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Schlusspunkt

Mein Freund Nr. 74

Text:
  • Thomas Angeli
Bild:
  • Hendrik Jonas
Ausgabe:
11/09

«Und da taucht er auf – kein Zweifel: Vor mir steht Herbie ‹the man› Winteler, mein Facebook-Freund Nummer 74.»

Er ist es. Er muss es sein, ich bin mir absolut sicher. Freitagabend, kurz nach 17 Uhr, und am Zürcher Hauptbahnhof wuseln geschätzte 10'000 Leute auf einmal aus dem Zug, in den Zug, in die Geschäfte, durch den Bahnhof. Ein riesiges Durcheinander, nicht zu überblicken, ein Ort zum Sich-einsam-Fühlen.

Und da taucht er auf. Die fleischigen Lippen, die auf den Fotos meist leicht nach unten in die Kamera hängen: unverkennbar. Die immer etwas rötliche Nase: unverwechselbar. Dazu die Augen mit den ständig müden Lidern – kein Zweifel: Vor mir steht Herbie «the man» Winteler, mein Facebook-Freund Nummer 74.

Herbie ist der lebende Beweis für die These, dass jeder Mensch auf dieser Erde in maximal sieben Stufen via Bekannte von Bekannten jeden beliebigen anderen Menschen kennt, irgendwie. Denn Herbie «the man» Winteler ist genau genommen nicht eigentlich ein Freund von mir. Vielmehr, so viel lässt sich rekonstruieren, der Freund einer Freundin von Valentins Ex-Freundin. Und Valentin ist ein Freund von mir (ein echter, in Fleisch und Blut).

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Kein Sonntag ohne Rampensau

Und nun steht also Herbie «the man» vor mir. Ich kann mein Glück kaum fassen. Herbie, die Rampensau im Internet, dem kein humoristischer Abgrund zu tief, kein Foto zu peinlich und kein Glas je zu voll ist. Tagelang könnte ich vor dem Computer sitzen, wenn mich Herbie an seinem Leben teilhaben lässt und Dinge schreibt wie: «Herbie ‹the man› Winteler bestellt jetzt grad ein Bier. Es wird nicht das letzte sein heute.» Oder: «Herbie ‹the man› Winteler hat heute fünf Folgen ‹Simpsons› am Stück geschaut.»

Das sind noch Freunde, die solche Dinge mit einem teilen! Wie traurig wäre die Welt, wenn ich nicht ständig erfahren würde, was Herbie «the man» Winteler gerade treibt! Wie langweilig ein Nachmittag, an dem Herbie mir und seinen übrigen «Freunden» nicht mindestens dreimal bekanntgibt, wo und mit wem er sich gerade herumtreibt. Wie trist ein Sonntag, an dem Herbie kein neues Bild von sich ins Internet stellt.

Dabei haben Herbie und ich uns noch nie gesehen. Aber hier und jetzt ist die Gelegenheit, unsere wunderbare Freundschaft in die reale Welt zu übertragen.

Ich renne ihm hinterher, haue ihm die Hand auf die Schulter und schreie begeistert: «Herbie, altes Haus, endlich treffe ich dich mal! Na, heute schon ‹Simpsons› geschaut? Und das Bier? Du hast doch das letzte hoffentlich noch nicht gehabt?»

Herbie schaut mich verdattert an: «Lassen Sie mich in Ruhe», sagt er und fügt an: «Hier bin ich für Sie immer noch Herr Winteler. Und überhaupt: Ich kenne Sie gar nicht.» Recht hat er, eigentlich. So ist das halt im realen Leben.

© Beobachter Ausgabe 11 vom 27. Mai 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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