Netzwerk-Hacker Türöffner zu Nachbars Computer

Netzwerk-Hacker: Türöffner zu Nachbars Computer

Schweizer Firmen bieten ein Gerät an, das Hacken kinderleicht macht: Es spioniert fremde Passwörter aus.

Fachleute predigen seit Jah­ren, Internetnutzer sollten ihr drahtloses WLAN-Netz mit einem Passwort absichern. Sonst riskieren sie, dass jemand in ihren Computer eindringt. Und jetzt das! Solche verschlüsselten Funknetze lassen sich kinderleicht knacken: mit WiFi-Robin. Schliesst man das Gerät an einen Computer an, listet es sämtliche WLAN-Netze im Umkreis von bis zu zwei Kilometern auf. Sind sie verschlüsselt, soll man «einen Kaffee trinken» gehen, denn 20 Minuten später «steht das Passwort auf dem Display des WiFi-Robin», verspricht die Werbung.

Der Test eines Internetexper­ten zeigt: Es dauert zwar bis zu eine Stunde – aber es funktioniert. Allerdings «nur» bei WEP, der ältesten der drei gängigen Verschlüsselungsmethoden. Die beiden neueren Standards WPA und WPA2 kann WiFi-Robin nicht knacken.

Hunderttausende in der Schweiz haben aber noch WEP installiert. Sie riskieren, dass jemand, der den für 199 Franken erhältlichen WiFi-Robin einsetzt, ihr Netz benutzt. Zu diesem Zweck, dem Internet­surfen auf Kosten des Nachbarn, wird das Gerät beworben.

Plötzlich Kinderpornographie

Gratis surfen – na und? Dem Nachbarn entsteht ja dabei kein finanzieller Schaden. Aber das fremde Netz lässt sich für kriminelle Zwecke missbrauchen. Ein Berner Ehepaar wurde verhaftet, weil über seinen Web­anschluss Kinder­porno­graphie heruntergeladen worden war. Später wurden die beiden entlastet: Jemand hatte von der Strasse aus ihr unverschlüssel­tes WLAN-Netz benutzt.

Zudem ist das Gerät eine Einladung zum Hacken. Ist der Hacker erst mal im Funknetz des Nachbarn, kann er auch auf Daten auf dessen Computer ­zugreifen. Für Eliane Schmid, Sprecherin des eidgenössi­schen Datenschutzbeauftragten, ist klar: «Der Betrieb des Geräts ver­stösst gegen das Datenschutz­gesetz und ist vermutlich auch strafrechtlich relevant.» Mehrere Paragraphen regeln Computermissbrauch und Datenklau, allerdings trifft keiner den Sach­verhalt exakt. Laut Christian Schwarzenegger, Strafrechts­professor an der Uni Zürich, wird erst die laufende Revision des Strafgesetzbuchs definitiv Klarheit schaffen. Jedes unbefugte Eindringen in einen fremden Computer soll dereinst straf­bar werden, der Verkauf eines dabei behilflichen Geräts auch.

In der Werbemail der Tessiner Firma Soft-Mail IT AG ist davon keine Rede, nur im Kleinstgedruckten steht: «In einigen Ländern könnte der Gebrauch des Geräts gesetzlich geregelt sein.» Die Firma wollte gegen­über dem Beobachter nicht Stellung nehmen. Das gilt auch für eine zweite Schweizer Firma, die das Gerät vertrieb; sie nahm das Angebot aber vom Netz, unmittelbar nachdem die Beobachter-Anfrage eingegangen war.

Text:
  • Martin Müller
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
17. Februar 2011, Beobachter 4/2011

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