Darknet Die Schattenwelt des Internets

Darknet

Im Darknet entstehen in atemberaubendem Tempo riesige Schwarzmärkte. Für Drogen, Medikamente, falsche Pässe, geklaute Kreditkarten. Die Schweiz ist mittendrin.

Wenn es hell wird am Morgen, macht er Feierabend. Dann hat er alle Cannabis-Bestellungen abgearbeitet. Das Kraut abgewogen, in Plastikbeutel verschweisst, in DVD-Hüllen gelegt, in luftgepolsterte Kuverts verpackt und versandbereit adressiert. Ein ganz normaler Arbeitstag im Leben von «Edelweiss», einem Schweizer Ende 30, der im grossen Stil Cannabis anbaut und vertreibt – über das Internet. Genauer genommen: über die Schattenwelt des Internets, das sogenannte Darknet.

Nicht einmal sein nahes Umfeld weiss von seinem Drogenhandel. Tagsüber reist «Edelweiss» per Zug mit einer Tasche voller versand­bereiter Kuverts durch die Schweiz und gibt sie, um seine Spuren zu ­ver­wischen, auf allen möglichen Poststellen auf.

An einem geheimen Ort in der Schweiz wachsen in einer Indoor-Hanfanlage bis zu 2000 Pflanzen dem künstlichen Licht entgegen. Pro Erntezyklus zehn Kilo Marihuana. Bis letzten Sommer verkaufte er das selbstgezogene Kraut nebenbei an Freunde und Arbeitskollegen. Das wurde ihm zu heikel. Jetzt hat er sein Business ins Darknet verlegt.

Darknet-Geschäft mit Cannabis

Beobachter: Wieso betreiben Sie ­einen Shop im Darknet? Sie könnten auch im normalen Internet anonym agieren.
«Edelweiss»*: Im normalen Internet ist man nicht anonym. Ausserdem kenne ich keine Internetseite, die annähernd den Service der Darknet-Plattformen anbietet. Zuerst war ich in einem Forum aktiv, dann auf Abraxas. Seit letztem Herbst vorwiegend auf Valhalla. Ich verkaufe nur Cannabisprodukte.

Beobachter: Wie entwickelt sich das Geschäft?
«Edelweiss»*: Das Geschäft läuft bombastisch, ich hätte das nie erwartet. Anfänglich bestellten die Leute nur 2,5 Gramm, jetzt sind es meist fünf oder zehn. Pro ­Woche verschicke ich etwa 200 Gramm von unserem Kraut. Aber ich bin ein kleiner Fisch, andere Schweizer Anbieter liefern 500-Gramm-Packungen.

Beobachter: Was bleibt unter dem Strich?
«Edelweiss»*: Der Umsatz liegt bei etwa 10000 Franken pro Monat. Das entspricht rund einem Kilo. Die Preise sind je nach Deal sehr unterschiedlich. Kriterien sind die Art der Kunden, Menge, Qualität. Hier im Darknet ist mein Preis 12000 Franken pro Kilo statt nur 7000 Franken pro Kilo wie im Offline-Handel. Wenn ich das ganze Kilo hier loswerde, bin ich 5000 Franken reicher. Und niemand stellt Fragen.

Beobachter: Im Darknet bezahlen Ihre Kunden mit Bitcoins. Wie wird daraus Bargeld?
«Edelweiss»*: Ich tausche sie auf Börsen. Wenn es schnell gehen muss, wechsle ich die Bitcoins an einem der Bancomaten in Bargeld. Manchmal habe ich aber Schwierigkeiten, genügend Bitcoins zu tauschen, um Geld für den aktuellen Bedarf zu haben.

Beobachter: Haben Sie sonst noch einen Job?
«Edelweiss»*: Seit Herbst konzentriere ich mich voll aufs Hobby, den Handel im Darknet. Der Start war aufwendig. Luftpolster-Umschläge besorgen, DVD-Hüllen et cetera. Ich habe das alles en gros eingekauft. Dazu kommen Depots, Vakuumsäcke, Briefmarken.

Beobachter: Wie funktioniert der Versand?
«Edelweiss»*: Ich gehe immer auf eine andere Post. Dazu fahre ich mit dem Zug durch die Schweiz und steige sehr oft um.

Beobachter: Es gibt Staatsanwälte, die wissen nicht, was das Darknet ist.
«Edelweiss»*: Ja, das kann ich mir denken. Ich weiss, was es ist.

Beobachter: Das Unwissen der Ermittler ist 
Ihr Geschäftsfeld.
«Edelweiss»*: Viel lieber würde ich ihnen mein ­Wissen verkaufen. Denn es gibt echt Arschlöcher, denen das Handwerk gelegt werden muss. Ich finde, Cannabis ist das eine. Waffen, Organhandel und so weiter sind etwas anderes.

Beobachter: Wie gross ist Ihre Anlage?
«Edelweiss»*: Wir haben Kapazitäten bis zirka 2000 Pflanzen. Das ergibt pro Erntezyklus etwa zehn Kilogramm Marihuana. Die Bleche mit den Pflanzen werden bei jedem Zyklus gereinigt und desinfiziert. Manchmal muss die ganze Ernte vernichtet werden. Das gibt mehrere Tonnen Abfall, die unauffällig entsorgt werden müssen. Wir sprechen hier von einer riesigen logistischen Aufgabe – unter besonderen Bedingungen.

Beobachter: Diese Logistik benötigen Sie aber 
auch mit dem normalen Internet als ­Vertriebskanal.
«Edelweiss»*: Ja, aber das Darknet ermöglicht uns, den ganzen dubiosen Zwischenhandel auszuschalten. Eigentlich ist das Darknet in diesem Sinn antimafiös. Dem offenen Schwarzmarkt werden die Kunden weggenommen. Zudem kann ich mich nicht nur gegen die ­Polizei schützen, sondern auch gegen dubiose Konkurrenten.


*«Edelweiss» ist ein Pseudonym, seine Identität ist dem Beobachter nicht bekannt. Das Gespräch wurde über einen verschlüsselten Chatdienst geführt.

Onlineshops, so raffiniert wie E-Bay

«Edelweiss» ist Teil eines Trends. Innerhalb weniger Jahre ist im Darknet eine schier grenzenlose Parallelwirtschaft entstanden. Auf anonymen Plattformen bieten anonyme Händler anonymen Kunden illegale Ware an. Ihre Onlineshops sind so geschickt gebaut wie Amazon, 
Zalando oder E-Bay. Und warten mit technischen Raffinessen auf, von 
denen sich die Grossen etwas ab­gucken könnten: Neben Kunden-Feedbacks können Interessenten über einen speziellen Message-Dienst die Verkäufer kontaktieren. Beim Kauf wird die vo­rausgezahlte Summe so lange auf einem Sperrkonto parkiert, bis die Ware beim Kunden eingetroffen ist.

Um auf diese verborgenen Marktplätze zu gelangen, braucht es keinerlei technische Vorkenntnisse. Es genügt ein Tor-Browser (Tor = The Onion Router). Er verwischt – ganz legal – die eigenen Spuren im Internet. Statt «.ch» oder «.com» tragen die Seiten im Darknet die Endung ­«.onion» (Zwiebel). Klassischen Browsern wie Firefox oder Safari bleiben solche Seiten verborgen. Vom anonymen Tor-Browser profitieren aber auch andere: Menschenrechtsaktivisten etwa oder Blogger und Journalisten in totalitären Ländern. Sie erhalten Zugang zu west­lichen Internetseiten, die gesperrt sind. Auch Polizei und Ermittlungsbehörden nutzen für Recherchen den Anonymisierungsdienst von Tor.

Bezahlt wird im Darknet mit der Kryptowährung Bitcoin – einem Zahlungsmittel, das inzwischen auch von einer Reihe weltweit tätiger Firmen wie Microsoft akzeptiert wird. Jedermann kann diese Währung auf Börsenplattformen von Banken – oder an einem der wenigen Bitcoin-Automaten in der Schweiz – kaufen und auf seinem Computer in einer verschlüsselten elektronischen Brief­tasche speichern (siehe Info­grafik «So gelangt man ins Darknet»).

Mit Silk Road zum Multimillionär

Dass im Internet mit Drogen und dubiosen Produkten gehandelt wird, ist ein alter Hut. Neu ist die technische Funktionsweise der Marktplätze im Darknet. Der bekannteste war Silk Road, aufgebaut 2010 von einem Mittzwanziger. Unter dem Pseudonym Dread Pirate Roberts – kurz DPR – betrieb er eine Plattform für den Handel mit verbotenen Waren. Ursprünglich wollte er seinen Dienst «Underground Brokers» nennen, verwendete dann aber in Anlehnung an die historische Seidenstrasse den Begriff Silk Road. Damit traf er den Kern: Die Plattform wurde von einer losen Ansammlung kleiner Läden zu einem riesigen Basar.

Silk Road war der Beginn der digitalen Revolution der Kriminellen. Anfang 2011 bot erst eine Handvoll Verkäufer ihre illegale Ware an: Cannabis, psychedelische Pilze und Aufputschmittel wie Ecstasy. Im Mai 2011 waren bereits 300 Angebote gelistet – praktisch ausschliesslich illegale Drogen. Zwei Jahre später enttarnte die US-Bundespolizei FBI den damals 29-jährigen Silk-Road-Betreiber Ross William Ulbricht und liess die Plattform in einer spektakulären Aktion stilllegen. Silk Road hatte inzwischen 975000 regis­trierte Benutzer. Und Computerfreak Ulbricht sahnte kräftig ab: Silk Road erreichte zwischen 2011 und 2013 einen Umsatz von rund 1,2 Milliarden Dollar. Von den weit über eine Million Transaktionen sackte er fast 80 Millionen Dollar Kommissionen ein – um die 20'000 Dollar täglich. «Silk Road war der erfolgreichste Drogenmarkt, den es je gab», sagt Jamie Bartlett, ­Direktor des britischen Centre for the Analysis of Social Media.

Silk Roads erfolgreiche Erben

Kaum war die Plattform vom Netz, war Silk Road 2.0 online. Innerhalb weniger Monate erreichte der neue Marktplatz ähnliche Umsätze. Im Oktober 2014 listete Silk Road 2.0 allein in der Produktkategorie ­Drogen und Medikamente 14'000 Angebote auf. Genau ein Jahr nach dem Start war Silk Road 2.0 am Ende. Am 6. November 2014 schlugen Spezialisten des US-Justizdepartements zu. Die Ver­antwortlichen feierten die Aktion «Onymous» als «bisher grösste ­Aktion im Kampf gegen kriminelle Webseiten im Tor-Netzwerk».

Es war nicht das Ende, sondern ein Startschuss. Neue illegale Marktplätze schossen wie Pilze aus dem Boden. Wie viele Anbieter es gibt, weiss niemand. Sogar zur Zahl aktiver Marktplätze gibt es nur Schätzungen. Darknet-Kenner Jamie Bartlett geht von 40'000 versteckten Services aus. Viele operieren legal, jede siebte versteckte ­Seite aber stehe in Verbindung mit dem Handel von illegalen Drogen. Einschlägige Verzeichnisse listen heute über 50 Marktplätze als «Top Markets» auf. Sie heissen AlphaBay, Dream Market, Middle-Earth, Outlaw Market, Nucleus oder ­Hansa Market. Alle funktionieren nach dem gleichen Muster, sie sind fast identisch aufgebaut.

Drogen, Medikamente, Pässe…

Infografik: «Wo ist das Darknet?»

Zu kaufen gibt es alles, fein säuberlich kategorisiert nach Produktgruppen: Drogen in beliebigen Mengen, rezeptpflichtige Medikamente, jede erdenkliche Dienstleistung und Waren ohne Ende. Neben Waffen auch Sprengstoff, radioaktive Substanzen, gefälschte Markenartikel, gestohlene Kreditkarten, gefälschte Ausweise. Ein Schweizer Pass – angeblich echt – ist derzeit für rund 900 Dollar zu haben; US-Führerausweise sind erheblich günstiger. Für wenige Franken gibts gescannte Pässe. Damit lässt sich im Internet eine neue Identität aufbauen. Beim Händler «Dr.With3» kosten zehn verifizierte Paypal-Konten knapp 40 Franken, für diesen Preis verkauft «Basically» 150'000 E-Mail-Adressen. Zehn gefälschte 50-­
Euro-Noten – «great hologram feel and colors» – kosten 80 Dollar.

Das Angebot an IT-Dienst­leistungen lässt keine Wünsche ­offen. Es gibt gehackte Software, fertig programmierte Phishing-Seiten, Hacking-Tools, Malware und Spionageprogramme. Viele Anbieter offerieren nur auf Anfrage. Günstig zu haben sind ­E-Mail-Bomben. Bereits für zehn Franken gibt es ein Programm, das unliebsame Zeitgenossen so lange mit Hunderten von E-Mails bombardiert, bis deren Mailserver kollabiert.

Für Aufsehen sorgen aber vor allem Berichte über angebliche Auftragskiller. Oder Händler wie «C’thulhu»: 
Er verkauft Einschüchterungen und ­Anschläge auf Menschen. Der Preis orientiert sich an der Art des Angriffs. 
Eine gewöhnliche Person («low-rank») zu verprügeln kostet 3000 Dollar, eine gesellschaftlich höhergestellte Person («high-rank and political») 18'000 Dollar. Richtig teuer wird es, wenn einer Zielperson bleibende Körperschäden zugefügt werden sollen.

Ob diese Angebote echt sind, ist unklar. Etliche dürften sogenannte Trolle sein, mit denen sich dubiose Händler einen Scherz erlauben und naive Kunden abzocken. Gewehre und Pistolen sind jedoch frei käuflich. Ein Deutscher bietet derzeit 9-mm-Pistolen des Typs Taurus PT92 an – für 729 Euro. Das automatische Feedbacksystem zeigt, dass er seit dem 12. Januar drei Stück verkauft hat.

Das Angebot explodiert förmlich

Der Handel mit Seriefeuerwaffen und vor allem Kinderpornografie ist aber selbst im Darknet verpönt. Er hat sich inzwischen in noch verstecktere Bereiche des Internets verlagert, in die Peer-to-Peer-Netzwerke.

Das grosse Geschäft auf Marktplätzen wie AlphaBay, Middle-Earth oder Nucleus wird aber mit Drogen und Medikamenten gemacht. Die Zahl der Angebote nimmt derzeit explosionsartig zu. Verschiedene Anbieter haben ihr Volumen innerhalb weniger Monate vervielfacht, wie ein ­Beobachter-Vergleich von sieben Platt­formen zeigt. Drei der analysierten ­Marktplätze übertreffen bereits den ­Umsatz der beiden Silk-Road-Webseiten. Silk Road 2.0 mit seinen 14'000 Angeboten wäre heute ein Winzling. Bei AlphaBay umfasst die gleiche Produktkategorie über 60'000 ­Anzeigen.

Der Service der Anbieter ist top. Mehrere Testlieferungen trafen nach wenigen Tagen bei der angegebenen Lieferadresse ein. Zur Tarnung werden Pillen in DVD-Hüllen gesteckt. Das Betäubungsmittel Temesta wird in Kindergeschenkpapier verpackt geliefert, das Kuvert enthält als Zu­gabe einen unverdächtigen ­Beutel Ovomaltine. Beim verbotenen Dopingmittel Rimobolan (Anabolikum) sind die Ampullen in ein Bildschirmreinigungstuch eingewickelt.

Zurückverfolgen kann man die Postlieferungen nicht. Als Absender dienen Fantasienamen und fiktive ­Adressen.

Testbestellung im Darknet: Anabolika
Testbestellung im Darknet: Temesta

Der Verkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten ist wohl das lukra­tivste Geschäft. Es winken schier ­unglaubliche Gewinne. Die Marge ist laut Fachleuten massiv höher als bei Drogen. Für Ritalin etwa streicht ein Händler – im Vergleich zum Listenpreis von Swissmedic – eine Gewinnmarge von 269 Prozent ein. Bei Temesta sind es 347 Prozent, beim Beta­blocker Inderal 765, beim Antiepileptikum Rivotril 1347 Prozent.

Über ihre Kunden sagt die Schweizer Händlerin «PonyHof»: «Meine Produkte werden vermutlich von jeglichen sozialen Schichten konsumiert, von Ärzten, Piloten, Bankern, aber auch von Leuten mit Suchtproblemen.» Womöglich schluckten Partygänger nach dem Konsum von Ecstasy oder Koks Valium, um wieder schlafen zu können. Andere kombinierten Psychopharmaka mit Drogen.

Die Ämter sind weitgehend machtlos

Ernsthafte strafrechtliche Konsequenzen müssen weder Händler noch Konsumenten befürchten. «PonyHof» sagt: «Ich bin nur ein kleiner Fisch. Selbst mein Lieferant weiss nichts von meinen Aktivitäten im Darknet.» Die Ermittler schauen mehr oder weniger hilflos zu. Die Heilmittelkontrollstelle Swissmedic nimmt zwar jedes Jahr an der weltweit koordinierten Operation «Pangea» teil, zusammen mit über 300 nationalen Behörden aus 115 Ländern. Dabei werden am Zoll eine Woche lang systematisch alle verdächtigen Pakete herausgefischt. So meldet der Schweizer Zoll Swissmedic rund 1000 Fälle pro Jahr und informiert Anti­doping Schweiz über rund 400 Fälle, in denen versucht wurde, verbotenerweise Heilmittel in die Schweiz einzuführen. Wie viele davon über das Darknet vertrieben wurden, ist unbekannt.

Swissmedic und Antidoping Schweiz beschränken sich darauf, ­diesen Berg von Meldungen des Zolls ­abzuarbeiten. Die Zeit reicht gerade, bis die Fälle der nächsten «Pangea»-­Aktion angeliefert werden. Käufer ­illegaler Importmedikamente müssen zwar mit einem Verwaltungsverfahren rechnen, doch das kostet nur ein paar hundert Franken. Wenn Dopingmittel die Menge zum Eigengebrauch übersteigen, droht ein Strafverfahren. Konkrete Ermittlungen im Darknet gibt es in der Schweiz aber praktisch nicht. Das bestätigen mehrere Strafverfolger gegenüber dem Beobachter.

Hohn und Spott für die Ermittler

Das Darknet spiele in der Kriminalität zunehmend eine wichtige Rolle, sagt der Zürcher Staatsanwalt Stephan Walder vom Kompetenzzentrum Cybercrime. Was das konkret bedeutet, lässt er offen. Im Bereich Cybercrime werde gemäss Studien «bei ­etwa einem Drittel der Fälle das Dark­net bewusst eingesetzt».

Auch Tobias Bolliger, Leiter der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik) des Bundes, sagt: «Das Darknet wird für ­eine enorme Vielfalt an kriminellen Aktivitäten genutzt.» Wie oft Kobik im Darknet ermittelt, will Bolliger aus «taktisch-operativen Gründen» nicht sagen. Die ­anonymen Marktplätze seien aber für Interpol und Europol ein ­«prioritäres Handlungsfeld».

Wenig Schmeichelhaftes über die Strafermittler sagen Käufer und Händler. In Foren machen sie sich seitenweise über die inkompetenten Behörden lustig. Tatsächlich führt das mangelhafte Wissen der Ermittlungsbehörden teils zu kuriosen Fehleinschätzungen. Verschlüsselte Kommunika­tion sollte verboten werden, um illegale Aktivitäten zu verhindern, forderte sogar der britische Premierminister David Cameron.

«Es ist noch immer so, dass für gewisse Staatsanwaltschaften nur schon das ganz normale Internet Neuland ist.»

Guido Rudolphi, IT-Forensiker

Jacob Appelbaum, Sicherheitsanalyst und Mitentwickler des Tor-Projekts und Weggefährte von Wikileaks-Gründer Julian Assange, hat für solche Ideen nur Hohn und Spott übrig: «Das ist der lächerlichste Vergleich überhaupt. Im Kapitalismus benutzen Kriminelle auch Geld.» Deshalb werde das Geld auch nicht verboten. «Wer Drogen kaufen will, geht auf die Stras­se und kauft sich dort seine Drogen. Dazu braucht man kein Internet.»

IT-Sachverständige bezweifeln, dass die Strafverfolgungsbehörden überhaupt in der Lage sind, im Darknet zu ermitteln. Der IT-Forensiker Maurizio Tuccillo, der bei Wirtschaftsdelikten im Auftrag von Staatsanwälten Computer analysiert und elektronische Spuren rekonstruiert, formuliert es so: «Staatsanwälte können mit der rasenden technischen Entwicklung nicht Schritt halten. Die Kluft zwischen dem erforderlichen und dem tatsächlichen Wissen wird immer grös­ser.» Weniger diplomatisch ist der IT-Forensiker Guido Rudolphi: «Es ist noch immer so, dass für gewisse Staatsanwaltschaften nur schon das ganz normale Internet Neuland ist.» Ermittler kapitulierten bereits, wenn ein Betrüger mit einer amerikanischen Mailadresse über einen Zahlungsprovider in Panama einen Web­shop in China eröffnet und die Seite auf der Insel Tuvalu im Pazifik hostet.

Von falscher Frankatur entlarvt

Tatsächlich stellen der Tor-Browser und die Kryptowährung Bitcoin die Ermittler vor beträchtliche Probleme. Fahndungserfolge zeigen aber, dass die klassische Polizeiarbeit mindestens so wichtig ist wie technisches Know-how. Darauf deutet der Fall von «Shiny Flakes» hin, der letzten Sommer in Leipzig vor Gericht verhandelt wurde: Unter diesem Pseudonym verkaufte der 20-Jährige, der noch bei seiner Mutter wohnte, innerhalb eines Jahres 914 ­Kilo Drogen sowie Tausende von Medikamenten im Wert von vier Millionen Euro – Crystal Meth, Kokain, Amphetamin, Ecstasy, LSD, Haschisch, Marihuana sowie Arzneimittel von ­Alprazolam bis Zolpidem.

Zum Verhängnis wurden «Shiny Flakes» ungenügend frankierte Postsendungen. Anfang 2014 tauchten bei der Polizei in Leipzig falsch frankierte Kuverts und Pakete mit Drogen auf, ­alle mit fiktiven Absendern versehen. Die Ermittler verfolgten die Sendungsnummern der Pakete und fanden 
E-Mail-Adressen, mit denen sich «Shiny Flakes» zum Onlinefrankieren angemeldet hatte. Schliesslich stiess die Polizei auf die Packstation, wo er gewöhnlich die Post aufgab. Dort schlug das Spezialkommando zu.

Erfolg führt zu Lieferengpass

«Edelweiss» kümmern solche Fälle ­wenig. Er hat allein in den letzten drei Monaten über 330 Lieferungen ab­gewickelt, ohne viele Spuren zu hinterlassen. Derzeit sonnt er sich im überschwänglichen Lob seiner Kunden, die die gute Qualität seiner Ware und seinen atemberaubend schnellen Liefer­service rühmen. Die Nachfrage war zuletzt aber zu gross. «Edelweiss» kann im Moment kaum mehr liefern. «Jetzt mache ich wohl erst mal Pause und verprasse etwas Geld.»

Infografik: So gelangt man ins Darknet

Infografik: So gelangt man ins Darknet
Autor:
  • Otto Hostettler
Bild:
  • Bildmontage Beobachter
19. Februar 2016, Beobachter 4/2016

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