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Beruf und Familie

Organisation ist alles

Text:
  • Andrea Elmer
Bild:
  • Daniel Ammann
Ausgabe:
22/07

Drei Kinder, zwei Berufe, der Haushalt, ein Geschäft, da türmt sich einiges auf. Doch Monika und Urs Laib meistern das ausgezeichnet - sie bekamen dafür einen Preis von Pro Familia.

Tochter Lea schaut ihren Vater Urs Laib an und erzählt: Früher sei er mit dem kleinen Bruder im Huckepack auf die Baustelle gegangen. «Der Vater meiner Kollegin, der ihn jeweils gesehen hat, spricht heute noch davon», lacht sie. Der Architekt und das Baby - der Anblick des ungewöhnlichen Paares ist wohl nicht nur dem Handwerker in Erinnerung geblieben.

Sechs Jahre sind seither vergangen, die Baustellensituation als Sinnbild des Lebens der Familie Laibs hat aber auch heute noch ihre Berechtigung. Ihr Alltag in Amriswil TG steht dafür, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen, und zwar für Mann und Frau - echt partnerschaftlich also. Urs Laib arbeitet als selbständiger Architekt zu Hause, Monika Laib führt als gelernte Floristin das Blumengeschäft Ginkgo. Rund eine halbe Million Franken Umsatz erwirtschaftet der Betrieb mit insgesamt sechs Mitarbeitern. Eine Filiale in St. Gallen kam heuer hinzu. Dieses Jahr wurde die fast 40-Jährige zur 1. Thurgauer KMU-Frau gewählt - ein Preis, den die regionale Wirtschaft verleiht. Die Betreuung der drei Kinder und den Haushalt teilen sich Urs und Monika Laib auf - praktisch ohne fremde Hilfe, abgesehen von einer Putzfrau, die jede Woche zwei Stunden das Gröbste erledigt. Für diese Form der Arbeits- und Familienorganisation erhielten die Laibs eine weitere Auszeichnung von der Stiftung Pro Familia.

Geplant war die klassische Rollenaufteilung

Viel Ehre, aber eines nimmt Urs Laib gleich vorweg: «Wir sind keine Traumfamilie. Uns ist wichtig, dass man uns nicht nur durch die rosarote Brille betrachtet», sagt der 42-Jährige. Am Anfang ihrer Beziehung hatte das Ehepaar mitnichten die Absicht, eine sogenannt moderne Ehe zu führen. Im Gegenteil. Die Laibs planten ein Leben mit der klassischen Rollenaufteilung: Er sollte als Architekt ausser Haus arbeiten, sie die Kinder betreuen und den Haushalt machen.

Es kam anders. Ein Anruf von Monika Laibs einstigem Lehrmeister brachte die Wende. Er wollte seinen Betrieb aus persönlichen Gründen aufgeben und bot seiner ehemaligen Mitarbeiterin an, das Geschäft zu übernehmen.

Die Thurgauerin zögerte: «Selbständigkeit war für mich nie ein Thema. Sicher auch weil ich in einem Betrieb negative Erfahrungen gemacht habe», sagt sie. Dort seien die Kinder des Geschäftsinhabers quasi im Blumenladen aufgewachsen und oft sich selbst überlassen gewesen. «Das wollte ich auf keinen Fall. Urs war es dann, der sagte, lass es uns versuchen.» Um zu prüfen, wie realistisch die Idee eines eigenen Blumengeschäfts überhaupt ist, hat das Ehepaar erst einmal Arbeitspläne erstellt, ausgerechnet, mit welchem Pensum er, mit welchen sie im Job engagiert sein könnte, um sich abwechselnd um die Kinder zu kümmern.

«Durststrecken und Raubbau am Körper»

Krippe und Hort waren für die beiden schon damals kein Thema, «weniger aus ideologischen als aus egoistischen Gründen. Wir entschieden uns ganz bewusst für eine Familie und wollten mit unseren Kindern so viel als möglich zusammen sein», erklärt Urs Laib. Die Kalkulation sah wie folgt aus: Er sollte 60 Prozent bei seiner damaligen Firma arbeiten, den Rest zu Hause, damit sie in dieser Zeit im Laden präsent sein könnte; Büroarbeit wollte sie daheim erledigen. Die Realität holte die beiden schnell ein: Bald zeichnete sich ab, dass er seine Teilzeitanstellung wegen der angespannten wirtschaftlichen Situation in der Branche nicht würde behalten können. Nichtsdestotrotz feierte der Blumenladen im Oktober 1999 Eröffnung. «Zum Glück hatte ich so viel Überzeit, dass wir die ersten drei Monate noch von meinem Lohn leben konnten», sagt Urs Laib.

Oktober 2007, acht Jahre sind seit dem radikalen Wandel der Familien- und Arbeitsorganisation vergangen. Eine Zeit der Bewährung mit Durststrecken, in denen sie teilweise «Raubbau am Körper» betrieben hätten, wie Monika Laib einräumt. Gleichwohl: Keiner aus der Familie kann es sich heute mehr anders vorstellen. «Unser Leben ist nichts Spezielles», sagt die 12-jährige Lea, und ihre Brüder Maurus, 10, und Laurin, 6, erzählen, wie er denn konkret aussieht, dieser Alltag: Montag, Mittwoch und Donnerstag sind Monika Laibs Tage, da ist sie zu Hause, dienstags, freitags, samstags ihr Mann. In dieser Zeit zeichnet der jeweilige Part des Duos dafür verantwortlich, dass es daheim läuft. «Wir teilen uns die Hausarbeit, sprechen uns aber nicht ab, wer was genau macht. Ob Waschen oder Putzen - erledigt wird, was ansteht», erklärt sie. «Ich helfe beim Kochen, und Maurus backt gerne Kuchen», sagt Laurin, sein Bruder ergänzt: «Und Zopf.» Es müssten immer alle mithelfen, damit es funktioniere, fügt Urs Laib noch an. Darüber hinaus brauche es sehr klare Strukturen.

Zu den fixen Zeiten gehört der Mittag. «Zu 99 Prozent essen wir gemeinsam.» Lea deckt meist den Tisch, Maurus hilft ihr, Laurin schneidet Karotten für den Salat. «Ich würde viel verpassen, wenn ich ausserhalb arbeiten würde», ist Urs Laib heute überzeugt. Manchmal trifft sich die Familie auch zum Zvieri, «besondere Momente für mich, die Rosinen gewissermassen», so Monika Laib. Weiterer Fixpunkt ist der Sonntag. «Unser Familientag ist uns heilig, da werden nicht mal E-Mails kontrolliert.»

Doch ausgeschlafen - unter der Woche muss die Floristin um fünf raus - wird auch am siebten Tag nicht. Meist besuchen die Laibs den Gottesdienst einer Freikirche. «Aus dem Glauben schöpfen wir unsere Kraft», sagt Urs Laib. Der finanzielle Anreiz nämlich kann es nicht sein, diesen Weg zu gehen. «Wir haben weniger und arbeiten dafür viel mehr», sagt Urs Laib. Konkret sind es rund 7'700 Franken pro Monat netto, die die Grossfamilie zur Verfügung hat - und das bei Arbeitstagen von zehn und in der Hochsaison weit mehr Stunden.

Monika Laib sagt: «Der Mensch steht für mich auch im Betrieb im Zentrum. Ich möchte, dass sich meine Mitarbeiterinnen wohl fühlen.» Dazu gehören Mitarbeitergespräche alle vier Monate und die Tatsache, dass die Angestellten in der Zwischensaison ab und zu samstags freihaben. Das ist eine Seltenheit im Verkauf. Nur die Chefin profitiert davon nicht, obwohl sie momentan die einzige Mutter im Betrieb ist.

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© Beobachter Ausgabe 22 vom 24. Okt 2007 - Alle Rechte vorbehalten

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