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Ernährung: Indisches Gleichgewicht

Text:
  • Marianne Botta Diener
Ausgabe:
15/02

Fernöstliche Lehren boomen. Der chinesischen Medizin folgt jetzt die indische, Ayurveda genannt. Darin spielt die Ernährung eine Hauptrolle. Grundsatz: Alles ist erlaubt.

Rund die Hälfte der Menschen in Indien lässt sich nach den Prinzipien der traditionellen indischen Medizin behandeln. Doch die Methode namens Ayurveda umfasst weit mehr als medizinische Leistungen: Um das Gleichgewicht von Körper, Seele und Geist zu erreichen, werden auch Meditation, Musik, Farben, Aromen und die Ernährung therapeutisch eingesetzt.

Ayurveda bevorzugt eine vegetarische Ernährung mit frischen Milchprodukten. Doch erlaubt ist im Grundsatz alles. Das Einzige, worauf wirklich geachtet werden muss, ist das Gleichgewicht der drei Körperenergien, Doshas genannt. «Die Doshas sind das zentrale Erklärungsbild des Ayurveda», erläutert Colin Lewis, Ayurveda-Therapeut in Bern. «Bei jedem Menschen stehen die drei Doshas in einem individuellen Verhältnis zueinander. Ist dieses gestört, wird man krank.» Gewisse Lebensmittel können dieses Verhältnis unterstützen und positiv beeinflussen.

Das Herz der indischen Küche sind die Gewürze. Auch Hülsenfrüchte gibt es in grosser Vielfalt. Sie gehören zu jeder Hauptmahlzeit. Nach der ayurvedischen Lehre machen gewisse Lebensmittel den Geist dumpf und den Körper träge: Alkohol, Knoblauch, rotes Fleisch, Wurst, Käse, Pilze und hefehaltige Backwaren werden deshalb weggelassen. Indisches Brot (Fladenbrot und Chapati) wird stattdessen mit Weinstein- oder Backpulver zubereitet.

Gewürz um Gewürz zum Ziel

Das Kochen von ayurvedischen Mahlzeiten verläuft fast immer nach dem gleichen Muster: In erhitztem Ghee (geklärte Butter) werden die ungemahlenen Gewürze geröstet, bis sie aufplatzen. Dann werden die gemahlenen Gewürze und alle anderen Zutaten beigegeben. Die nötige Flüssigkeit wird zugefügt, alles gründlich gemischt und bei zugedeckter Pfanne gekocht.

Die ayurvedische Ernährung kennt die Geschmacksrichtungen süss, sauer, salzig, scharf, bitter und herb. Eine Mahlzeit sollte alle sechs Richtungen enthalten. Sie kommen optimal zur Geltung, wenn die Speisen einzeln auf einem grossen Teller angerichtet werden. Die indischen Vorstellungen der Geschmacksrichtungen unterscheiden sich teilweise von den europäischen. Als süsse Nahrungsmittel gelten dort auch Reis, Brot und Teigwaren; Spinat und andere grüne Blattgemüse gehören in die Kategorie sauer.

Ayurvedische Ernährung ist gesund: wenig Fleisch und viele Milchprodukte, Hülsenfrüchte und Vollkorngetreide. Das tägliche Joghurtgetränk Lassi wirkt sich positiv auf die Darmflora aus. Lediglich die Eisenversorgung dürfte durch den geringen Konsum von rotem Fleisch kritisch sein. Zudem werden, da fast keine Rohkost gegessen wird, deutlich weniger Vitamine und Mineralstoffe aufgenommen als hierzulande empfohlen.

Soll die ayurvedische Ernährung originalgetreu sein, müssen die Art der Zubereitung, die Kombination, die Menge, die Tageszeit, der Ort sowie die Stimmung berücksichtigt werden. Ausserdem sollte die Nahrung der Jahreszeit, dem Klima, dem Alter des Speisenden, dem Geschlecht und dem Gesundheitszustand angepasst sein. Die meisten Menschen in Europa dürften kaum alle Elemente beachten.

Dass es sich aber lohnen kann, einzelne Elemente zu berücksichtigen, bestätigt Ayurveda-Therapeut Colin Lewis: «Es ginge vielen Schweizern schon viel besser, wenn sie täglich einen Ingwertee trinken würden. Dieser regt die Verdauung an und hilft gegen das weit verbreitete Sodbrennen. Zudem bremst er übermässigen Appetit.» Und so gehts: frische Ingwerwurzel mit heissem Wasser übergiessen und zehn Minuten ziehen lassen. Täglich eine Tasse ungesüsst zum Frühstück trinken.

© Beobachter Ausgabe 15 vom 26. Jul 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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