Editorial

Journalisten vor Ort

Text:
  • Matthias Pflume
Ausgabe:
14/09

«Die Arbeit in der Pflege ist körperlich und emotional belastend, dabei aber nur mässig bezahlt.»

Von Berufs wegen dürfen Journalisten oft Erfahrungen machen, zu denen andere keine Gelegenheit haben. Sie können und sollen – auf Zeit und mit Rückfahrkarte – immer wieder den Redaktionsalltag hinter sich lassen und in ungewohnte Milieus eintauchen. Denn ohne den eigenen Augenschein geht es oft nicht.

Auch in diesem Heft gibt es eine Reihe von Artikeln, die nicht allein das Ergebnis von telefonischer Recherche sind. Sie entstanden, weil Beobachter-Mitarbeiter ihr Pult verlassen haben, um Erfahrungen zu machen, die normalerweise nicht zu ihrem Berufsalltag gehören. Zwei dieser Artikel möchte ich Ihnen besonders ans Herz legen.

Ein Leben im Altenpflegeheim dürfte für die meisten eine beunruhigende Vorstellung sein. Beim Pflegeheim denkt man an Hilfsbedürftigkeit, mangelnde Privatsphäre und einengende Tagesstrukturen. Und an den Pflegenotstand. Man weiss auch, dass dieser nicht so einfach behoben werden kann, denn die Arbeit in der Pflege ist körperlich und emotional belastend, dabei aber nur mässig bezahlt. Kurz: Das Pflegeheim ist nicht gerade ein Ort, nach dem man sich normalerweise sehnt.

Wie geht es den Menschen, die dort arbeiten? Um das zu erfahren, war meine Kollegin Yvonne Staat eine Woche lang als Pflegekraft in einem Altersheim tätig. Sie hat anschliessend eine einfühlsame Reportage geschrieben (siehe Artikel zum Thema) – über Frauen, die dafür kämpfen, dem hohen Arbeitsdruck nicht ihre Menschlichkeit zu opfern. Und die oft an ihre Grenzen gehen, um das zu ermöglichen, was wir alle für uns im Alter erhoffen: einen letzten Lebensabschnitt in Würde. Die Zukunft der Pflege, das macht diese Reportage deutlich, hängt stark davon ab, ob die Pflegenden Freude an ihrer Arbeit empfinden – mehr gesellschaftliche Wertschätzung täte da gut.

Dominique Strebel, Thomas Angeli, Daniel Benz und Tatjana Stocker hatten eine angenehme Aufgabe: Sie sollten dienstlich wandern. Als Wegweiser wählten sie sich die englischen Touristen des 19. Jahrhunderts, die den Alpentourismus buchstäblich salonfähig machten – zu einer Zeit, als Einheimische kaum einen Sinn darin sahen, sich freiwillig in unwirtliche Höhen zu bemühen. Aus dem Spleen der Briten hat sich ein Freizeitvergnügen entwickelt, das in letzter Zeit zum modernen Lifestyle mit modischem Outfit geworden ist, wie Gastautor Roger Anderegg schreibt. Anders der Zugang meiner Kollegen mit Wanderauftrag: Sie wenden den Blick zurück und erzählen von traditionsreichen Hotels und illustren Gästen wie Lord Byron, Winston Churchill oder H. G. Wells – Reisen in eine Zeit, als Wandern wenig mit Style, aber viel mit Stil zu tun hatte.

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© Beobachter Ausgabe 14 vom 08. Jul 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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