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Alkoholismus

Der Ungeist aus der Flasche

Text:
  • Birgitt Cordes
Ausgabe:
3/05

Alkoholprobleme sind innerhalb der Familie ein Tabu. Tausende von Kindern in der Schweiz sind davon betroffen: Sie leben mit Schuldgefühlen und in ständiger Angst.

Der Therapieraum sieht aus wie ein Kinderzimmer, nur ein wenig aufgeräumter: Unmengen von kleinen Plastiktieren stehen bereit, Malsachen und zahlreiche Spiele stapeln sich im Regal. Doch der Grund für den Besuch des neunjährigen Michi (Name geändert) ist wenig vergnüglich. In der Kinderspieltherapie der Fachstelle für Alkoholprobleme in Winterthur lernt er, dass er für die Alkoholabhängigkeit seines Vaters nicht verantwortlich ist. Auch die zwölfjährige Pascale (Name geändert), deren Mutter seit der Geburt ihrer Tochter trinkt, kann zum ersten Mal – spielerisch – ihre traumatischen Erfahrungen verarbeiten.

Wie die meisten Kinder von alkoholbelasteten Eltern wuchsen die beiden in einer angespannten Familienatmosphäre auf. «Nach der Schule hatte ich oft Angst, denn ich wusste nie, wie meine Mutter gelaunt war. Ich dachte, sie trinke meinetwegen. Ich versuchte immer lieb zu sein», erinnert sich die 23-jährige Marie (Name geändert) an ihre Kindheit. Sie übernahm auch ständig Aufgaben, denen sie aufgrund ihres Alters eigentlich gar nicht gewachsen war. «Ich kochte bereits als kleines Kind für mich oder erledigte Haushaltsarbeiten, wenn meine Mutter zu betrunken war.»

Kinder wagen nicht, etwas zu sagen

Gemäss einer Hochrechnung der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) leben hierzulande etwa 50'000 bis 110'000 Kinder, deren Entwicklung durch die Alkoholabhängigkeit eines Elternteils erheblich belastet ist. «Innerhalb der Familien wird das Thema Alkohol tabuisiert. Die Kinder verdrängen ihre Gefühle und zeigen ein überangepasstes Verhalten», sagt Simone Aeschbach, Psychologin und Projektleiterin der Gesprächsgruppen für betroffene Kinder in Bern und Zürich.

Die Kindheit wird durch die Alkoholsucht der Eltern massiv gestört. Die Kinder wirken meist sehr zurückgezogen, sind oft überängstlich oder zeigen ein sehr impulsives Verhalten bis zur Hyperaktivität. Konzentrationsschwierigkeiten führen schliesslich häufig zu Leistungsschwächen in der Schule.

Lügen der Eltern schaden besonders

Lukas (Name geändert) musste mit seiner Familie wegen der Alkoholabhängigkeit des Vaters wiederholt die Wohnorte wechseln. Der Achtjährige zeigte laut Psychologin Aeschbach typische Symptome: «Am Anfang traute er sich nicht, seine Meinung zu äussern.» In der Gruppe hat er auf spielerische Art gelernt, sich durchzusetzen und die familiären Probleme nicht mehr auf sich zu beziehen.

Die Geheimhaltung des Alkoholproblems ist wie ein ungeschriebenes Gesetz und zwingt die Kinder zum Schweigen. Durch diesen Loyalitätskonflikt gegenüber den Eltern kann es Jahre dauern, bis sich ein Kind jemandem anvertraut. Marie beispielsweise redete erst während der Pubertät mit ihren Freunden über die Situation zu Hause, aber die Alkoholsucht der Mutter versuchte sie geheim zu halten. «Erst als Teenager habe ich mit den Eltern einer Schulkollegin, die für mich wie Ersatzeltern waren, begonnen, offen über meine Sorgen zu sprechen.» Und das sei eigentlich zu spät gewesen.

Nur wenige Eltern gestehen sich ihre Alkoholabhängigkeit ein. Stattdessen versuchen sie, die Sucht vor den Kindern zu verstecken. «Obwohl meine Mutter nach Alkohol roch, leugnete sie, getrunken zu haben, und verharmloste ständig ihr Trinken», erzählt Marie.

Die Sucht der Eltern kann verheerende Folgen haben: Das Risiko der Kinder, später selber Alkohol zu missbrauchen, ist gemäss wissenschaftlichen Untersuchungen bis zu sechsmal höher als bei Kindern von «normalen» Familien.

«Es braucht in der Regel einen sanften Druck, damit die Eltern kooperieren», sagt Stefan Blülle, Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendschutz der Vormundschaftsbehörde Basel. In Zusammenarbeit mit sozialen Diensten und Fachleuten werde nach Lösungen mit den Eltern gesucht. Dies könne in Form einer Teilzeitbetreuung der Kinder oder einer therapeutischen Begleitung passieren. Blülle stellt jedoch klar, dass die Bedürfnisse des Kindes klaren Vorrang haben: «Ist das Kindeswohl gefährdet, kommt es zum Entzug des Kindes von den Eltern.»

Wie Bezugspersonen helfen können


  • Die Eltern ermutigen, eine Alkoholberatungsstelle aufzusuchen, und ihnen bei der Suche nach Entlastungsmöglichkeiten für die Kinderbetreuung behilflich sein (Kinderkrippe, Mittagstisch).

  • Dem Kind vermitteln, dass es über seine Situation reden darf und dass es nicht für die Alkoholabhängigkeit seiner Mutter oder seines Vaters verantwortlich ist.

  • Das Kind zu regelmässigen Freizeitaktivitäten motivieren und es in die Gemeinschaft anderer Kinder integrieren (Spielgruppen, Ausflüge).

  • Das Kind zu einer Fachperson (Kinderpsychologen, Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst) oder einer Beratungsstelle begleiten.

  • Ist das Kind Gewalt ausgesetzt, sollte man nicht zögern, die Behörden (Jugendamt) einzuschalten.

Beratung und Hilfe


Internetberatung für Kinder

 

  • Internetberatung speziell für Kinder, Hinweise und Informationen zum Thema Alkohol, weitere Internetadressen: www.kopfhoch.ch
  • Internetberatung für Kinder und Jugendliche, grosse Themenauswahl zu Themen wie Sucht und Drogen, Gewalt in der Familie: www.kidkit.de

Internetberatung für Angehörige, Freunde und Betroffene

 

© Beobachter Ausgabe 3 vom 03. Feb 2005 - Alle Rechte vorbehalten

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