Handzeichen Andere Länder, andere Gesten

Sprachbarrieren auf Reisen verleiten dazu, mit den Händen gestikulieren - was zu üblen Missverständnissen führen kann.

Wer im Ausland Handzeichen verwendet, kann böse Überraschungen erleben. Denn selbst ein herzlich ­gemeinter Gruss kann als Beleidigung ankommen.

Denken Sie beim unverfänglichsten aller Handzeichen auch an den nach oben gestreckten Daumen? Das Zeichen bedeutet: Alles klar! Super! Gut gemacht! Zumindest bei uns und zum Beispiel in Grossbritannien, Korea und Südafrika. In Afghanistan, Ländern des Nahen Ostens und teilweise im Mittelmeerraum ist diese Geste tabu. Sie gilt als obszön und aggressiv. Die wörtliche Übersetzung dafür lassen wir an dieser Stelle. Jedenfalls spielt das englische «Fuck» darin eine zentrale Rolle. «In der Türkei versteht man das Handzeichen als Einladung zum Geschlechtsverkehr unter Männern», schreibt Nele-Marie Brüdgam in ihrem «Kleinen Lexikon der Reise-Irrtümer». Abzuraten sei deshalb insbesondere vom gereckten, wippenden Tramperdaumen am Strassenrand.

Auch Reisejournalistin und Buchautorin Judith Reker hat schon öfter erfahren, dass ein und dieselbe Geste je nach Land unterschiedliche Bedeutungen haben kann. In Kairo wollte sie ein Buch kaufen. Im Laden fragte sie höflich danach. Der Buchhändler antwortete nicht mit Worten, sondern legte die Fingerspitzen einer Hand zusammen und verschwand im Hinterzimmer. Judith Reker kennt die Geste aus Italien, wo sie ungefähr bedeutet: «Was willst du eigentlich, eh?» Als der Buchhändler wiederkam, war die Kundin weg. Dabei hatte er, wie sie später erfuhr, nur ­angedeutet, sie möge sich ­bitte einen Moment gedulden.

Null-Kommunikation ist auch keine Lösung

Es wäre so einfach: wo gemeinsame Sprachkenntnisse fehlen oder nur rudimentär vorhanden sind, die Hände zu Hilfe zu nehmen und Klarheit zu schaffen. Egal, auf welchem Kontinent man sich gerade befindet. Doch wer Handzeichen verwendet, schafft damit unter Umständen mehr Missverständnisse, als ihm lieb ist. Und selbst ein neutrales Winkewinke mit offener Hand kann als ablehnende Geste gedeutet werden, bei den Griechen zum Beispiel. Ist es also besser, die Hände in den Hosentaschen zu vergraben? «Nein, mit Angst vor Kommunika­tion macht das Reisen ja gar keinen Spass mehr», sagt Judith Reker. Aber Respekt vor der Sprache der Hände sei angebracht. Zumal es auch innerhalb eines Landes oft mehrere Ges­ten mit ein und derselben Bedeutung gibt.

Besser vorsichtig zu sein, rät auch Knigge-Trainerin Katrin Künzle. Nonverbale Kommunikation sei knifflig. «Wer die Codes nicht kennt, kann schnell in den Fettnapf treten.» Und eine Geste zu benennen, die überall auf der Welt ­unmissverständlich die gleiche Bedeutung hat, ist schwierig. Mal abgesehen vom gereckten Mittelfinger vielleicht, der bekanntermassen ziemlich unflätig ist.

Peinlich, heikel oder gar brenzlig kann es werden, wenn Touristen in guter Absicht gestikulieren, dabei aber danebenlangen. Deutsche streicheln mit Kreisbewegungen ihren Bauch, wenn ihnen ein Essen geschmeckt hat. Auf Franzosen und Spanier wirkt dies befremdlich. Sie küssen lieber die aneinandergelegten Fingerspitzen der rechten Hand, wenn es mundete.

Will ein Schweizer ausdrücken, dass alles perfekt ist, bildet er schon mal mit Zeigefinger und Daumen einen Ring. In Kanada und Me­xiko geht das klar. Um Himmels willen aber nicht in Brasilien! Dort ist die Geste eine der vulgärs­ten Beleidigungen überhaupt. Und in Deutschland war das Handzeichen eine Zeitlang bei in Rage geratenen Autofahrern gebräuchlich. Es bedeutet, wir sprechen es jetzt aus: «Du Arschloch!» Etliche dieser groben Beleidigungen wurden mit Bussen geahndet oder mussten vor ­Gericht verhandelt werden.

Mit dem Victoryzeichen ins Fettnäpfchen

Auch Politiker sind vor schlimmen Patzern nicht gefeit. Der US-Präsident George Bush machte 1992 in Australien das Victoryzeichen – meinte er jedenfalls. Er streckte Zeigefinger und Mittelfinger wie ein V nach oben. In den USA spielt es keine Rolle, ob dabei dem anderen der Hand­rücken gezeigt wird. In Australien aber sehr wohl. Hier heisst diese Geste im harmlosen Fall: «Du kannst mich mal!» Manche deuten das Handzeichen gar als «Doppelstinkefinger». Empört zahlten es die Menschen dem Präsidenten heim, mit gleicher Geste.

Beim V-Zeichen nie den Handrücken nach vorn drehen, auch in England und auf Malta sollten Touristen dies beherzigen. Wer hingegen seine Handfläche zeigt, macht es in den meisten Ländern richtig. Das Zeichen, das sowohl für Sieg wie auch für Frieden steht, ist auf Fussballplätzen ebenso gebräuchlich wie bei Friedens­demons­tratio­nen und Wahlen. In unseren Breiten kam das Victory-V durch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann etwas in Misskredit.

Da sagen wir mit unserer Hand lieber «Shaka». So heisst die traditionelle Begrüssungsgeste auf Hawaii, bei der mit geschlossener Faust ­der Daumen und der kleine Finger abgespreizt werden. Amerikas Präsident Barack Obama benutzt das Handzeichen, wenn er seine Heimat besucht. Die Geste gilt als cool und ist zum Inbegriff eines entspannten Lebensstils geworden. Auch Surfer begrüssen sich so. Wer nicht zur Surfgemeinde gehört und sich gerade in Italien, Nigeria oder Portugal aufhält, deutet aber etwas anderes an: «Lass uns telefonieren.»

Ein freundliches Lächeln wirkt Wunder

Gelassen bleiben ist der beste Rat, wenn Ihnen auf Reisen ein Finger-Fauxpas passiert. «Irren ist menschlich, und das Wörtchen ‹Entschuldigung› beruhigt die Gemüter fast immer», sagt Judith Reker. Darüber hinaus sei ein freundliches Lächeln geeignet, Wohlwollen zu zeigen, empfiehlt Katrin Künzle. Droht sich die Situa­tion aufzuladen, etwa im Strassenverkehr oder an der Bar, heisst es: nichts tun, was zur Eskala­tion beitragen könnte. Also lieber alle Finger ­unter Kontrolle halten, auch wenn es juckt. Falls Sie im Ausland mit einer Ges­te konfrontiert werden, die Sie als unfreundlich deuten: «Warten Sie ab und reagieren Sie nicht aggressiv», lautet der Rat der Knigge-Trainerin. Vielleicht hat man Sie nur zum Kaffee eingeladen.

Buchtipps

  • Julia Grosse, Judith Reker: «Versteh mich nicht falsch! 
Gesten weltweit. Das ­Handbuch»; Bierke, 2010,
 128 Seiten.
  • Nele-Marie Brüdgam: «Kleines Lexikon der Reise-Irrtümer»; Eichborn, 2011, 223 Seiten.
Autor:
  • Vera Sohmer
Bild:
  • Anja Denz
  •  und Thinkstock Kollektion