Charlotte Peter «Neugierig wie ein junger Hund»

Charlotte Peter, 82, Historikerin, Journalistin und Autorin, hat vor zehn Jahren ihr Hobby zum Beruf gemacht: Reisen. Die Pensionierung spielt in ihrem Leben nur eine theoretische Rolle.

Etwas Glück braucht es schon für einen Termin mit der 82-jährigen Reiseleiterin Charlotte Peter. Im Frühjahr besuchte sie Burma und bis zum Jahresende stehen noch Tibet, die Seidenstrasse und die Weihrauchstrasse (Jemen und Oman) auf ihrem Programm.

Ihren Aufenthalt in Zürich nutzt sie für administrative Arbeiten, aber auch für einen Arztbesuch. «Das muss halt alle zwei Jahre sein - schon wegen des Führerausweises», sagt sie. Bis jetzt erhielt sie immer den Bericht, sie sei kerngesund - eine wichtige Voraussetzung, wenn man sich einmal in Wüstengebieten und darauf wieder in subtropischen Regionen aufhält, dabei auf helvetische Schonkost verzichtet und Jetlags in Kauf nehmen muss.

Allzu grosse Strapazen versucht die 82-Jährige jedoch zu vermeiden. «Meine Reisen sind ausbalanciert zwischen meinen Möglichkeiten und meinen Wünschen. Niemand soll auf mich Rücksicht nehmen müssen», sagt sie. Gereist ist sie ihr ganzes Leben lang. Kaum hat sie ihr Studium beendet, war sie auch schon in den USA und später in Japan. Ostasien, hauptsächlich China, wurde zu ihrer grossen Liebe: «Da war ich über hundert Mal.» Ganze drei Jahre musste sie in den sechziger Jahren auf das erste Visum für Maos Reich warten.

Reisen waren die Rosinen im Alltag
In ihrem Beruf als Journalistin - 15 Jahre als Chefredaktorin - schrieb sie über Kultur und Mode, Gott und die Welt; Reisen waren die Rosinen ihres Berufsalltags. Dass sie diese Leidenschaft ab dem 70. Altersjahr zu ihrem eigentlichen Beruf machen konnte, ist aussergewöhnlich. Einen ersten Anstoss für die Neuorientierung gab vor 20 Jahren der Verlagsleiter der Gratiszeitung «Züriwoche». Er sprach Charlotte Peter auf ihre Pensionierung an. Mit diesem Begriff konnte sie wenig anfangen, mit Ruhestand noch weniger; innerhalb weniger Tage organisierte sie sich neu.

Fortan schrieb sie als freie Journalistin für die «Züriwoche», verfasste aber auch ab und zu für die «Weltwoche» und die Zeitschrift «Brigitte» Berichte über die häufiger werdenden Reisen. Rund zehn Jahre später kam die eigentliche Berufung. Charlotte Peter erhielt einen Anruf des Reisebüros «Fernost Reisen»: «Charlotte, komm doch zu uns, wir haben doch immer so gut zusammengearbeitet!» Seither führt die ehemalige Journalistin Reisegruppen nach Ostasien, Indien, in den arabischen Raum und ab und zu auch nach Südamerika. Dazwischen plant sie neue Reisen.

In den Gruppen mit rund zwölf Personen kann Charlotte Peter ihr immenses Wissen über die Länder und deren Kulturen weitervermitteln. «Meine Gruppen sind gemischt», erklärt sie, «vom frühpensionierten Banker bis zur Zeitungsverträgerin.» Ab und zu geht sie sogar auf Spezialwünsche der Teilnehmer ein. «Aber den Reiseplan muss ich einhalten», ergänzt sie mit Nachdruck.

Was treibt die 82-jährige Frau immer wieder in aller Herren Länder? «Ich bin so neugierig wie ein junger Hund», scherzt sie. «Als ich erfahren habe, dass Tickets für die neue Eisenbahnverbindung Peking- Lhasa erhältlich sind, musste ich unbedingt eines haben.» Doch es sei nicht allein die schiere Neugier, die sie in die Welt hinausziehe: «Reisen ist Sieg, sagen die Araber.» Jedesmal, wenn sie in Peking ankomme, habe sie das wunderbare Gefühl, an einer friedlichen Eroberung beteiligt zu sein. «Eine Reise öffnet immer Türen - auch in einer Gruppe», philosophiert sie weiter.

Türen aufstossen will sie überall, auch wenn Regierungen nicht erpicht auf Gäste sind und in der Schweiz die Meinung vorherrscht, dieses oder jenes Land besuche man aus politischen Gründen nicht. Während des Kalten Krieges zögerte Peter keinen Augenblick, die Sowjetunion und die Satellitenstaaten zu besuchen.

Mit einer Reisegruppe besuchte sie kürzlich auch Nordkorea - und machte bei der verordneten Verehrung des verstorbenen Führers Kim Il Sung mit. «Wir stellten uns in einem Glied auf, verneigten uns, und ich legte Blumen am Grab nieder. Alles zu den Klängen der Internationalen», sagt sie. Bei einem früheren Besuch hat sie dem Aufmarsch von 100’000 Menschen beigewohnt. «Das gehört halt auch zu diesem Land - ob es uns passt oder nicht.»

Zwei Pässe - wegen den USA
Dieses Jahr besuchte sie Burma, wohl wissend, dass die Opposition dort verfolgt wird und deren Anführerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi seit Jahren unter Hausarrest steht.

Damit gebe sie zumindest einigen Leuten - Hotelangestellten, Strassenhändlern - einen kleinen Verdienst, erklärt Charlotte Peter. Die Firma Triumph habe gar über tausend Leuten ein Auskommen verschafft - mit besseren Löhnen und hygienischeren Bedingungen, als in anderen Fabriken vorherrschten. Wegen der Proteste einiger Menschenrechtsorganisationen sei die Produktion jetzt eingestellt. «Ein Blödsinn - oder geben vielleicht die Menschenrechtler den Leuten nun Arbeit?», regt sich Peter auf. Letztlich betrachte sie es nicht als ihre Aufgabe, jedes Land zu schulmeistern.

Dass die USA oft treibende Kraft für die Ächtung gewisser Staaten sind, nimmt Peter der Weltmacht übel. Aber sie schätzt das New Yorker Leben samt den Museen und Musicals und reist jedes Jahr hin. Dank dem Einsehen der Schweizer Behörden kann sie das: Denn Peter gehört zum erwählten Kreis von Personen, die zwei Schweizer Pässe besitzen. Im einen sind die Visa der Bush’schen «Schurkenstaaten» wie Libyen und Iran eingetragen, im anderen jene der USA und der von Bush geschätzten Demokratien und Diktaturen, wie etwa Saudi-Arabien.

Mit zwei Pässen kann Charlotte Peter fast alle Länder der Welt besuchen. «Solange ich im Kopf klar bin und die Beine mitmachen, tue ich das auch», sagt sie und ergänzt: «Ich habe halt auf dieser Welt mit ihren 6,5Milliarden Menschen ein gutes Los gezogen - das hab ich auf den Reisen mehr als deutlich gesehen.»

Autor:
  • Urs von Tobel
13. September 2006, Beobachter 19/2006