Geldmaschine Das Wunder von Nino

«Der Nino finanziert Ihren Lebensabend vor»: Marco Müllers Auftritt in Wallisellen
«Der Nino finanziert Ihren Lebensabend vor»: Marco Müllers Auftritt in Wallisellen

Ein paar Franken investieren, enorme Renditen ­kassieren und ohne Sorgen an einem See in Paraguay ­leben. Mit diesem Versprechen sammelt My Pension Plan Works Geld.

aktualisiert am 20. Sep 2016 10:39

«Lauter!», ruft der Mann, an dessen Bauarbeiterarm eine Frau hängt. Er will die frohe Botschaft auch hören. Der Redner erhebt die Stimme. Bloss 40 Dollar muss man ein einziges Mal in die Hand nehmen, und dann bekommt man für immer und ewig 8000 Dollar, und zwar jeden Monat. Ein Wunder!

Allerdings. Das Wunder geschehen lassen will Nino Marco Fiammingo, 42. Den nennen alle nur Nino, als ob man ihm auf die Schulter klopfen könnte. Kann man aber nicht, der ­Nino sitzt in Paraguay. Für alle, die auch noch nie dort waren: Paraguay 
ist ein Staat in Lateinamerika, ein­gequetscht zwischen Brasilien und ­Argentinien.

Doch im Geiste ist Nino bei uns, und wir sind bei ihm, denn er kümmert sich um alles. Im November hat er My Pension Plan Works gegründet und sammelt seither weltweit Geld.

Sein Plan: Er will dem Mann von der Strasse mit seinem kleinen Portemonnaie zu Traumrenditen verhelfen. Und ihn, falls das als Anreiz nicht genügen sollte, samt Angehörigen nach Paraguay umtopfen, wo das Steuer­klima milder sei. «Wir ­leben zwar noch hier, wir wollen aber raus!», beschwört der Redner die fünf Dutzend Leute im Saal «Winde» in der Walliseller Wirtschaft zum Alten Doktorhaus.

Fit bleiben mit Selbstversorgung

Raus, das heisst: in eine Siedlung «an einem 100 Quadratkilometer grossen See» ziehen, wenn wir alt sind. «Der Nino hat schon Grund­stücke in Aussicht.» Dort sollen wir ­Lebensmittel anbauen, uns gesund ­ernähren und fit und straff bleiben. Und wer soll das bezahlen? «Der Nino finanziert das vor», sagt der Redner. Er heisst Marco Müller und ist Deutscher wie Nino. «Das isch dänn guet», sagt eine Frau. Sie zupft ihren Mann am Hemd.

Ninos Schema nährt sich aus dem Geld von Leuten, die «Anteile» zu 
40 Dollar das Stück kaufen. Damit handelt Nino angeblich am Devisenmarkt erschöpfende «zwölf Stunden am Tag, dann übernimmt der Bernd», sagt der Redner.

«Wir sind eine Gemeinschaft. Wenn jeder drei Leute begeistert, funktioniert das ­System Monat für Monat.»

Marco Müller, Redner an der Veranstaltung

Wie die Geldmaschine ­exakt funktionieren soll und dass Nino Fiam­mingo in seinem früheren Leben auch ein ordentlicher Pokerspieler gewesen ist, interessiert weniger. Der Redner spricht lieber über die Notwendigkeit, das viele Geld später am Steueramt vorbeizuschleusen, und preist die ­sagenhaften Profite, die an der Börse möglich seien: «20, 30, 40, 60 Prozent – pro Monat!»

Das lässt die Leute in der Wirtschaft überraschend kalt. «Was geschieht mit unserem Geld, wenn es dem lieben Nino einmal nicht mehr so gut geht?», fragt einer maliziös. «Wann zahlt ihr die 8000 aus?», fragt ein anderer. «Das kommt auf die Rendite an und auf jeden Einzelnen im Raum», spielt der Redner den Ball zurück. «Wir sind eine Gemeinschaft. Wenn jeder drei Leute begeistert, funktioniert das ­System Monat für Monat. Kurz, ihr seid gefragt.»

Die Walliseller sind misstrauisch

Es ist harte Arbeit, den Wallisellern das Geld aus der Tasche zu ­ziehen. Der eine hält acht Anteile, der andere ­einen. «Wenns nicht funktioniert, ist der Verlust verschmerzbar», sagt er trocken. Ein Schneeballsystem sei ­Ninos Schema ­kei­nes­wegs, wehrt der Redner ungefragt ab. Nino Fiammingo erklärte dem Beobachter: «Wir sind ein Crowdfunding-Konzept, das in hochriskante Investments investiert und die Rückflüsse über ein spezielles Marketingsystem ausschüttet.» Dabei sei «jederzeit ein Totalverlust möglich».

«Es ist ein Perpetuum mobile und auch eine Frage der Energie», sagt die Brünette in Ninos Diensten. Sie hat ­eine Plastikbox aufgestellt. Auf der steht: «Freiwilliger Energieausgleich». Mit Energie meint die Frau Geld. Die Box bleibt bis zum Schluss leer.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hatte bislang noch keine Kenntnis von diesem «Geldvermehrungssystem». «Ein Blick auf die Webseite lässt indes Zweifel aufkommen, vor allem was die Renditeversprechen betreffen», teilt Seco-Sprecher Fabian Maienfisch auf Anfrage mit. «Wir raten jeweils, solche Angebote mit einer gewissen Distanz und gesundem Menschenverstand zu prüfen. Oft sind solche Angebote schlicht ‹zu schön, um wahr zu sein›.»

Autor:
  • René Ammann
Bild:
  • private Aufnahme
16. September 2016, Beobachter 19/2016

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