SMS
Teure Pieps-Show
Wer Chat-Dienste abonniert, tritt eine Lawine los: Hunderte SMS treffen ein, und für jede einzelne muss man bezahlen. Wie schützt man sich?
«Hey Boys, wer het loscht zom flirte? I ben 20i und usem AG», schreibt «nättsXgi», weiblich, im SMS-Chat, den die Partnersuche-Website singles.ch nebenbei betreibt. An diesem Nachmittag haben sich 17 Leute angemeldet, erfährt man in einer weiteren Kurzmitteilung. Zwei Minuten später schreibt «susali», auch sie 20, ebenfalls an alle: «Wer het luscht zum smsle?» Und wenig später: «Isch en maa do, wo spontan luschtig isch und ä bezüchig suacht?» Und so weiter – man kann entweder allen antworten oder einer bestimmten chatwilligen Dame. Ein harmloser Spass, dem Hunderttausende frönen. Für die Chat-Anbieter (und mit ihnen die Netzbetreiber) ist es aber eine lukrative Sache, denn alle Teilnehmer zahlen für jede empfangene SMS – egal, ob sie antworten oder nicht. Je mehr Chat-Willige also gleichzeitig angemeldet sind, desto mehr verdient der Betreiber.
Dabei zählt der Chat von singles.ch im Branchenvergleich noch zu den «anständigen»: Bei der Anmeldung wird klar kommuniziert, wie man sich wieder abmelden kann; der Preis pro empfangene SMS ist mit 60 Rappen vergleichsweise günstig – und wenn man 20 Minuten lang nicht reagiert, wird man automatisch ausgeloggt. Andere Chat-Anbieter wie etwa Lawa, ATMS oder Maxcom schicken dagegen im Minutentakt oder noch häufiger Nachrichten, und das für bis zu drei Franken pro SMS. Geworben dafür wird beispielsweise im Fernsehen.
Zwar vermelden die drei Mobilnetzbetreiber unisono, im Zusammenhang mit SMS-Chats und anderen kostenpflichtigen Kurzmitteilungsdiensten komme es nur «in ganz wenigen Ausnahmefällen» zu Beanstandungen wegen zu hoher Rechnungen. Die Anfragen beim Beobachter-Beratungszentrum sprechen da eine andere Sprache.
Immerhin: Auf den Websites von Swisscom, Sunrise und Orange sind Listen publiziert, aus denen hervorgeht, welche Firma hinter einer SMS-Kurznummer steckt (siehe «Weitere Infos»). Denn der Kunde sieht meist nur eine drei- bis sechsstellige Nummer als Absender. Auf diesen Listen muss auch vermerkt sein, wie man aus den SMS-Abos aussteigen kann. Ein einheitlicher Deaktivierungscode («STOP») ist aber laut dem Bundesamt für Kommunikation entgegen ursprünglichen Versprechungen nicht vorgeschrieben; findige Anbieter werden darum wohl weiterhin andere Codes wie etwa «STOPP» oder «CANCEL» verwenden.
Eine Rechnung über 18'000 Franken
Zudem ist es ab Oktober möglich, gratis den Empfang von kostenpflichtigen SMS zu sperren – gleich wie dies bei den 0900-Nummern schon der Fall ist. Diese Möglichkeit empfiehlt sich vor allem für Eltern, die die Handyrechnung ihrer Sprösslinge unter Kontrolle halten wollen.
Frühestens Mitte 2006 soll sodann das revidierte Fernmeldegesetz in Kraft treten, das unter anderem das Verschicken von unbestellten Werbebotschaften per SMS untersagt. Auch kann inskünftig der Bundesrat Preisobergrenzen für so genannte Mehrwertdienste (etwa 0900-Nummern, SMS-Klingeltöne) festlegen.
Im Fall von Luca Aebersold (Name geändert) hätten allerdings auch diese verschärften Regelungen nichts genützt, denn das Hauptproblem bleibt ungelöst: Wer einen SMS-Chat abonniert, weiss in der Regel nicht, ob er zehn SMS pro Woche oder pro Minute erhalten wird. Folglich sind auch die Kosten kaum abschätzbar. Der 21-jährige arbeitslose Aebersold war fälschlicherweise der Meinung, er bezahle nur für die von ihm verschickten SMS je Fr. 2.79. Also antwortete er einfach nicht, als ihn tage- und nächtelang fast im Minutentakt Flirt- und Chat-Offerten erreichten. In Wahrheit bezahlte er für jede empfangene SMS – die wenigen selbst gesendeten wurden zum Normaltarif verrechnet. Die gesalzene Rechnung dafür belief sich auf 18'000 Franken. Nur weil rund die Hälfte davon einen Monat zu spät abgerechnet wurde, reduzierte Orange die Forderung auf 9000 Franken.
Der Fall ist krass, aber nicht einzigartig – obwohl gerade Orange versichert, freiwillig den Chat-Anbietern Auflagen zu machen. So dürfen höchstens 20 SMS pro zehn Minuten verschickt werden. Zudem dürfen dem Kunden keine SMS mehr geschickt werden, wenn er länger als eine Stunde selber keine verschickt hat. Swisscom kennt die gleiche Regelung. Sunrise wendet eine Kostenlimite an: maximal zehn Franken pro zehn Minuten, höchstens 25 Franken pro Stunde. Ob die Chat-Anbieter diese Regeln einhalten, kontrollieren die Netzbetreiber jedoch höchstens stichprobenweise – meist erst, wenn ein Kunde reklamiert und es schon zu spät ist.
Zuerst das Gehirn einschalten!
- Bevor Sie mit einem Befehl wie «START» ein SMS-Abo auslösen: Erkundigen Sie sich nach dem Preissystem. Fragen Sie beim Anbieter, wie viele SMS Sie erhalten werden. Und schreiben Sie den Ausstiegscode auf (in der Fülle von eintreffenden SMS finden Sie ihn sonst später nicht mehr), ebenso die Nummer, an die Sie den Code schicken müssen. Ermitteln Sie auch die Hotline-Nummer des Anbieters.
- Funktioniert der Ausstiegscode nicht, so versuchen Sie, den Anbieter über dessen Hotline zu erreichen. Falls dies nicht gelingt, bitten Sie sofort Ihre Mobilfunkgesellschaft um Hilfe.
- Das Handy einfach auszuschalten nützt nichts. Auch ungelesene Botschaften werden der Rechnung oder dem Prepaid-Guthaben belastet.
- Wenn eine Ihrer Meinung nach ungerechtfertigt hohe Rechnung eintrifft, so fechten Sie diese – möglichst mit Belegen und möglichst sofort – bei Ihrem Handyanbieter an.
- Ab 1. Oktober müssen Swisscom, Sunrise und Orange allen Handykunden gratis die Möglichkeit geben, das Senden und Empfangen von teuren SMS zu sperren – und zwar wahlweise für alle solche SMS oder nur für SMS von Erotikdiensten.
- Weitere Infos finden Sie beim Bundesamt für Kommunikation: www.bakom.ch
© Beobachter Ausgabe 16 vom 04. Aug 2005 - Alle Rechte vorbehalten









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