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Eheleben

Geteiltes Bett ist halbes Bett

Text:
  • Balz Ruchti
Bild:
  • Ursula Meisser
Ausgabe:
18/08

Die Institution Ehebett gerät ins Wanken. Gemeinsam ists gemütlicher, aber allein schläft man besser. Zwei Paare erzählen von ihren Schlafgewohnheiten.

(Bild: Ursula Meisser)

Ein Bett ist mehr als nur ein Ort zum Schlafen. «Es ist ein Stück Lebensraum», sagen Sara und Tindaro Ferraro. Die beiden Mittdreissiger geniessen abends oft zusammen ein Glas Wein im Bett oder sehen sich einen Film an. Ferraros schlafen seit zehn Jahren im selben Bett - und hin und wieder sind sie nicht nur zu zweit. Zweimal die Woche beherbergen sie nachts auch ihre Söhne Valerio, 3, und Emilio, 5. «Es ist eben ein richtiges Näscht», sagt Sara. Sie geniesse es sehr, neben den Buben aufzuwachen.

Trotzdem freut sich das Berner Paar, dass die Kinder älter werden: «Manchmal wird es etwas eng, dann flüchte ich ins Kinderbett», sagt Tindaro Ferraro. Er habe sich morgens auch schon am Fussende wiedergefunden. Immer allein zu schlafen, kann er sich aber nicht vorstellen - «zu zweit ist einfach normal».

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Heute schon. Noch vor 300 Jahren war der französische Priester und Pädagoge Jean Baptiste de La Salle ganz anderer Ansicht. Es sei «ein befremdlicher Missbrauch», schrieb er, zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts im selben Bett schlafen zu lassen. Die nächtliche Zweisamkeit des Liebespaars hielt erst im 19. Jahrhundert Einzug im Ehebett. «Dass sich Mann und Frau ein Bett teilen, entspricht dem romantischen Bild der Liebe», sagt Caroline Arni, Historikerin an der Universität Zürich. Während sich die Unterschicht in Familienbetten tummelte, schlief der Adel in getrennten Gemächern und besuchte sich. Mit dem Ideal der Liebesehe grenzte sich das Bürgertum vom Adel ab, bei dem die Heirat vor allem politischen Interessen diente.

Die schnarchenden Bettgenossen

Auch heute noch ist das gemeinsame Bett das Symbol der Ehe schlechthin. Laut einer Studie des Sleep Council, einer Organisation von englischen Matratzenherstellern, finden 89 Prozent der Befragten die nächtliche Zweisamkeit essentiell für den Fortbestand ihrer Beziehung.

Dies obwohl 49 Prozent der Befragten angeben, von ihrem Partner regelmässig geweckt zu werden, wie aus einer Untersuchung der englischen Soziologin Jenny Hislop hervorgeht. 63 Prozent aller befragten Frauen beklagten sich über ihre schnarchenden Bettgenossen. Überdies grunzen, plappern und zucken Schlafende vielfach oder klauen dem andern die Bettdecke. Dass trotzdem neun von zehn Paaren in Doppelbetten schlafen, beweist Soziologen, dass auch im tiefsten Innern einer Beziehung gesellschaftliche Ideale verfolgt werden. Mit der Postmoderne und der Pluralisierung der Beziehungsformen werden aber auch die Schlafformen der Paare wieder vielfältiger, sagt Arni. «Heute behalten zum Beispiel viele Leute das WG-Konzept auch in ihrer Partnerschaft bei und gönnen sich je ein eigenes Zimmer.»

Eigene Zimmer und liebevolle Besuchskultur

In der Tat erliegen nicht mehr alle dem sozialen Druck. «Wir sind ein bisschen unkonventionell», sagt Urs Zanoni, der seit fünf Jahren mit Sarah Renold verheiratet ist. In ihrer gemeinsamen Wohnung in Aarau haben beide ein eigenes Bett und Zimmer. «Ich sehe keinen vernünftigen Grund, der für ein gemeinsames Bett spräche», sagt der 50-Jährige. Andere Männer schon.

Vor allem die Männer sähen in getrennten Betten oft den Anfang vom Ende, sagt der Berner Paartherapeut Klaus Heer. «Sie fürchten um ihre sexuelle Grundversorgung, wenn sie nicht mehr einfach rüberlangen können.» Dabei sei die Nähe selbst gar nicht attraktiv: «Die Annäherung ist es - aber dazu braucht es Distanz.» Getrennte Schlafstätten könnten verhindern helfen, dass Nähe in einer Beziehung zur blossen Reibung verkommt. Sarah Renold stimmt zu: «Ich will von meinem Partner nicht alles sehen und wissen - das ist unerotisch», sagt die 38-Jährige.

Getrennte Zimmer verlangen laut Heer aber gewisse Beziehungskompetenzen, vor allem eine liebevolle Einladungs- und Besuchskultur. Fehlten diese, bestehe das Risiko, dass sich ein Paar verliert. Stimmt aber die Kommunikation, kann die Distanz ein Gewinn sein. Der Aufwand, um sich näherzukommen, steige mit getrennten Betten zwar schon etwas, sagt Zanoni. «Aber die Sexualität wird dadurch aufgewertet.» Renold und Zanoni haben eine spielerische Umgangsweise gefunden. An ihren Türrahmen sind Klemmen, in denen sie sich Briefe, Einladungen oder kleine Geschenke hinterlassen. Dank eigenen Rückzugs- und Freiräumen pflege man die Partnerschaft bewusster, sagen die Eltern von zwei Töchtern: «Wir versuchen, unsere Beziehung nicht auf die Nacht zu beschränken, sondern sie auch tagsüber zu leben.»

Aber auch das Bett zu teilen bedarf einer Leistung. Es gilt, Grenzen zu ziehen und Kompromisse einzugehen. Wer sich das Bett teilt, büsst gewisse Freiheiten ein. Man geht früher oder später zu Bett, als man es allein tun würde; Gleiches gilt fürs Aufstehen. «Schlafgewohnheiten gleichen sich an», sagt Sara Ferraro, «auch wegen der Kinder.» Dafür schwärmen die beiden - wie viele Paare - von der Wärme und Geborgenheit, die sie im gemeinsamen Bett erleben. «Eine oder zwei Nächte allein sind ganz gut, aber danach fehlt er mir», sagt Sara Ferraro.

Manche Paare entscheiden sich nach Auszug der Kinder für eigene Betten. Der Impuls komme dabei oft von der Frau, sagt Paartherapeut Heer. Kein Wunder: Wiener Schlafforscher haben herausgefunden, dass Männer besser schlafen, wenn die Partnerin neben ihnen liegt - im Gegensatz zu Frauen, die viel besser schlafen, wenn sie das Bett für sich allein haben.

Diese Erkenntnis ist beispielhaft für viele Dilemmas im Wechselspiel von Individualität und Zweisamkeit. Man kann sich noch so viele Freiheiten gewähren - wer sein Leben mit jemandem teilt, kann sich gewissen Mechanismen nicht ganz entziehen. Sarah Renold und Urs Zanoni haben zwar je ein eigenes Zimmer mit eigenem Bett, «aber immerhin ein gemeinsames Sofa - und dort hat jeder seine Seite». Anderseits macht auch die gemeinsame Matratze der Ferraros aus zwei Individuen nicht ein Ganzes. Die Grenze, die mit der Wahl der Bettseiten entsteht, wird vor allem zum Austausch von Zärtlichkeiten überschritten. Wenn der eine aber wegschlummert, zieht sich auch der andere wieder auf seine Seite zurück. Geschlafen wird auch im Doppelbett allein.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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