Beobachter-Test: In diesen Heilbädern gehen Sie nicht baden
Wenns draussen kalt ist, strömen Tausende in die Thermalbäder. Doch welche Heilquelle ist am geeignetsten? Der Beobachter hat neun grosse Badeanlagen für Sie getestet.

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Unser Land blickt auf eine alte Badetradition zurück: Schon die alten Römer kannten den Nutzen der Heilquellen, und im 18. Jahrhundert waren Badekurorte Zentren des gesellschaftlichen Lebens. Heute gilt die Schweiz neben Österreich als das Wellnessland schlechthin nicht zuletzt wegen der rund 20 öffentlichen Heilbäder.
Waren es einst Kranke, die zur Kur ins Heilbad gingen, so sind es heute immer mehr auch Gesunde. Junge, Alte, Eltern mit Kindern alle steigen ins warme Wasser, um sich zu entspannen und Energie zu tanken. Allein die vom Beobachter ausgewählten neun grossen Heilbäder zählen jährlich über drei Millionen Besucherinnen und Besucher Tendenz steigend.
Doch welches Bad ist wofür geeignet? Wo finden Sie Ruhe, wo Ihre Kinder Action? Wo gibt es eine Sauna, einen Hamam oder ein Solebad? Der Beobachter hat die Angebote miteinander verglichen.
Sehr vielseitig sind die Möglichkeiten im Engadin Bad in Scuol GR. Die moderne Bäderlandschaft beinhaltet alles, was ein umfassendes Badeerlebnis ausmacht. Und vom warmen Aussenbecken aus kann man erst noch die verschneite Bergwelt betrachten. Ein weiteres Plus: Die angrenzende Saunalandschaft mit drei Innen- und Aussensaunas sowie das Solarium sind im Eintrittspreis inbegriffen.
Prüde Sitten im Waadtland
Am schlechtesten schneidet das Thermalzentrum Yverdon-les-Bains VD ab. Das Interieur stammt aus den siebziger Jahren und wirkt mit dem Holztäfer an den Wänden muffig. Für die Sauna im Keller muss man extra zahlen. Die Sitten sind veraltet: Die Badekappe ist obligatorisch, und in der Sauna ist «nackt toleriert, aber nicht erwünscht». Ein Besuch ist deshalb erst ab dem nächsten Sommer zu empfehlen. Bis dahin wird das Bad modernisiert, und die Bauarbeiten lassen eine entspannende Ambiance gar nicht erst aufkommen.
Bereits erneuert wurde das Thermalbad in Vals GR. 1996 ersetzte Stararchitekt Peter Zumthor die baufällig gewordene Hotelbadeanlage durch einen Neubau aus Valser Quarzitgestein. Heute ist die Therme Vals ein wahrer Publikumsmagnet. 140000 Leute aus der ganzen Schweiz pilgern jährlich dorthin, um die alle Sinne ansprechende Wasserwelt zu erleben. Da die Besucherzahl beschränkt ist, tut man gut daran, sich vorgängig via Internet einen Badeplatz zu sichern. Empfehlenswert ist es auch, sich im angeschlossenen Hotel einzuquartieren. Als Hotelgast hat man nämlich das Bad jeden Morgen bis elf Uhr und zweimal wöchentlich auch abends für sich. Ohne Rummel ist das Erlebnis im Feuer- und im Eisbad am schönsten.
Fun und Action statt Kurmief
Die Zusammensetzung des Mineralwassers ist beim Heilbaden zweitrangig. Wichtig ist seine Temperatur. Praktisch alle Betreiber wärmen ihr Quellwasser auf, um dem Publikum angenehme Badetemperaturen zwischen 33 und 36°Celsius bieten zu können. «Durch die Wärme wird die Haut durchblutet. Zusammen mit dem Nichtstun führt das zur totalen Entspannung», sagt Felix Gutzwiller. Der Präventivmediziner der Universität Zürich empfiehlt, sich öfters Zeit zu nehmen für eine Wellnesspause. «Sie gehört ebenso zum gesunden Leben wie das Fitnessprogramm und ist eine gute Gelegenheit, auf die Signale des Körpers zu hören.»
Die Bäder haben den Wellnessboom erkannt und sich in den letzten Jahren zunehmend geöffnet. Denn nur von Kurgästen allein kann heute kein Heilbad mehr leben. Daher wurden die meisten architektonisch aufgepeppt und in Bäderlandschaften mit allem Drum und Dran verwandelt. Zum Standard gehören ein Innen- und ein Aussenbad mit Massagedüsen und Sprudelliegen. Doch den Gästen wird oft mehr geboten: Das Thermalbad Zurzach AG, mit seinen 2000 Besuchern täglich das grösste Thermalbad in der Schweiz, investierte kürzlich zehn Millionen Franken in einen Wellnessbereich mit verschiedenen Saunas und einem Dampfbad.
Funelemente wie Strömungskanäle oder Wasserfälle locken auch Familien mit Kindern an Konflikte sind da programmiert. Denn Kinder wollen nicht ruhig sein und entspannen, sondern ins Wasser springen, herumtollen und kreischen. Das aber passt vielen Ruhesuchenden nicht. «Kinder sind ein heikles Thema. Es gibt ein Dilemma zwischen Lebensfreude und Besinnlichkeit», sagt Carl Scherrer, Direktor des Thermalbads Zurzach. Trotzdem hat er vor zwei Jahren die Tore seines Bads für Kleinkinder geöffnet und so dem Bedürfnis der Kundschaft nachgegeben. Ein Becken ist aber nach wie vor nur für die Erwachsenen reserviert. Scherrer überlegt sich nun, ein Becken für Kinder zu bauen.
Auch andere Bäder kennen dieses Problem: In Scuol sind Kinder deshalb erst ab elf Uhr willkommen und in der Alpentherme Leukerbad VS erst ab sechs Jahren. Am kinderfreundlichsten ist das Bad Schinznach AG: Mit Spezialwindeln dürfen schon Babys hinein, bezahlt werden muss erst für Kinder ab vier Jahren. Kein Wunder, wimmelt es in Schinznach von orangen Schwimmflügeli und ist der Lärmpegel hoch. Ruhesuchende müssen sich in den abgetrennten Saunabereich zurückziehen und dafür extra zahlen.
Besser ist es in Rheinfelden AG: Der Zutritt in den grossen Sauna- und Nacktbereich ist im Eintrittspreis inbegriffen, und so kann jeder und jede ohne Mehrkosten dem Trubel entfliehen.
Ruhig ist es auch in Baden AG, wo man noch dem alten Kurbadstil treu geblieben ist. Das relativ kleine Thermalbad ist eines der letzten öffentlichen Heilbäder, das sich vom Wellnessboom nicht hat mitreissen lassen. Die Bäderlandschaft kommt ohne Schnickschnack aus, Spasselemente fehlen ganz. Ruhe und Erholung haben oberste Priorität. Deshalb ist die Aufenthaltszeit im Gegensatz zu vielen anderen Bädern unbegrenzt. «Wir wollen niemanden bestrafen, wenn er nach dem Bad im Ruheraum einschläft», sagt Direktor Abraham Guggenheim.
Auch in Baden hat sich das Publikum gewandelt. «Früher war das Durchschnittsalter um die 60. Heute kommen viele junge Leute», sagt Kassiererin Elsbeth Jucker. Das Badener Bad wird bald umgebaut: Geplant ist eine dreimal grössere Bäderlandschaft. Dabei soll der ruhige Charakter bewusst beibehalten werden.
In Baden sind denn auch weniger die lärmenden Kinder das Problem: «Das Unangenehmste für mich ist, einzuschreiten, wenn schmusende Paare sich im Wasser vergessen», sagt Eleonore Erne, langjährige Aushilfsbademeisterin. Ein Problem, das auch andere Bäder kennen: Heilbaden entspannt nicht nur, es stimuliert auch.
© Beobachter Ausgabe 1 vom 11. Jan 2002 - Alle Rechte vorbehalten











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