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Lotterien
Jagd auf Schweizer Spieler
Dreist werben ausländische Lotteriegesellschaften um Schweizer Spieler. Ihr Treiben ist illegal – doch die Abwehrmassnahmen der Behörden laufen ins Leere.
Nebenartikel
Nichts ist leichter, als Lottomillionär zu werden. Das zumindest gaukeln ausländische Lottogesellschaften in ihren Werbebriefen vor: «Öffnen Sie jetzt den Millionentresor – Gewinnchancen bis zu 100 Prozent», «Sie haben im 95-Millionen-Jackpot gewonnen» oder «Sie sind der Gewinner von 2,3 Millionen – garantiert», lauten die frohen Botschaften, die aus Deutschland, England und Australien in hiesige Briefkästen flattern.
Ausländer missachten das Gesetz
Das Treiben der ausländischen Lottoeinnehmereien ist klar illegal. Sie dürfen hierzulande weder Glücksspiele veranstalten noch für Lotto werben – denn laut Gesetz sind solche Lotterien verboten.
Einzige Ausnahme bilden Veranstaltungen, die gemeinnützigen oder wohltätigen Zwecken dienen und eine Durchführungsbewilligung der Kantone besitzen. Die nationalen Gewinnspiele wie das Schweizer Zahlenlotto, das Sport-Toto oder die Swiss-Lose erfüllen diese Bedingungen. Ausländische Gewinnspiele haben hingegen keine Bewilligung und werden auch nicht auf ihre Seriosität überprüft.
Die ausländischen Veranstalter kümmert das wenig. Immer mehr Gesellschaften beackern die spielfreudigen Schweizer per Post, Telefon oder via Internet. Mit Erfolg: Laut Rolf Glauser von der Gesellschaft Schweizer Zahlenlotto spielen die Schweizer jährlich für einen dreistelligen Millionenbetrag im Ausland. «Zwischen 600 Millionen und einer Milliarde Franken an Spieleinsätzen fliessen so ins Ausland ab.» Zum Vergleich: Alle Schweizer Grosslotterien zusammen nehmen pro Jahr rund 1,3 Milliarden Franken ein.
Die Mittel gegen das illegale Geschäft sind äusserst bescheiden. Der Bund und einzelne Kantone reichen zwar ab und zu Anzeigen gegen ausländische Betreiber ein, allerdings mit mässigem Erfolg. Der Bund etwa bringt jährlich zehn bis zwanzig besonders krasse Fälle zur Anzeige, was zu zwei bis drei Verurteilungen pro Jahr mit Bussen von maximal 10000 Franken führt. «Die Veranstalter zahlen das aus der Portokasse», sagt Reto Brand, Chef Sektion Lotterie beim Bund.
In den meisten Fällen haben die Schweizer Behörden gar keinen Zugriff auf die Verantwortlichen. Der Grund: Weil nach ausländischem Recht keine strafbare Handlung vorliegt, leisten die ausländischen Behörden keine Rechtshilfe. Deshalb werden auch unkonventionelle Wege beschritten. Brand: «Letztes Jahr versuchten wir sogar via diplomatische Kanäle, Werbung aus Deutschland zu unterbinden.» Einzelne Bundesländer wiesen daraufhin die Lotterieunternehmer an, Werbung in der Schweiz zu unterlassen.
Von Zeit zu Zeit gelingt es dem Zoll, an der Grenze eine Lastwagenladung voller Werbebriefe abzufangen und den Inhalt in den Reisswolf zu spedieren. Auch die Post stoppt – gestützt aufs Lotteriegesetz – den einen oder anderen Grossversand. Allerdings kommt sie dem illegalen Inhalt immer seltener auf die Spur: Die meisten Gesellschaften haben mittlerweile auf neutrale Briefkuverts umgestellt. Und den Verkaufsoffensiven per Telefon oder im Internet haben Bund und Kantone gar nichts entgegenzusetzen. «Es ist ein unbefriedigender Kleinkrieg, den wir hier führen», so die Bilanz von Reto Brand.
Die Schweiz ist in einer Welt fallender Handelsschranken auch punkto Lotterien längst kein Inselmarkt mehr. Immer gigantischere Lotterien buhlen um Glücksritter aus der Schweiz. So gibt es etwa in England ein multinationales Projekt mit einem Jackpot von über 100 Millionen Euro (rund 150 Millionen Franken).
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Kantone pochen aufs Monopol
Doch dafür wäre eine Änderung des Lotteriegesetzes nötig. Der Bundesrat hat kürzlich den Startschuss zur Revision des bald 80-jährigen Gesetzes gegeben. Dabei steht auch das Lotteriemonopol zur Diskussion. Bereits formieren sich allerdings die Hauptprofiteure des Monopols, um auf die Gesetzesrevision Einfluss zu nehmen: die Kantone. Sie erteilen nicht nur die Bewilligung für die Lotterien und betreiben über ihre Lottogesellschaften (Interkantonale Landeslotterie, Seva und Loterie Romande) das Zahlenlotto gleich selber, sondern kassieren auch einen grossen Teil der Einnahmen. Zwischen 300 und 400 Millionen Franken fliessen so jedes Jahr in die Kantonskassen und werden für mehr oder weniger gemeinnützige Zwecke ausgegeben. Fällt das Monopol, müssen die Kantone mit Einbussen rechnen.
«Umweltlotto» macht Konkurrenz Das Lottomonopol gerät auch im Inland zunehmend unter Druck: Zehn umwelt- und entwicklungspolitische Organisationen beabsichtigen, eine Ökolotterie ins Leben zu rufen. Mitglieder im Trägerverein «Lotterie Umwelt und Entwicklung» sind der WWF, Pro Natura, VCS, Brot für alle, Fastenopfer, Helvetas, Caritas, Swissaid, Naturfreunde sowie die Gesellschaft für Umweltschutz. Die Hälfte der Einnahmen – rund 40 Millionen Franken – soll als Gewinne an die Umweltlottospieler ausgeschüttet werden. Die nach Abzug der Kosten übrig bleibenden 24 Millionen Franken sollen in umwelt- und entwicklungspolitische Projekte fliessen.
Diverse Kantone – darunter Waadt und Basel-Stadt – bangen jedoch um ihre Pfründen und haben deshalb dem Umweltlotto die nötige Durchführungsbewilligung verweigert. Der Kanton Zürich hat die Bewilligung zwar erteilt, doch die Interkantonale Landeslotterie hat diesen Entscheid vor Bundesgericht angefochten. Kampflos lassen sich die Kantone offenbar nicht einmal ein paar Krümel von ihrem riesigen Glücksspielkuchen abluchsen.
© Beobachter Ausgabe 12 vom 08. Jun 2001 - Alle Rechte vorbehalten






