Gerry Nitsch
Ausgabe:
10/10

Georges Bregy weiss, wie das runde Leder fliegen muss. Der Ex-Profi hat für den Beobachter sechs Fussbälle getestet.

Fussballtest: «Kein Ball geht von selbst ins Tor»

Drauftreten, 10'000-mal, mit Schleifpapier behandeln, in Wasser einlegen oder mit teuren Geräten Druckverlust und Rückprall messen: Es gibt viele Möglichkeiten, die Qualität eines Fussballs zu ermitteln. Die Resultate sind oft nicht überraschend: Die teuersten Bälle schneiden meist am besten, die billigsten am schlechtesten ab. So gesehen etwa im Fussballtest in der aktuellen «K-Tipp»-Ausgabe.

Doch was nützt einem Fussballspieler ein Leder, das nie kaputtgeht, dafür fliegt wie ein nasser Sack? Oder flattert wie eine angeschossene Taube? Der Beobachter lud deshalb Georges Bregy zum ultimativen Praxistest. Die Aufgabe des Ex-Nationalspielers: sechs Bälle un­terschiedlichster Qualitäts- und Preisklassen möglichst präzise in die Maschen zu hauen – wie bei seinem legendären Frei­stosstor an der Weltmeisterschaft 1994 (siehe «Das Original»). Die Auswahl reicht vom günstigen Fair-Trade-Ball aus der Migros bis zu den High­end-Produkten von Nike und Adidas.

Das teuerste Leder ist aus Kunststoff

Bregy geht die Sache mit Eifer und der nötigen Ernsthaftigkeit an. Die Freistoss­situa­tion von anno dazumal ist ihm noch so präsent, dass er jede noch so kleine Ab­weichung vom «Original» peinlich genau korrigiert. Kommt hinzu: Den Torwart erwischte Bregy damals buchstäblich auf dem falschen Fuss. «Meola spekulierte auf die kurze Ecke», erinnert er sich. Der Test-Tormann hingegen «ahnt» stets die richtige Ecke – was Bregy im Stil des Fuss­ball­lehr­meisters kommentiert: «Der steht ja schon dort, wenn ich anlaufe.» Auch mit 52 Jahren mag er es nicht, wenn jemand seine Freistösse hält.

Von allen Testbällen interessiert das Abschneiden des «Jabulani», des offiziellen WM-2010-Balls, natürlich am meisten – zumal er preislich fraglos in der obersten Liga spielt: Fr. 179.90 kostet das rundeste aller Leder, das aber keines mehr ist. Der aus acht «thermisch verschweissten und sphärisch geformten 3-D-Panels» zusammengeklebte Ball besteht ausschliesslich aus Polyurethan. Nichts für Nostalgiker. Trotzdem: Wer  so anspruchsvoll ist wie Bregy, wird seine Freude haben. Schon sein erster Schuss senkt sich ins hohe Eck. Bregy ist zufrieden: «Schöner kann man den nicht schiessen.»

Ein guter Ball macht aber noch keinen guten Fussballer. «Kein Ball geht von selbst ins Tor», sagt der Altmeister. Man müsse jeden Ball seinen Eigenschaften entsprechend richtig treffen. «Der ‹Jabulani› und der ‹T90 Ascente› von Nike entwickeln eine ganz andere Flugbahn, weil sie den Drall besser mitnehmen. Die anderen Bälle muss­te ich viel schärfer treten, obwohl sie ähnlich schwer sind.»

Bregys Beobachtung widerspiegelt sich im Trefferbild: Die beiden Matchbälle «Ascente» und «Jabulani» landen mit Abstand am häufigsten im Winkel, während bereits die Bälle der mittleren Preisklasse immer wieder halbhoch Richtung Tormitte oder meterweit ins Aus segeln.

Für den Schulhof reicht ein billiges Modell

Doch es gebe im Grunde keine schlechten, sondern nur unpassende Bälle, sagt Bregy: «Es macht keinen Sinn, sich einen teuren Ball zu kaufen, um auf dem asphaltierten Pausenplatz zu kicken.» Dafür reichten die billigeren. Ihm aber nicht. Dem Fan-Ball von Puma kann er wenig Positives abgewin­nen. «Der tönt schon merkwürdig, wenn man draufhaut», sagt Bregy – und er fliegt auch entsprechend: ohne Tempo, ohne Drive; eher Marketinggag als Sportgerät.

Der Fair-Trade-Ball «Extend», mit Fr. 29.90 nur 10 Rappen teurer als das Fan-Leder, stellt Bregy hingegen zufrieden. «Gar nicht schlecht», meint er. Die Verarbeitung der beiden billigsten Bälle lasse jedoch wenig Gutes ahnen: «Lange halten die nicht», meint er, «und im Regen saugen die sich bestimmt voll und werden schwer wie Steine.» Und dann stossen auch die besten Frei­stossschützen an ihre Grenzen.

Georges Bregys Freistoss-Test: Vom offiziellen WM-Matchball bis zum billigen «Ledersack»

Adidas «Jabulani» Fr. 179.90

Offizieller WM-Ball. Edles Hightech-Produkt. Ist bei Qualitäts­tests meist «sehr gut». Zu schade für den Pausenplatz. Bregy-Faktor: 10 Schüsse, 5 Treffer

Nike «T90 Ascente» Fr. 169.80

Gut verarbeitet, für höchste Ansprüche. Ebenfalls etwas für Rasenzauberer und nichts für Asphalt-Racker. Bregy-Faktor: 10 Schüsse, 3 Treffer

Striker «Match» Fr. 89.90

Wirkt erst behäbig, entpuppt sich aber als präziser Torgarant. Für ambitionierte Hobbykicker. Bregy-Faktor: 10 Schüsse, 5 Treffer

Puma «King» Fr. 44.90

Gute Qualität für einen fairen Preis. Am Fuss etwas schwerfällig, kein einheitliches Trefferbild. Bregy-Faktor: 10 Schüsse, 3 Treffer

Extend «Fair Trade» Fr. 29.90

Billige Verarbeitung, grobe Nähte. Vor allem etwas fürs gute Gewissen und Spiele auf dem Schulhof. Bregy-Faktor: 10 Schüsse, 1 Treffer

Puma «SFV Fan-Ball» Fr. 29.80

Billig verarbeitet, grobe Nähte. Für ­anspruchslose Fans der Fussballnati. Mehr Marketinggag als Sportgerät. Bregy-Faktor: 10 Schüsse, 0 Treffer

Das Original: Machs nochmal, Bregy!

Es war das Eröffnungsspiel der WM 1994; Schweiz gegen Gastgeber USA. In der 39. Minute wurde Alain Sutter an der Strafraumgrenze gefoult. Der Frei­stossschütze vom Dienst, Georges Bregy, nahm Anlauf. Vier Amerikaner standen in der Mauer. Bregy zwirbelte den Ball aus halblinker Position um die Mauer herum und erwischte US-Goalie Tony Meola in der hohen Ecke. «Es gibt nur einen Georges Bregy», schwärmte Beni Thurnheer daraufhin – und wurde von Eric Wynalda sogleich eines Besseren belehrt. Er traf mindestens so spek­takulär zum späteren Endstand 1:1.

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