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Der Internet-Profi

Wo Christian Schenkel überall war

Text:
  • Thomas Angeli
  •  und Otto Hostettler
Ausgabe:
20/11

Selbsteinschätzung: «Von mir gibt es im Internet Informationen über meinen beruflichen Werdegang, die heutige ­berufliche und nebenberufliche Tätigkeit, meine politische Einstellung und über allgemeine Interessen (Bücher, Musik, Film, TV-Sendungen). Ersichtlich ist auch mein berufliches und privates Netzwerk, keine Informationen sollten über mein intimes Privatleben und meine Lebenspartnerin zu ­finden sein.»

Das Bewegungsprofil: Die Grafik zeigt eine Auswahl von Christian Schenkels Aufenthaltsorten von 2009 bis Anfang September 2011 (genauer Zeitpunkt ist jeweils bekannt). 
Als Quellen dienten dabei die Einträge auf: Twitter, Facebook und Foursquare.

Klicken Sie auf die Karte, um sie vergrössert anzuzeigen.

Reges Twittern auch während der Arbeit

Beruflich und privat: alle Twitter-Meldungen von Christian Schenkel von Januar 2009 bis 9. September 2011

Trotz Zurückhaltung punkto Privatleben gibt Christian Schenkel mehr preis, als ihm lieb sein kann. Aus seinen Aktivitäten auf den diversen Plattformen wie Facebook und Twitter lässt sich ein eigentliches Bewegungsprofil erstellen, das Raum für Interpretationen bietet. Wer noch Telefonbuch und Handelsregister konsultiert, erhält ein recht klares Bild.

Schenkel wohnt mit seiner Partnerin* seit bald drei Jahren im zweiten Stock eines neueren Mehrfamilienhauses im Berner Elfenau-Quartier. Auf dem Balkon stehen fünf Blumentöpfe, nichts deutet auf Kinder hin. Von der Wohnung aus hat man eine schöne Sicht in die Nachbargärten. Vier frühere Wohnadressen können rekonstruiert werden, weil er jeweils gewissenhaft bei der Post seine neue Adresse hinterlegte und dort sogar das Einverständnis gab, diese weiterzugeben.

Seine Einträge in den sozialen Netzwerken zeigen, dass er die NZZ und den Berner «Bund» sowie zahlreiche Blogs liest. Er verschickt Meldungen über Twitter – auch während der ­Arbeitszeit, berufsbedingt. Oft aber 
an seinem freien Montag oder spätabends, einmal twitterte er um drei Uhr früh. Etwa 80 Prozent dieser Meldungen tauscht er mit einem Kollegen* aus.

Aus den Fotos könnte man schlies­sen, Schenkel habe ein stattliches Einkommen. Im Zug fährt er erster Klasse, für Ferien fliegt er seit Jahren nach Ierapetra auf Kreta. In der Schweiz weilt er gern in Pontresina, diesen Sommer gar drei Wochen lang. Dabei wandert er auf dem Berninapass oder schlendert in St. Moritz beim «Badrutt’s Pa­lace Hotel» vorbei.

Seine persönlichen Bookmarks speicherte er vor ein paar Jahren beim Internetdienst Delicious ab, wo sie bis heute für jedermann sichtbar sind – und von ihm vergessen wurden. Damals arbeitete er Teilzeit, trainierte im Fitnessklub Gym Fit, schrieb über sein privates Bluewin-Konto E-Mails, überprüfte auch die Besucherzahlen seines Blogs und arbeitete an seiner Lizen­tiatsarbeit zum Thema «Moralisches Umdenken in der Politik». Trotzdem sagt Schenkel heute: «Ich hätte dieses Konto längst löschen sollen.»

Seit ein paar Monaten nutzt er den Lokalisierungsdienst Foursquare. Die Auswertung – für alle frei zugänglich – kann Basis für Fehlinterpretationen oder Gerüchte sein: Sechsmal be­suchte er diesen Sommer das Aarebad Muri, war er allein dort? Und mit wem war er am 10. August im lauschigen Berner Rosengarten?

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© Beobachter Ausgabe 20 vom 28. Sep 2011 - Alle Rechte vorbehalten

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