Depression
Herbst in der Seele
Die Depression ist die häufigste psychische Erkrankung: In der Schweiz sind rund 350'000 Menschen akut betroffen – und die Angehörigen leiden mit.
«Hilflos und überfordert fühle ich mich», sagt Daniele Gasparini. Wenn seine Frau eine depressive Phase durchlaufe, dann müsse er das jeweils einfach hinnehmen. Das erste Mal geschah es vor 15 Jahren. Die Hausarbeit blieb liegen; die damals 35-Jährige vernachlässigte die Buchhaltung des Geschäfts ihres Mannes und verharrte am Morgen im Bett. Ihr fehlte die Kraft, sich um die vier Kinder zu kümmern – die jüngste Tochter war damals gerade mal drei Jahre alt. Daniele Gasparini bemerkte schnell, dass mit seiner Frau etwas nicht in Ordnung war. «Sie war für mich wie eine Fremde», erinnert sich der 53-jährige Jugendarbeiter an die schlimme Zeit.
«Den nächsten Angehörigen fallen die Veränderungen sehr früh auf», sagt Daniel Hell, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Mimik, Gestik und die Haltung der depressiv erkrankten Personen verändern sich. «Alles verzögert sich, Reaktionen bleiben aus, die verbale Kommunikation funktioniert nicht mehr so wie vorher», so Hell. Auch körperlich nehmen sich depressive Menschen nicht mehr wahr, und die Sexualität spielt in ihrem Leben meist keine Rolle mehr.
Falsche Reaktionen von Angehörigen oder Arbeitskollegen sind dann oft sehr verletzend für die Betroffenen. Ruedi Josuran erlebte seine Depression vor zwölf Jahren als eine «Fahrt mit angezogener Handbremse». Die einfachsten Tätigkeiten im Alltag wie Aufstehen und Ankleiden können nur noch mit grösster Anstrengung bewältigt werden. «Man tritt mit Vollgas aufs Pedal und kommt doch nicht vorwärts.»
«Sein Schmerz ist nicht meiner»
Das Unverständnis des Umfelds bezeichnet der 48-jährige Radiojournalist als eine zweite Krankheit. «Ich wusste selber, dass ich anders bin, konnte das aber meinem Umfeld nicht kommunizieren.» Die Folge: Er zog sich noch mehr zurück.
Jede vierte Person erkrankt im Lauf ihres Lebens an einer Depression, Frauen häufiger als Männer. Depressive Menschen leiden massiv – beeinträchtigt sind aber auch Partner, Eltern, Kinder und Freunde. «Ich musste lernen, dass sein Schmerz nicht meiner ist», sagt Claudia Marti (Name geändert). Sie hat die Berg-und-Tal-Fahrten ihres depressiven Partners mitgemacht, bis es ihr zu viel wurde. Heute geht sie selber in eine Gesprächstherapie. «Angehörige müssen sich selber schützen», sagt Barbara Hochstrasser, Leiterin der Psychiatrischen Klinik Meiringen BE. Oft nehmen die Partner dem Betroffenen persönliche Erledigungen ab und übernehmen alle Tätigkeiten im Haushalt. Dabei bestehe die Gefahr, dass sie sich überfordern. «Spätestens wenn Suizidgedanken geäussert werden, müssen sie die Notbremse ziehen. Dann braucht es professionelle Hilfe», so Hochstrasser.
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Mitleid schlägt in Wut um
Depressives Verhalten weckt Mitgefühl und Anteilnahme. Dauert der Zustand jedoch an, kann Mitleid in Ärger und Wut umschlagen. Oft fühlen sich Partner, Kinder oder Eltern schuldig. Viele fühlen sich abgelehnt, weil sie die Gefühlsleere und die Gleichgültigkeit von Depressiven persönlich nehmen.
Am besten ist, wenn Angehörige möglichst normal weiterleben, Freunde treffen und sich nicht ausschliesslich auf den Kranken konzentrieren. Gleichzeitig ist es wichtig, Depressiven die Bestätigung zu geben, dass ihr Umfeld nicht aufgibt, dass es nicht immer so sein wird wie jetzt und dass sie eines Tages wieder in ein normales Leben zurückkehren werden.
Familie Gasparini kann heute mit der Krankheit umgehen. «Ich habe gelernt, geduldig zu sein und mich selbst in dieser Zeit zurückzunehmen», sagt Daniele Gasparini. Er gewinnt der Krankheit seiner Frau auch etwas Positives ab: «Wir haben zusammengehalten und eine tiefe Verbundenheit in unserer Familie entwickelt.»
Psychisch krank: So können Sie handeln
Antriebslosigkeit, Interesselosigkeit und Gereiztheit sowie Schlafstörungen und Appetitlosigkeit sind erste Anzeichen einer Depression. Halten diese Symptome über zwei Wochen an, sollte professionelle Hilfe beigezogen werden.
Wichtig ist das Verständnis für die Krankheit des Betroffenen. Angehörige können helfen, in depressiven Phasen einfach da zu sein und professionelle Hilfe aufzusuchen. Gespräche dürfen nie vorwurfsvoll sein, da der Erkrankte besonders empfindsam und verletzlich ist.
Angehörige dürfen ihre eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen. Sich mit Freunden auszutauschen kann hilfreich sein, ebenso das Gespräch in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige oder eine Beratung durch eine Fachperson.
Weitere Infos
- Pro Mente Sana: Information und Beratung bei Fragen zu psychischen Erkrankungen; www.promentesana.ch, Telefon 0848 800 858
- Equilibrium: Selbsthilfeorganisation für Betroffene und Angehörige; www.depressionen.ch, Telefon 0848 143 144
- Universität Zürich: Infos über Therapieformen sowie Tipps für Angehörige; www.depression.unizh.ch
© Beobachter Ausgabe 23 vom 10. Nov 2005 - Alle Rechte vorbehalten





