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Augenzeuge

Messer im Handgepäck

Text:
  • Susanne Loacker
Bild:
  • Tanja Demarmels
Ausgabe:
22/10

Sicherheitskontrolleur Marco Läber arbeitet am Flughafen Zürich. Er durchleuchtet Handgepäck, durchsucht Passagiere – und findet immer wieder Waffen.

«Der Pfeifton kann heissen, dass jemand Metall auf sich trägt – oder aber, dass der Zufallsgenerator ihn ausgesucht hat»: Marco Läber, 43, Kontrolleur am Flughafen

Jeden Tag muss ich Flugpassagieren etwas wegnehmen, was nicht mit an Bord darf. In den meisten Fällen haben die Leute aus schierer Vergesslichkeit noch ein Fläschchen Wasser in der Tasche, Sonnencreme oder Haarshampoo.

In der Regel reagieren die Leute höflich; seit dem 11. September sind sie trotz den verschärften Vorschriften nicht zickiger geworden. Im Gegenteil: Ich habe den Eindruck, dass sie dankbar sind für unsere Arbeit. Sie haben gesehen, was passieren kann. Wenn dennoch viele Leute gereizt reagieren, geht es meistens auf Vollmond zu.

Das Gefährlichste, was ich bisher entdeckt habe, sind Schusswaffen. Allerdings sind das meist Sportpistolen oder Soft-Air-Guns, die echten Waffen täuschend ähnlich sehen. Zu Verhaftungen hat noch keiner meiner Funde geführt. Messer sind die häufigsten Waffen im Handgepäck, die finden wir mit grosser Regelmässigkeit. Die ganz kleinen, nicht arretierbaren, sind erlaubt, aber grössere müssen wir behalten.

Wir von der Sicherheitskontrolle sind selber unbewaffnet, das finde ich auch gut so, schliesslich wollen wir auf die Fluggäste nicht aggressiv wirken. Wenn aber jemand handgreiflich wird, haben wir eine Art Notfallknopf, den wir drücken können, dann kommen sofort die bewaffneten Kollegen.

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Man muss sich extrem konzentrieren

Die Sicherheitskontrolle am Flughafen Zürich gibt es seit genau 40 Jahren. Früher nahmen die Passagiere ihr Handgepäck einfach so mit an Bord. 1970 begann man, die Taschen von Hand zu kontrollieren, später kamen Schwarzweissbildschirme zum Einsatz. Heute arbeiten wir mit Farbbildschirmen, auf denen der Inhalt des Gepäcks in Blau, Orange und Grün dargestellt wird – blau sind alle metallischen Teile, organische Teile werden in Orange, anorganische in Grün gezeigt. Je dichter ein Stoff ist, desto dunkler wird seine Farbe. Wir haben bis jetzt nicht auf Flachbildschirme umgestellt, denn auf denen wirken die Bilder weniger plastisch.

Natürlich transportiert kaum jemand eine Pistole in der Aktentasche. Wir werden darauf geschult, jedes Einzelteil einer Schusswaffe auf dem Bildschirm zu erkennen. Wir spielen dann im Kopf Puzzle.

Zum Glück ist noch nie in einer Maschine ab Zürich ein gefährlicher Gegenstand aufgetaucht. Kloten ist dafür bekannt, gutes Personal und gute Maschinen zu haben – das wissen natürlich auch die Leute, die Böses im Sinn haben. In letzter Zeit haben wir auch Body-Scanner getestet. Ich war zwar nicht dabei, aber ich fände solche Geräte gut. Man würde gleich auf dem Bildschirm sehen, wenn jemand einen verdächtigen Gegenstand auf sich trägt.

Wir arbeiten in Fünferteams. Unsere Schichten variieren, sie sind fünf bis gut neun Stunden lang. Dabei sitzt man nie länger als 20 Minuten am Bildschirm. Früher dauerten die Bildschirmschichten 30 Minuten, aber ich bin Teamchef und habe mit meinen Mitarbeitenden abgesprochen, dass kürzere Zeiten besser sind, weil man sich schon extrem konzentrieren muss. Wir rotieren jeweils innerhalb der Gruppe. Wer am Bildschirm war, steht auf und geht ans Band. Auch der sogenannte Lader hat einen anspruchsvollen Job: Er muss die Gepäckstücke im perfekten Abstand zueinander aufs Band legen. Tut er das nicht, hat der Kollege am Bildschirm zu wenig Zeit, um alles zu erkennen. In der Regel bleiben uns nur wenige Sekunden, um ein Bild mit den Augen zu scannen.

Wer nicht packt oder am Bildschirm sitzt, steht «am Bogen». Das ist der Metalldetektor, durch den die Leute gehen und je nachdem einen Pfeifton auslösen. Dieser Pfeifton kann bedeuten, dass sie Metall auf sich tragen oder aber, dass der Zufallsgenerator sie ausgesucht hat. Diese Leute müssen dann zur Leibesvisite: Frauen bei einer Frau, Männer bei einem Mann. Es gibt praktisch nie Probleme – Leute, die reisen, sind ja meist auch recht weltoffen.

900 Kontrolleure, rund um die Uhr

Eigentlich bin ich gelernter Sanitärinstallateur. Bevor ich zum Flughafen kam, war ich schon neun Jahre lang in der Sicherheitsbranche selbständig. Am liebsten arbeite ich «im Osten», so nennen wir die Gates für die USA-Flüge. Ich bin Amerika-Fan, habe selber zwei Jahre lang in Kalifornien gelebt. Deshalb ist es für mich auch schön, regelmässig Englisch sprechen zu können.

Wir arbeiten rund um die Uhr. Am Flughafen Kloten gibt es 900 von uns, natürlich sind nie alle zugleich im Einsatz. Wir sind Teilzeitangestellte. Wir können melden, welche Schicht wir gern machen. Ich mag den frühen Morgen am liebsten; spät am Abend arbeite ich nicht so gern.

Mein Job als Teamchef gefällt mir sehr. Ich kann gute Arbeit loben, Leute motivieren, die vielleicht einen Durchhänger haben. Die nächste Stufe der Hierarchie wäre Sektorchef. Dorthin zieht es mich aber gar nicht – ich glaube, mir würde der direkte Kontakt zu den Fluggästen bald fehlen.

Wir sind zwar keine Polizisten, aber Angehörige der Kantonspolizei Zürich, und wir tragen eine Uniform. Wir werden immer wieder durch verschiedene nationale und internationale Stellen überprüft, anonym und unangemeldet. Ausserdem finden regelmässig Schulungen und Briefings statt. Die Waffenindustrie entwickelt sich auch dauernd weiter, da ist es wichtig, dass wir immer wissen, in welchen Formen Sprengstoff auftauchen kann. Wir kontrollieren zum Beispiel auch Laptops – darin kann Sprengstoff versteckt sein. Eine Bombe sieht ja heute nicht mehr so aus, wie wir sie aus Trickfilmen kennen, so ein rundes Ding oder eine Stange Dynamit mit einem Zeitzünder dran.

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© Beobachter Ausgabe 22 vom 27. Okt 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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