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Beschwerden

Prix Blamage für Gauner-Brüder

Text:
  • Martin Müller
Bild:
  • Martin Leissl
Ausgabe:
1/08

Die Gebrüder Schmidtlein haben ihren Vorjahressieg souverän verteidigt: Noch nie gab es beim Beobachter-Beratungszentrum so viele Klagen wie über die beiden Internetabzocker. Grund genug für einen Besuch bei den Schmidtleins in Deutschland.

An der Trift, In den Rödern, Auf dem Zehnthöbel: Die an alte geogra­phi­sche Begriffe angelehnten Strassen­namen gaukeln eine dörfliche Idylle vor. Doch in 64572 Worfelden, Ortsteil der süd­hessischen Gemeinde Büttelborn, stehen die Einfamilienhäuser akkurat in Reih und Glied. Die Metzgerei Petri hat den Laden vor geraumer Zeit dichtgemacht, das Schuhgeschäft Schöneberger macht Urlaub, im Friseursalon Schnibbelstube ist niemand anzutreffen. In Worfelden wird in erster Linie geschlafen - gelebt, gearbeitet wird im 15 Kilometer entfernten Darmstadt oder 35 Kilometer nördlich in Frankfurt am Main.

Im gleichen Viertel, Vor der Hube 3, werden jedoch Millionen umgesetzt: eine Adresse, die Zehntausenden Schweizern ge­läufig ist. Hier wohnen Andreas (33) und Manuel (23) Schmidtlein, von hier aus betreiben sie ihre gemeinsame Firma, die mit der Unerfahrenheit von Kindern und älteren Leuten gutes Geld macht. Wer auf einer von mehreren Dutzend Internet­seiten (wie etwa basteln-heute.de oder gedichte-heute.com) Name und Anschrift eintippt, löst damit unversehens ein Zwei-Jahres-Abo über 286 Franken aus. Wer nicht umgehend zahlt, wird mit drohenden Mahnun­gen eingedeckt. Wie schon 2006 sorgte die Firma der Schmidtleins auch im Jahr 2007 mit Abstand für die meisten Klagen und Beanstandungen im Beobachter-Beratungs­zentrum (siehe nachfolgender Kasten «Prix Blamage: Die Flop 5») und erhält wiederum den «Prix Blamage».

 

In Büttelborn-Worfelden, 95 Meter über Meer in der Rhein-Main-Ebene gelegen, im Jahr 1225 erstmals urkundlich erwähnt, 4'283 Einwohner, kennt man sich. Über den Vater der Gebrüder Schmidtlein wissen die Einheimischen nur Positives zu berichten. Er engagiere sich im Ortsverein, wissen die einen. Im Gegensatz zu seinen Söhnen sei er in der Gemeinde integriert, sagen andere, um gleich anzufügen: «Er ist ja nicht für seine Söhne verantwortlich.» - «Der Vater kauft ab und zu hier seine Brötchen ein», sagt die Bedienung in der Bäckerei Schmidt und kassiert 2 Euro 30 für einen Kaffee und ein Stück Kirsch-Streuselkuchen, über die Söhne wisse sie nichts.

Kein Gehör für die Geschädigten

Aus dem Kamin steigt Rauch, hinter den Vorhängen brennt Licht, das Buchsbäumchen neben der Eingangstür ist weihnachtlich beleuchtet. Die etwa drei Meter hohe Hecke zur Strasse hin, der rund ums Haus gezogene Holzzaun lassen nur scheue Blicke zu aufs grosse rote Ziegelhaus mit dem Wintergarten im Erdgeschoss und der gros­sen Laube im ersten Stock. Gerne hätte der Beobachter die Hausbewohner gefragt, wie sie sich die Tausenden von Reklamationen erklären, gerne hätten wir ihnen den Prix Blamage für ihr zweifelhaftes Geschäfts­gebaren überreicht. Doch es öffnet niemand - haben sie dank der über der Klingel an­gebrachten Kamera die unerwünsch­ten Reporter erkannt? Mehr Glück hat der Getränkehändler, der fünf Minuten später vorfährt. Ein leises Summen, das Gartentor öffnet sich, und er tauscht drei leere Kisten Beck’s-Bier gegen volle aus.

Das Haus der Schmidtleins ist stattlicher als hier üblich, doch eine bevorzugte Wohnlage haben sich die Internetabzocker nicht gesucht. Im Zweiminutentakt dröhnen die Düsenjets vom 17 Kilometer entfernten Flughafen Frankfurt über Büttelborn-Worfelden hinweg. «Eine Sauerei», sagen die drei Männer am Abend an der Theke der «Speisegaststätte zum Löwen», gegenüber dem Büttelborner Rathaus, und meinen nicht das Geschäftsgebaren der Schmidtleins. Der Kraftausdruck gilt dem von der hessischen Landesregierung an diesem Tag gebrochenen Versprechen: Der Flughafen darf eine vierte Piste bauen, was 40 Prozent mehr Starts und Landungen ermöglicht - das im Gegenzug zugesicherte Nachtflugverbot bleibt toter Buchstabe.

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Klar, auch das Geschäftemachen der Schmidtleins sei eine Sauerei, sagen die drei Büttelborner auf Nachfrage. «Aber was will man dagegen machen?», fragen sie resigniert und bestellen noch ein Darmstädter Pils. Das ist auch ziemlich genau die Position von Horst Gölzenleuchter, 60 Jahre alt, seit 24 Jahren Bürgermeister von Büttelborn, bloss drückt er es ein ­bisschen gewählter aus. Gewerberechtlich gebe es nichts zu beanstanden, die Steuern würden offenbar korrekt bezahlt. «Mir sind die Hände gebunden. Was ich tun kann, habe ich getan», sagt Sozialdemokrat Gölzenleuchter, und fast kriegt man ein bisschen Mitleid mit dem Mann, der doch nur das Beste für seine Gemeinde will und dann immer wieder mit Negativschlagzeilen wegen zweier Einwohner konfrontiert wird.

«Es braucht politische Entscheide von weiter oben, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten», fordert der Bürgermeister. Zum Beispiel, dass das Rücktrittsrecht von solchen Verträgen erst dann zu laufen beginne, wenn die Rechnung eingetroffen sei. Oder dass vor dem entscheidenden Mausklick, mit dem der Vertrag geschlossen wird, unmissverständlich auf die Kosten hingewiesen werden muss.

Betroffene laufen Sturm

«Ich muss mich permanent rechtfertigen und habe ungezählte Stunden dafür verwendet, dabei habe ich keinerlei Einfluss in dieser Sache.» Wohl ist ihm nicht, wenn sich Betrogene bei ihm telefonisch oder brieflich melden - was seit etwa drei Jahren täglich mehrfach vorkommt. In seinem Standardbrief gibt er sich aber sehr zurückhaltend und schreibt, dass man aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nichts dazu sagen könne. Weil die Schmidtlein-Masche nicht illegal sei, wagt es die Gemeinde nicht einmal, einen Link zu den Verbraucherschutzverbänden auf ihre Inter­netseite zu setzen. Dort lockt Bürgermeister Gölzenleuchter stattdessen auf Englisch potentielle Investoren an: «Buettel­born is awaiting you.» Gar nicht willkommen wäre die Schmidtlein-Firma dagegen beim örtlichen Gewerbeverein, «schliesslich hören wir nur Negatives», sagt Schriftführerin Linda Deusser, Frau des Gewerbe­vereinsvorsitzenden. Obwohl Schmidtleins gar nicht Mitglied sind, melden sich immer wieder Geschädigte bei ihr.

Wurde der Bürgermeister reingelegt?

Ein Opfer der Schmidtleins ist die Rentnerin im Kunstpelzmantel, die eben in der Metzgerei Herbert Schweinebauch und ­Jägerwurst gekauft hat. Ihre Enkelin sei auf die Masche der Schmidtleins reingefallen, ärgert sie sich. Dabei wollte die 14-Jährige nur auf hausaufgaben-heute.com etwas nachschlagen. Prompt kam eine Rechnung über 123 Euro von der Inkassostelle der Schmidtleins, Rechtsanwalt Olaf Tank aus Osnabrück. «Eine Schande, dass niemand etwas dagegen unternimmt», so die Büttelborner Rentnerin, die jetzt zugunsten der Enkelin ihr Weihnachtsgeld opfert.

Dabei sind von den Verbraucherschutzverbänden sowie von den Betroffe­nen selbst Tausende von Klagen ein­gereicht worden. Erfolge gab es aber bislang nur auf Nebenschauplätzen. So verurteilte das Landgericht Darmstadt die Schmidtleins im Mai 2007 rechtskräftig zu einer Strafe von 24'000 Euro, weil ein Gewinnspiel unzulässig mit kostenpflichtigen Seiten verknüpft wurde. Zur Frage, ob die Internetseiten nicht per se täuschend seien und die Verträge darum nichtig wären, gibt es weiterhin kein Urteil. Der deutsche Konsumentenschutz geht von Zehntausenden Geschädigten aus; das Beobachter-Beratungszentrum rät, die Rechnungen nicht zu bezahlen, bisher wurde niemand betrieben.

So hat es auch Bürgermeister Gölzenleuchter gemacht, als er selbst eine Mahnung erhielt. «Dabei bin ich 100-prozentig sicher, dass ich nicht darauf hereingefallen bin. Jemand muss aus Frust oder Verärgerung meine Daten eingegeben haben», sagt er. Er schrieb Inkassoanwalt Olaf Tank einen unfreundlichen Brief und forderte einen Nachweis, dass er sich auf einer Schmidtlein-Internetseite ein­getragen habe. Der Fall sei erledigt, liess ihn Tank darauf wissen. Dumm nur, dass es nicht alle Geschädigten so leicht haben.

Prix Blamage: Die Flop 5 im Jahr 2007

Zu diesen fünf Firmen registrierte das Beobachter-Beratungszentrum im vergangenen Jahr am meisten Klagen.

Gebrüder Schmidtlein 899*
Cablecom 413
Swisscom 265
Sunrise 259
Tele2** 142
*alle vergleichbaren Anbieter zusammen: 1'790
**inklusive Econophone


Neuer Rekord: Andreas und Manuel Schmidtlein schlagen mit 899 Anfragen und Beschwerden alles bisher Dagewesene. Noch nie gab es zu einer einzelnen Firma beim Beobachter-Beratungszen­trum so viele Klagen. Zählt man die 891 weiteren Beschwerden zu den vergleichbaren Firmen und Websites (allen voran genealogie.de) dazu, wird klar: Internet­abzocker sorgten im Jahr 2007 mit ­Abstand für den grössten Ärger bei den Schweizerinnen und Schweizern.

Wenig Bewegung auch auf den weiteren Rängen des Prix Blamage: Die Cablecom kommt mit ihrem weiterhin mangelhaften Kundendienst auf Platz zwei. Dahinter folgen, ebenfalls wie letztes Jahr, die übrigen Telekommunikationsfirmen, wenn auch in anderer Reihenfolge. Tele2 konnte die Bronzemedaille abgeben und ist «nur» noch auf Platz fünf. Hauptgrund dafür: Die Zahl der Klagen von Leuten, die am Telefon oder an der Wohnungstür zu einer Vertragsunterzeichnung überschwatzt wurden, ist deutlich zurückgegangen.

© Beobachter Ausgabe 1 vom 09. Jan 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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