Einbruch
Für immer fremd im eigenen Heim
- Bild:
- Jupiterimages Stock-Kollektion
In der Schweiz wird täglich über 200-mal eingebrochen. Meistens ist der psychische Schaden grösser als der materielle Verlust: Viele Opfer leiden lebenslang unter Angstgefühlen.
Zuerst ärgerte sie sich einfach nur: über die Unverfrorenheit der Täter, die am helllichten Tag bei ihr eingebrochen hatten, das Chaos in ihrem Haus – und über den Polizeibeamten, der die Protokollaufnahme mit dem Satz beendete: «Seien Sie doch froh, dass Sie nicht anwesend waren.» Schöner Trost.
Nachdem das eingeschlagene Kellerfenster notdürftig verrammelt war und sich die Tür hinter dem Polizisten geschlossen hatte, war Elisabeth K. zuerst einmal froh, nach all der Aufregung endlich Ruhe zu haben. Doch das Gefühl währte nicht lange. Plötzlich wurde sie von panischer Angst erfasst. «Ich hatte das entsetzliche Gefühl, nicht allein im Haus zu sein», erinnert sich die 60-jährige kinderlose Witwe, die sich an das Alleinsein gewöhnt hat.
Das unheimliche Gefühl, in den eigenen vier Wänden beobachtet und bedroht zu sein, ist sie seit dem Einbruch vor knapp einem Jahr nicht mehr losgeworden. Die erste Nacht war grauenvoll – und die darauffolgende Zeit überstand Elisabeth K. nur dank Beruhigungs- und Schlafmitteln. «Inzwischen schlafe ich zwar ein wenig besser. Doch absolute Dunkelheit ertrage ich nicht mehr.»
Zahl der Einbrüche steigt rasant
Einbruchsdiebstähle haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Wohlstand bedeutet eben auch Bedrohung. «Einbrecher wissen, dass sich hierzulande das Einbrechen lohnt», sagt Rene Dutli von der Kantonspolizei Zürich.
Prävention tut also Not – obwohl die Schweizer Bevölkerung schon seit einigen Jahren intensiv in die private Aufrüstung investiert.Genaue Zahlen, wie viele Infrarot-, Schall- und Erschütterungs-Alarmanlagen in der Schweiz montiert sind, existieren nicht. Seit auch Grossverteiler und Discounter mit Do-it-yourself-Angeboten ins Sicherheitsgeschäft eingestiegen sind, ist der Markt noch unübersichtlicher geworden. Die Detailhandelsfirma Jumbo etwa verkauft jährlich Sicherheitsartikel in der Höhe von sechs Millionen Franken.
Billig-Alarmanlagen bringen nichts
Wer nicht 2000 oder 3000 Franken in ein professionell installiertes Alarmsystem investieren will, kann sich auf dem Heimwerkermarkt für wenig Geld mit «Sicherheit» eindecken. Attrappen sind für noch weniger Geld zu haben.
Doch Polizei und Versicherungen kritisieren solche «nutzlosen Bastelwerke» und plädieren für eine fachgerechte Beratung und Installation von Sicherheitssystemen. Die einen wohl mit Blick auf ärgerliche Fehlalarme, die anderen aus Angst vor Schadenszahlungen.
«Käufer von Billigprodukten nehmen ein gewisses Risiko in Kauf», sagt Rene Dutli. «Doch selbst was billig ist und nur hupt und blinkt, ist besser als gar nichts.» Guten Schutz bieten bereits einfache mechanische Vorkehrungen, beispielsweise verstärkte Fenster und Türschlösser.
Bis zum Tag des Einbruchs gehörte Elisabeth K. zum arglosen Teil der Bevölkerung. Selten nur dachte sie daran, selbst Opfer eines Verbrechens werden zu können – und entsprechend wenig Sicherheitsvorkehrungen hatte sie getroffen.
Ihr Haus war selbst für ungeübte Einbrecher kein Problem: Alarmanlage und Fenstervergitterung fehlten, und das Gebäude liegt gut versteckt hinter mannshohen Hecken. Elisabeth K. arbeitet ganztags in einer Buchhandlung. Die Täter müssen über ihre Lebensgewohnheiten genaustens informiert gewesen sein, denn sie haben sich bei ihrem Raubzug Zeit gelassen. Ihr langer Aufenthalt hinterliess menschliche Spuren, die bei Elisabeth K. noch immer Ekel auslösen: Zigaretten- und Schweissgeruch lag schwer in der Luft. Auch die Toilette wurde benutzt.
Elisabeth K.s Intimsphäre wurde befleckt. Sie geriet in einen regelrechten Putz- und Desinfizierungswahn. «Ich ertappe mich noch heute, wie ich den hellen Badezimmerboden nach dunklen Haaren absuche», sagt sie. «Ich finde einfach meine innere Ruhe nicht mehr. Manchmal frage ich mich, ob ich langsam verrückt werde.»
Kaum überwindbarer Schock
«Der Schock, in den eigenen vier Wänden – dem vermeintlich sichersten Zufluchtsort – bestohlen oder gar überfallen worden zu sein, sitzt bei zwei Dritteln der Betroffenen sehr tief», sagt Markus Gurt, Polizeipsychologe bei der Kantonspolizei Zürich. «Nervosität, Ängste, Schlafstörungen und der Verlust des Sicherheitsgefühls sind häufige Folgen.» Klingen die Angst- und Stressgefühle auch nach Monaten nicht ab, sollten die Betroffenen professionelle Hilfe suchen.
Viele Einbruchsopfer werden das Gefühl des «Sich-fremd-Fühlens» im eigenen Haus nie mehr ganz los und wechseln die Wohnung. Markus Gurt rät, mit Angehörigen, Freunden und Nachbarn offen über das Schockerlebnis und die Ängste zu sprechen. «Ein Einbruch kann der Beginn einer gut funktionierenden Nachbarschaftshilfe sein.»
Elisabeth K. hat ihr Haus für rund 4000 Franken sichern lassen. Doch die «gekaufte Sicherheit» kann sie nicht beruhigen. Bald wird sie sich pensionieren lassen. Dann will sie sich einen Hund kaufen. Das «Vorsicht vor dem Hund»-Schild hängt bereits an ihrem Gartentor.
So schieben Sie Einbrechern den Riegel
- Bereits ein paar kleine Sicherheitsvorkehrungen machen Langfingern das Leben schwer.
- Türen, Fenster sowie Keller- und Dachluken vor dem Weggehen gut verschliessen. Gekippte Fenster sind für Einbrecher offene Fenster – und gelten bei den Versicherungen als fahrlässig. Sicherheitsschlösser und -beschläge für Türen und Fenster sind für wenig Geld erhältlich. Polizei, Versicherungen und Fachgeschäfte beraten bei der Auswahl von Schutz- und Alarmvorrichtungen.
- Geld, Wertsachen und wichtige Dokumente sind im Tresor-Kundenschliessfach einer Bank am besten aufgehoben.
- Vorsicht mit dem vermeintlich sicheren Schlüsselversteck: Milchkasten, Türvorleger und Blumentöpfe sind auch Dieben wohlbekannte Schlüsseldepots.
- Verraten Sie Ihre Abwesenheit nicht durch Notizzettel an der Haustür oder durch Abwesenheitsmitteilungen auf dem Telefonbeantworter.
- Das Haus oder die Wohnung sollte bei längerer Abwesenheit nicht unbewohnt wirken. Mit Zeitschaltuhren können Sie Licht, Radio oder Fernsehgerät automatisch ein- und ausschalten und so die Räume bewohnt wirken lassen.
- Lassen Sie Ihren Briefkasten bei Ferienabwesenheit täglich durch eine Vertrauensperson leeren. Zeitungen und Briefe können auch bei der Post zurückgehalten werden.
- Lichtscheue Gestalten meiden das Licht. Wirksam sind Alarm- und Schockbeleuchtungen, die dank einem Infrarot-Bewegungsmelder sofort die Aussenbeleuchtung einschalten.
- Sprechen Sie mit den Nachbarn über Ihre Ängste.
- Melden Sie verdächtige Vorkommnisse in Ihrem Quartier sofort der Polizei: Telefon-Notruf 117.
Anzeige:
© Beobachter Online 10. Aug 2000 - Alle Rechte vorbehalten



