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Erholung
Der Büroschlaf ist der gesündeste
Das Nickerchen am Arbeitsplatz ist allseits verpönt. Dabei ist erwiesen, dass Angestellte mehr leisten, wenn ihnen ein Mittagsschlaf ermöglicht wird.
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Die meisten erwischt es über die Mittagszeit. Wie ein Platzregen überfällt sie die Schläfrigkeit, weil der Körper einem natürlichen Rhythmus folgt. Häufig sinkt der Blutdruck zwischen 13 und 15 Uhr, in den Energietanks herrscht gähnende Leere, und die biologische Uhr signalisiert: Hier ist es, das zweite Tief im 24-Stunden-Tag - das erste wurde um drei Uhr nachts verschlafen. Nun kommt der Müdigkeitsgipfel am helllichten Tag.
Jetzt für ein halbes Stündchen beide Augen zudrücken. Aber halt: Nichts wäre peinlicher, als von den Kollegen oder gar vom Chef beim Nickerchen ertappt zu werden. Und wären da nicht noch Herr Binggeli, der um einen Rückruf gebeten hat, die Vorbereitung auf das morgige Meeting und die Einkaufsliste, die es in der Pause rasch abzuarbeiten gilt? Also einen starken Kaffee kippen, am Arbeitsplatz so tun, als ob und warten, bis das Koffein Wirkung zeigt.
Solche Kämpfe gegen das Energieloch sind beim Basler Tom Seinige nur noch selten. Seit über zehn Jahren gönnt sich der 43-jährige Creative Director der Werbeagentur Jung von Matt eine Auszeit nach der Mahlzeit. Etwa dreimal die Woche klappt der Vielbeschäftigte nach dem Lunch den Liegestuhl auf und legt sich in seinem Büro aufs Ohr. «Ich bin irgendwann in der Mittagspause eingenickt und habe danach gemerkt, dass ich frischer und erholter war und keinen Nachmittagshänger bekam», erinnert sich Seinige an die Anfänge seiner heute unverzichtbaren «20 Minuten». Die Kollegen fänden seine Siesta zwar «super», Nachahmer habe er bislang allerdings kaum gefunden.
Stress verursacht Milliardenkosten
Kein Wunder, denn der einst so geschätzte Mittagsschlaf hat ein echtes Imageproblem. Eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft hält die bedenkliche Bilanz der Hochleistungsgesellschaft fest: 83 Prozent der Befragten litten im Jahr 2000 unter Stress. Und stressbedingte Ausfälle und Absenzen am Arbeitsplatz verschlingen nicht weniger als 4,2 Milliarden Franken jährlich. Das ist mehr als ein Prozent des Bruttoinlandprodukts.
«Die Anforderungen, die unsere Gesellschaft an die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen richtet, ist völlig unnatürlich», sagt Daniel Brunner, Spezialist am Zentrum für Schlafmedizin der Zürcher Hirslanden-Klinik. Entspannungsphasen seien wichtige Bestandteile eines gesunden Lebensrhythmus. «Wer nonstop belastet ist, muss sich chronisch stimulieren, um durchzuhalten.» Zunehmende Nervosität, Erschöpfungssymptome und Schlafprobleme seien die Folgen.
Auch wer meint, dem Wunsch nach Ruhe mit sportlichen Aktivitäten ein Schnippchen zu schlagen, geht fehl. «Beim Sport regeneriert sich vielleicht der Kopf, nicht aber der Körper», sagt der Schlafexperte. «Wenn man sich für Entspannung entscheidet, dann richtig.» Kommt die Müdigkeit, hat das System Pause - 10 bis 20 Minuten kein Fernsehen, keine Musik, möglichst den Raum oder die Augen abdunkeln (siehe «So schlafen Sie sich munter»). Und: den Wecker stellen. «Wer sich mit der Angst zu verschlafen hinlegt, schaltet nicht ab», so Brunner.
Dieses kurzzeitige Abschalten ist für Berufstätige ein wichtiges Mittel, um über den Tag hinweg kreativ und konzentriert zu bleiben - das gilt für Fliessbandarbeiterinnen wie für Konzernchefs. Und für Daniel Brunner steht fest: Entgegen der gängigen Auffassung lindern kurze Ruhepausen nach dem Mittag sogar das Leiden von Menschen mit Schlafstörungen.
Ausruhen ist gar nicht so einfach
Doch ob auf der Parkbank, im Zug oder am Arbeitsplatz: Ausruhen, ohne sich abzulenken, fällt den meisten Leuten schwer. «Das braucht Übung», sagt Barbara Ryser vom Verein «Ruhe und Aktivität». Angestellte müssten wissen, «wie und dass sie ruhen dürfen, sonst ist die Hemmschwelle gross». Zudem sollten Ruheräume rasch zu erreichen und bar aller Reize sein.
Zwar nicht reizlos, doch immerhin zentral lockt in Bern ein solches Plätzchen mitten in der Stadt. Im Hotel Bären können Ruhesuchende seit März zwischen 12 und 15 Uhr eine Siesta einlegen - open air oder im Hotelzimmer. Kostenpunkt: 20 Franken mit Essen, 15 Franken ohne. Und in Zürich laden 16 Liegen des öffentlichen Ruheraums «Restpoint» zum Rasten ein.
Auch die Nasa plädiert für Schlaf
Hier trifft man gelegentlich Staatsanwalt Rainer Angst. Der 35-Jährige hat das Angebot für eine Kurz-Siesta einmal ausprobiert und gleich ein Abo gelöst: «Mir geht es nach solchen Pausen rundum besser», sagt er. Mit fünf Franken ist man für 20 Minuten dabei. Stille pur, Handys verboten, geweckt wird auf Bestellung. Der einzige Wermutstropfen: die Öffnungszeiten von 12 bis 14 Uhr. «Ich würde häufiger ein Nickerchen wagen, aber mein Tief kommt meist erst später», so Angst. Ideal wären deshalb Ruheräume in der Firma, doch diese sind Mangelware. Zwar belegen Studien der US-Raumfahrtbehörde Nasa, dass ein 20- bis 30-minütiger Kurzschlaf die Reaktionsfähigkeit um 16 Prozent und die Konzentrationsfähigkeit um 35 Prozent verbessert; wie stark sich diese Vorteile aber für Unternehmen tatsächlich bezahlt machen, darüber existieren keine Zahlen.
Einige Betriebe gehen dennoch mit gutem Beispiel voran: Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers hat ebenso Ruheräume eingerichtet wie IBM Schweiz, das Zürcher Universitätsspital und die ETH Zürich. Und gleich drei Ruheräume gibt es beim Fleischverarbeiter Micarna in Bazenheid SG. «Wir haben das Angebot ausgebaut», sagt Personalchef Kurt Eichelberger. «Im Sommer stellen wir zusätzlich Liegestühle auf.» Eichelbergers Rechnung ist simpel und einfach: «Wenn unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufrieden und gesund sind, arbeiten sie lieber und besser. Dass das allen Vorteile bringt, dürfte jeder begreifen.»
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© Beobachter Ausgabe 13 vom 21. Jun 2006 - Alle Rechte vorbehalten





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