Versicherung Reise annullieren – wer zahlt?

Versichert und doch nicht gedeckt – das passiert bei Annullierungskostenversicherungen oft.

Sie müssen eine gebuchte Reise absagen? Auch wer eine Annullierungskostenversicherung abgeschlossen hat, ist nicht in jedem Fall abgesichert. Die Versicherer schauen sehr genau hin.

aktualisiert am 19. Mai 2016 15:36

Etwas Besonderes hatten Gerdi und Urs Aufranc gebucht: eine achttägige Kunstreise in Texas, organisiert von der Bernischen Kunstgesellschaft. Kurz vor Reisebeginn riet ihnen die Gesellschaft, eine Reiseversicherung abzuschliessen. «Ich telefonierte mit dem TCS und fragte, ob das überhaupt noch möglich sei», sagt Gerdi Aufranc. Die Antwort war «Ja, ich müsse einfach sofort einzahlen.» Deshalb fuhr sie umgehend zur Bieler TCS-Geschäftsstelle und zahlte an deren Schalter die 200 Franken Prämie für den ETI-Schutzbrief inklusive Annullierungskostenversicherung ein.

Das Unerwartete passierte: Urs Aufranc erkrankte am Tag vor der Abreise so schwer, dass ihm sein Arzt von der Reise abriet. Von der Innenohrkrankheit wusste Aufranc schon länger, doch über zwei Jahre lang hatte er keine nennenswerten Beschwerden gehabt. Sein Arzt bescheinigte, dass Aufranc akut erkrankt sei und Rückfälle bei dieser Krankheit völlig unerwartet passieren würden. Dennoch lehnte der TCS die Übernahme der Annullierungskosten von rund 7000 Franken ab. Die Police sei erst nach dem Rückfall in Kraft getreten, und Aufrancs Krankheit bestehe schon seit 2005.

Versichert und doch nicht gedeckt

Die Police war in der Tat auf den Tag der Abreise datiert anders als vereinbart. Das hatte Gerdi Aufranc nicht bemerkt, sondern sich auf die mündliche Zusicherung des TCS verlassen und auf die Bestimmung des Schutzbriefs, wonach dieser einen Tag nach Einzahlung gültig wird. Obwohl eine Versicherung, datiert auf den Tag der Abreise, keinen Sinn ergibt, beharrt der TCS auf seinem Standpunkt. «Für uns ist das Datum in der Police massgebend», sagt Marc Schneider, Abteilungsleiter Reiseannullierung. «Und da der ETI-Schutzbrief nicht gültig ist bei Vorkommnissen, die sich bereits vor dessen Erwerb ereignet haben, ist die Reiseabsage der Aufrancs nicht gedeckt.»

Versichert und doch nicht gedeckt – das passiert bei Annullierungskostenversicherungen oft. Sie decken nur bestimmte Annullierungsgründe ab, und es kommt aufs konkrete Schadenereignis an. Massgebend sind jeweils die konkreten allgemeinen Versicherungsbedingungen. Üblicherweise sind diese Absagegründe gedeckt:

  • Die versicherte Person erkrankt schwer, verunfallt oder stirbt oder ein solches Unglück trifft eine mitreisende oder nahestehende Person (Angehörige, Lebenspartner).

  • Stellenverlust ohne eigenes Verschulden.

  • Unerwarteter Antritt einer Arbeitsstelle.

  • Die versicherte Person muss zu Hause bleiben, weil ihr Eigentum schwer beeinträchtigt ist (etwa wegen Überschwemmung).

  • Das öffentliche Verkehrsmittel, mit dem man zum Abreiseort fährt, fällt aus oder verspätet sich massiv, so dass man die Reise nicht antreten kann.

  • Wegen Gefahren am Reiseziel (etwa Krawalle, kriegerische Ereignisse) wird von der Reise abgeraten, oder Streiks oder Naturkatastrophen verunmöglichen sie.

Vorbestehende Krankheiten sind grundsätzlich nicht gedeckt. Wobei etliche Versicherungsgesellschaften – im Unterschied zum TCS/ETI-Schutzbrief – diese ausschliessende Bestimmung in ihren Bedingungen zugunsten der Versicherten präzisieren: «Bei chronischer Erkrankung besteht Versicherungsschutz, wenn die Reise wegen einer ärztlich attestierten, unerwarteten akuten Verschlimmerung annulliert werden muss», schreibt zum Beispiel die Elvia. Ähnlich lautende Formulierungen haben auch die Allianz, die Basler, die Europäische oder die Mobiliar.

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Wer einen längeren Auslandaufenthalt plant oder öfters im Jahr verreist, wird sich unweigerlich mit der Frage beschäftigen, welche Reiseversicherungen er braucht. Guider informiert seine Mitglieder unter anderem darüber, ob sich eine Annullierungskostenversicherung lohnt und was durch den ETI-Schutzbrief gedeckt ist.

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Arzttermine und Reisevorbereitungen

Selbst ein bevorstehender Untersuchungstermin kann zum Problem werden. Das musste Bernhard Krieger erfahren. Er hatte zwar einen Termin für eine Herzuntersuchung. «Als ich aber im Sommer Sardinienferien für den September buchte, fühlte ich mich fit: Ich war voll arbeitsfähig, machte Sport, war nicht auf Medikamente angewiesen», erzählt Krieger. Dann ergab die Untersuchung – für Krieger völlig überraschend –, dass eine rasche Bypass-Operation unumgänglich war. Krieger annullierte die Reise und bat seine Versicherung, ihm die Annullierungskosten von 3300 Franken zu überweisen. Doch die Europäische Reiseversicherungs AG lehnte seinen Anspruch ab. Sie argumentierte, zum einen sei die Erkrankung, die zur Reiseannullierung geführt habe, bei der Buchung bereits eingetreten. Zum andern hätte Krieger die Resultate der Untersuchung abwarten müssen, bevor er die Reise buchte. «Sind solche Bedingungen im Interesse der Versicherten?», ärgerte sich Krieger und wandte sich an die Ombudsstelle der Privatversicherung. Diese schloss sich aber der Einschätzung der Europäischen an.

Gründlich prüfen die Versicherungen auch Absagen wegen psychischer Erkrankungen. Zusätzlich zum Arztzeugnis, ausgestellt von einem Psychiater, verlangt zum Beispiel die Allianz einen Beleg dafür, dass die akute Erkrankung einen stationären Aufenthalt nötig machte. Die Elvia und die Europäische verlangen eine Abwesenheitsbestätigung des Arbeitgebers. Weil hier die Massstäbe streng sind, sollten sich Personen mit psychischer, aber stabiler Krankheit gegen eine allfällige unerwartete Verschlechterung besonders absichern: Sie lassen sich vor einer Buchung am besten ärztlich bestätigen, dass sie reisefähig sind.

Angehörige sind nicht immer mitversichert

Mit einem ganz andern Sachverhalt wandte sich Adolf Greussing ans Beratungszentrum des Beobachters: Er hatte zu seinem 70. Geburtstag für ein Dutzend Angehörige eine zweitägige Feier im Schwarzwald arrangiert. Einige Tage vor dem Fest erkrankte er so schwer, dass er absagen musste. Die Annullierungskosten von rund 1200 Franken, die ihm das Schwarzwald-Hotel verrechnete, meldete er dem TCS, wo er mit dem ETI-Schutzbrief versichert ist.

Doch der TCS anerkannte nur Greussings Anteil, rund 100 Franken. Die Absagekosten für die eingeladenen Angehörigen lehnte der TCS ab mit der Begründung, der Schutzbrief decke nur den Schaden des Versicherungsnehmers. «Da in meinem Fall die Eingeladenen alle haushaltfremd sind, übernahm der TCS diese Kosten nicht», gibt sich Greussing geschlagen.

Tatsächlich handhaben die meisten Versicherungen solche Fälle ähnlich: Gedeckt sind nur Mitreisende, die im gleichen Haushalt leben. Bloss die Elvia ist grosszügiger: Wenn mehrere Personen die gleiche Reise gebucht haben, übernimmt sie die Annullierungskosten von maximal sechs Personen, dies unabhängig davon, ob diese miteinander verwandt sind oder im gleichen Haushalt leben.

Ein Hinweis für Freunde, die zusammen Reisen buchen und die nur zusammen verreisen möchten: Ihnen bietet zum Beispiel die Europäische temporäre Versicherungsprodukte an. «Dabei werden die versicherten Teilnehmer namentlich erfasst», erläutert Geschäftsleiter Thomas Tanner. «Damit sind die Absagekosten aller Beteiligten gedeckt, wenn einer schwer krank wird oder verunfallt.»

Annullierungskostenversicherung: Was sie bringt

  • Die Annullierungskostenversicherung ist nicht obligatorisch. Sie deckt jene Kosten ab, die man als Kunde wegen des Vertrags schuldet, wenn man eine Reise absagt – etwa dem Reise­büro, der Ferienwohnungs­vermieterin, der Airline.

  • Bei Billig- und Last-Minute-Reisen lohnt sich die Annullierungskostenversicherung eher nicht.

  • Nützlich ist sie hingegen, wenn man teure (Familien-)Reisen macht oder mehrfach pro Jahr verreist. Eine Jahresversicherung kostet zwischen 80 und 200 Franken. Für junge Leute gibt es speziell günstige Angebote.

  • Achten Sie darauf, die Versicherung für eine Reise sofort bei der Buchung oder gleich danach abzuschliessen.

  • Beachten Sie bei einer Jahresversicherung die Kündigungsfrist, wenn Sie keine automatische Verlängerung wollen.

  • Bei einem chronischen Leiden lässt man sich vor einer Reisebuchung am besten von einer Ärztin bestätigen, dass man reisefähig ist.

  • Eine Absage wegen Schwangerschaft ist bei vielen Versicherern nur gedeckt, wenn sie nach der Buchung begonnen hat und Komplikationen auftreten. Elvia und Mobiliar übernehmen Annullierungskosten auch, wenn für das Reiseziel eine Impfung nötig ist, die für das ­ungeborene Kind ein Risiko bedeutet.

  • Kurzarbeit ist nicht gedeckt.

  • Ein Schadensvorfall ist unverzüglich zu melden und zu belegen. Beachten Sie die Vor­gaben in den allgemeinen Versicherungsbedingungen, manche Gesellschaften verlangen Originalbelege.

  • Versicherte haben auch eine Schadenminderungspflicht: Sie müssen alles vorkehren, um den Schaden gering zu halten. Da eine Annullierung umso teurer ist, je später sie erfolgt, empfiehlt sich folgendes Vorgehen: Prüfen Sie als Erstes den Reisevertrag, wenn Sie vor der Reise ernsthaft erkranken. Setzen Sie sich rasch mit Ihrer Ärztin in Verbindung, um Ihre Reisefähigkeit zu klären. Informieren Sie auch Ihre Versicherung. Gibt die Ärztin grünes Licht für die Reise und verschlechtert sich Ihr Zustand wider Erwarten, sind Sie ab­gesichert. Im Zweifelsfall sagt man die Reise besser ab. Sonst läuft man Gefahr, dass die Versicherung die Leistung kürzt.

  • Die Annullierungskosten­versicherung gilt nur bis zum Antritt der Reise. Wer sich gegen finanzielle Folgen bei Unfall oder Erkrankung am Reise­ort absichern möchte, braucht eine Assistance- oder SOS-Versicherung. Dieser Schutz ist sinnvoll, da Rückführungen sehr kostspielig sind.

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Autor:
  • Doris Huber
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  • Thinkstock Kollektion