Blasenschwäche
Die Angst, dass es in die Hose geht
400'000 Schweizer leiden unter Inkontinenz. Im Bus, im Einkaufszentrum oder beim Joggen plagt sie die Angst, den Urin nicht halten zu können. Die gute Nachricht: In den meisten Fällen kann man etwas dagegen tun.

(Bild: Archiv)
Artikel zum Thema
Wenn Vreni Hofer (Name geändert) in Zollikofen BE den steilen Weg zum Bahnhof hinunterging, verlor sie stets einen «Gutsch» Urin. Dies war ihr sehr peinlich. «Ich hatte Angst, unangenehm zu riechen, musste stets Wäsche zum Wechseln mit mir herumschleppen», erzählt die rüstige 75-Jährige. Sie will nicht namentlich genannt werden: Inkontinenz ist noch immer ein Tabuthema.
Auch die Partnerschaft wird belastet
Dabei leidet in der Schweiz jede vierte Frau und jeder zehnte Mann an einer Blasenschwäche - in Alters- und Pflegeheimen sind es gar 90 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer. Während die einen «nur» bei körperlicher Anstrengung Urin verlieren, haben andere ihre Blasenfunktion gar nicht mehr unter Kontrolle.Wann sollte man einen Arzt aufsuchen? «Sobald einen das Problem stört», findet die Urologin Fiona Burkhard. Am Inselspital Bern behandelt sie Betroffene, die aus Scham jahrelang im Stillen litten und ihr ganzes Leben nach der Toilette ausrichteten. «Manche Frauen trauen sich nicht einmal mehr, Familienmitglieder zu besuchen», so Fiona Burkhard. Zu gross sei die Angst, dass sie Urin verlieren und auf dem Sofa einen Fleck hinterlassen könnten. Zuweilen belastet eine Inkontinenz die Partnerschaft erheblich. Etwa jede dritte betroffene Frau verliert auch beim Geschlechtsverkehr Urin. Weil sie sich schämen, mit dem Partner darüber zu sprechen, verzichten viele auf Sexualität. Der Zürcher Gynäkologe Andreas Schaub weiss, dass nur wenige Patientinnen den Mut haben, ihr Problem anzusprechen. Deshalb nimmt er ihnen die Hemmungen: «Ich frage meine Patientinnen jeweils bei der Jahreskontrolle, ob sie Urin verlieren.»
Anzeige:
Zwei Erkrankungstypen
Spezialisten unterscheiden zwischen zwei Erkrankungstypen: der Drang- und der Belastungsinkontinenz. Die Dranginkontinenz ist die Folge einer überaktiven Blase, auch Reizblase genannt. Betroffene leiden an einem ungewöhnlich häufigen, starken Harndrang, der ganz plötzlich auftritt. So auch Margot Rahlke aus dem zürcherischen Binz. Deshalb hält die 70-Jährige immer und überall vorsorglich nach der nächsten Toilette Ausschau. Trotzdem reicht es manchmal nicht mehr.In ungefähr 60 bis 80 Prozent der Fälle lasse sich die Dranginkontinenz gut mit einer Kombinationstherapie behandeln, erläutert Annette Kuhn, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Blasenschwäche. Dies bedeutet: Medikamente, die den Blasenmuskel entspannen, kombiniert mit einem Blasentraining. Letzteres umfasst auch ein Training des Trinkverhaltens.
Bei manchen Frauen verbessert auch eine Elektrostimulation mit einer Vaginalsonde die Dranginkontinenz. Sie beruhigt den Blasenmuskel. Die Sonde wird vier- bis fünfmal pro Woche 30 Minuten lang eingesetzt. Ist die Patientin bereits in der Menopause, können lokal anwendbare Östrogensalben, -tabletten oder -zäpfchen hilfreich sein. «Die trockene Scheide wird dadurch wieder spannkräftiger», so der Gynäkologe Andreas Schaub. «Viele Patientinnen berichten, dass sich durch diese Behandlung die Inkontinenz verbessert habe.» Auch Männer leiden mit zunehmendem Alter öfter unter Inkontinenz. Häufige Ursache: eine vergrösserte Prostata. Sie engt die Harnröhre ein und verhindert, dass sich die Blase beim Urinieren vollständig entleert. Der nächste Toilettengang ist bald wieder fällig.
Wer hauptsächlich beim Husten, Niesen, Lachen, bei sportlicher Betätigung und beim Heben schwerer Lasten Urin verliert, leidet an einer so genannten Belastungs- oder Stressinkontinenz. Diese tritt häufig nach Schwangerschaften auf und erfordert eine andere Therapie als die Dranginkontinenz. In etwa 60 Prozent der Fälle verschwindet das Problem durch konsequentes Beckenbodentraining oder verbessert sich zumindest. Nützt dieses zu wenig, erweist sich - nach sorgfältigen Abklärungen - oft die Schlingenoperation als beste Lösung. Indem ein Kunststoffband unter die Harnröhre gelegt wird, verbessert sich der Harnröhrenverschluss.
Vreni Hofer hat diesen Eingriff keine Sekunde lang bereut. Endlich kann sie wieder unbeschwert mit dem Zug verreisen, ohne dass ihre Unterwäsche bereits am Bahnhof nass ist. Und Margot Rahlke kann es kaum erwarten, schöne Spaziergänge in der Natur zu unternehmen - wo es keine Toiletten gibt. Demnächst hat sie ihren ersten Termin beim Spezialisten.
Das können Sie gegen Inkontinenz tun
- Vermeiden Sie grundsätzlich schädliche Druckeinwirkungen auf den Beckenboden.
- Vermeiden Sie es, den Bauch mit engen Hosen einzuschnüren.
- Schonen Sie Ihren Beckenboden durch korrektes Heben und Bücken.
- Halten Sie den Rücken beim Husten oder Niesen gerade.
- Vermeiden Sie zu häufiges Entleeren der Blase, da diese sonst mit der Zeit die Fähigkeit verliert, grössere Urinmengen zu speichern.
- Nehmen Sie sich genügend Zeit auf der Toilette, setzen Sie sich aufrecht hin und pressen Sie nicht.
Links zum Artikel
© Beobachter Ausgabe 2 vom 17. Jan 2007 - Alle Rechte vorbehalten











Bluthochdruck
Sind Sie gefährdet? Finden Sie es heraus!