Beobachter-Gesundheitsberatung: Hausbesuch per Telefon
Sie haben in der Nacht Schmerzen und wissen nicht, was tun? Beim medizinischen Beratungszentrum Medgate können sich Beobachter-Abonnenten ab sofort rund um die Uhr telefonisch ärztlichen Rat holen – und das zu einem Vorzugstarif.
Nebenartikel
Drei Uhr morgens. Schon seit Stunden plagt den 55-jährigen Christoph B. Magenbrennen. Schmerzmittel helfen nichts. Was soll er tun? Seinen Hausarzt möchte er nicht wecken – vielleicht handelt es sich ja nur um etwas Harmloses. Deshalb will er auch nicht direkt ins Spital fahren. Und die Apotheken haben alle zu.
Das ist der Moment für den Rund-um-die-Uhr-Arzt: Er ist per Telefon erreichbar und versucht, mittels gezielter Fragen zu klären, was als Nächstes zu tun ist. Dabei sind ihm spezialisierte Computerprogramme und Datenbanken behilflich.
Bei Christoph B. zeigt sich, dass die Lage ernst ist. Er willigt ein, dass der Telefonarzt einen Krankenwagen anfordert und eine Notaufnahme im Spital veranlasst. Fünf Stunden später liegt Christoph B. frisch operiert im Krankenbett. Diagnose: ein durchgebrochenes Magengeschwür.
Dienstleistungen, wie sie der Telefonarzt von Christoph B. anbietet, gibts in Grossbritannien oder Skandinavien seit längerem. In der Schweiz etablierten sie sich erst letztes Jahr, als mit Medgate und Medi24 zwei medizinische Informations- und Beratungszentren ihren Betrieb aufnahmen.
Die Dienstleistungen von Medgate
- Ärztliche Beratung:
Mit gezielten Fragen wird das gesundheitliche Problem des Anrufers eingegrenzt und der angemessene Behandlungsweg ermittelt. Dieser kann zur Notfallstation, zum Hausarzt, zum Spezialisten oder zur Apotheke führen – oder auch «Abwarten und Tee trinken» heissen. Wichtig: Die Medgate-Ärzte stellen keine Diagnosen, verordnen keine Therapien und verschreiben keine Medikamente.
- Medizinische Fachinformationen:
Wann ist erhöhter Blutdruck zu behandeln? Welche Erkenntnisse sind von einer Darmspiegelung zu erwarten? Antworten auf solche und andere Fragen ermöglichen es den Anrufenden, medizinische Entscheidungen gemeinsam mit ihrem behandelnden Arzt zu treffen – und sie nicht einfach verordnet zu bekommen.
- Zweitmeinung (Second Opinion):
Ist eine Hormontherapie wirklich angezeigt? Soll ich meinen Leistenbruch bereits jetzt operieren lassen? Häufig stehen Patienten den vorgeschlagenen Therapien oder Eingriffen skeptisch gegenüber, weil Fragen offen geblieben sind. Fundierte Hintergrundinformationen sollen diese klären und den Anrufenden erlauben, sich eine eigene, zweite Meinung zu bilden. In solchen Effekten sehen die Initianten der medizinischen Informations- und Beratungszentren den wichtigsten Antrieb: mehr Handlungskompetenz, mehr Selbstbestimmung, mehr Eigenverantwortung für die Patientinnen und Patienten. Das dient letztlich dem Einzelnen wie dem Gesundheitssystem. Denn:- Wer auf Anhieb den angemessenen Behandlungsweg einschlägt, vermeidet den teuren Gang von Arzt zu Arzt.
- Eine frühe ärztliche Beratung kann verhindern, dass eine Krankheit verschleppt oder in einer akuten Situation unentschlossen und falsch gehandelt wird.
- Beunruhigte Personen erhalten jederzeit eine ärztliche Antwort auf ihre Fragen und gewinnen dadurch mehr Sicherheit. Zugleich wird das persönliche Gespräch aufgewertet.
- Wer auf Anhieb den angemessenen Behandlungsweg einschlägt, vermeidet den teuren Gang von Arzt zu Arzt.
Hoffnung auf Kosteneinsparungen
Zudem hoffen die Betreiber der Beratungszentren, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken: Alle wichtigen Gruppen im System anerkennen heute, dass 20 bis 25 Prozent der medizinischen Leistungen überflüssig sind. Ein beträchtlicher Teil davon sind Doppelspurigkeiten, die sich aus dem oben genannten «Ärztetourismus» ergeben. Deshalb ist das Angebot solcher Beratungszentren vor allem für Versicherer attraktiv: Während Medgate mit Sanitas, Intras und Innova zusammenarbeitet, ist es bei Medi24 in erster Linie Helsana.
Ob die Rechnung aufgeht, lässt Medgate – unter Aufsicht des Bundesamts für Sozialversicherung – über eine dreijährige Begleitstudie ermitteln, die neben der Kundenzufriedenheit auch das Sparpotenzial erfasst. Aus den langjährigen Erfahrungen in Grossbritannien und Skandinavien weiss man erst, dass rund drei Viertel der Anrufenden einen anderen Behandlungsweg einschlagen, als sie vor dem Gespräch beabsichtigt haben. Jetzt gilt es, zu klären, ob der empfohlene Weg auf lange Sicht günstiger ist.
Der Blick aufs Geld ist aber auch Anlass für Kritik, vor allem aus der Ärzteschaft. Skeptiker beschwören einmal mehr die «Gefahr der Billigmedizin», die sie immer dann sehen, wenn die Leute dazu angehalten werden, das Gesundheitssystem zurückhaltend zu beanspruchen. Der oberste Mediziner des Landes, FMH-Präsident Hans Heinrich Brunner, hat diesbezüglich jedoch keine Bedenken.
Unbestritten ist, dass Medgate & Co. Grenzen haben: Weil der Kontakt übers Telefon erfolgt, kann der Arzt den Patienten weder sehen noch riechen, noch abtasten. Gefühle wie Angst oder Verzweiflung kann er höchstens der Stimme entnehmen, nicht aber aus körperlichen Regungen ableiten. Das heisst: Die Telefonärztin kann den Arztbesuch nicht ersetzen – umso weniger, als per Telefon weder Diagnosen gestellt noch Therapien verordnet oder Rezepte verschrieben werden.
Hingegen kann der Telefonarzt abschätzen, wie rasch und in welche Richtung zu handeln ist. Zudem scheint die Anonymität des Telefons die Hemmschwelle zu senken: Viele Anrufende stellen Fragen, die sie ihrer Ärztin nicht persönlich stellen würden. Oder sie sammeln Informationen, um ihrem Arzt kritische Fragen zu stellen.
Die Zwischenbilanz von Medgate nach einem Jahr zeigt, dass ein Beratungsgespräch im Schnitt 15 Minuten dauert. Rund 40 Prozent der Anrufenden erhielten einen Rat zur Selbstbehandlung. Etwa gleich vielen wurde empfohlen, den Hausarzt oder eine Spezialistin aufzusuchen. In jedem siebten Fall erschien eine Notaufnahme angezeigt. Und für jeden Hundertsten, der anrief, wurde die Ambulanz bestellt.
Für Andy Fischer, Mitinitiant und Geschäftsführer von Medgate, ist deshalb klar: «Wir sind auf dem richtigen Weg: Die individuelle Beratung rund um die Uhr ermöglicht es einerseits, verunsicherte Leute zu beruhigen und damit unnötige medizinische Leistungen zu verhindern. Anderseits können wir Schwerwiegendes frühzeitig erkennen.»
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© Beobachter Ausgabe 17 vom 17. Aug 2001 - Alle Rechte vorbehalten











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