Editorial
Welche Werte zählen noch?
«Die Zehn Gebote sind moralische Regeln, die seit je die menschlichen Kulturen steuern.»
Suchen wir die besten Vorsätze, die wir für das neue Jahr fassen können, landen wir beim Philosophen Immanuel Kant oder bei Christian Fürchtegott Gellert. Beide gaben uns ein ethisches Leitmotiv mit. Kants kategorischer Imperativ lautet: «Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.» Gellert trug uns einfach auf: «Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben.»
Würden wir alle nach diesen Geboten leben, hätten im letzten Jahr weder gierige Banker noch unredliche Politiker noch prügelnde Jugendbanden für Schlagzeilen sorgen können. Und vermutlich wäre uns auch die Polemik um die Minarett-Initiative erspart geblieben.
Was läuft falsch in der heutigen Zeit? Wie steht es um unsere gelebten Werte? Wie halten wir es mit den berühmten Grundtugenden wie Ehrlichkeit und Fairness, Gerechtigkeit, Bescheidenheit? Nach welchen moralischen Regeln leben wir?
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Ein besonderes Heft
Diese Fragen sind für unsere Gesellschaft von allergrösster Bedeutung. Deshalb legen wir Ihnen zum Jahresanfang einen ganz speziellen Beobachter vor. Wie wir im vergangenen Jahr die erste Nummer dem Thema Zukunft gewidmet haben, soll diese Ausgabe unseren Werten gelten. Martin Vetterli und Andrea Haefely entwickelten dazu das Konzept, der Fotograf Dan Cermak hat die Beiträge künstlerisch inszeniert.
Als Massstab für unsere Werte-Nummer ziehen wir die Zehn Gebote heran, den wohl bekanntesten Kodex für das dem Menschen angemessene Verhalten. Ob dieser ethische Kompass uns nun eingraviert wurde mit den Steintafeln von Moses auf dem Berg Sinai oder biologisch verankert ist im Genbaukasten der DNS, ist unerheblich. Die Zehn Gebote, oder wesentliche Teile davon, sind moralische Regeln, die als eine Art Ur-Software seit je die menschlichen Kulturen steuern. Wo sie nicht mehr funktionieren, wo wesentliche Regeln ausser Kraft sind, ist eine Kultur von innen her bedroht.
Das illustriert die Geschichte des Untergangs von Rom. Viele Historiker nennen eine Erosion der Werte, die Dekadenz der Gesellschaft, ausschweifenden Genuss und Egoismus ganz vorn bei den Ursachen für das Ende der Hochkultur.
Zur heutigen Gesellschaft gibt es durchaus Parallelen. Aber wir wollen mit diesem Beobachter nicht in den Chor jener Kulturpessimisten einstimmen, die in diesen Parallelen bereits unheilvolle Zeichen für den zwangsläufigen Niedergang des Abendlandes sehen.
Wir erheben auch nicht den Anspruch, unsere Gesellschaft oder deren Werte umfassend zu durchleuchten. Wir hoffen nur, Ihnen Anregungen und Gedanken mitgeben zu können, die übers Jahr im Getöse der Tagesereignisse leicht untergehen.
© Beobachter Ausgabe 1 vom 06. Jan 2010 - Alle Rechte vorbehalten
