Familienmodelle
«Wie hat sich euer Leben verändert?»
Vollzeit arbeitende Eltern, Patchworkfamilie, traditionelle Rollenteilung, kinderlose Zweisamkeit: Familienmodelle gibt es viele in der Schweiz. Welches Modell macht glücklich? Wo liegen die Tücken? Sechs Paare stellen sich gegenseitig Fragen.
Toni Baumann und Albana Rexhepaj fragen: Wie fällt ihr Entscheidungen bezüglich der Erziehung - eher rational oder gefühlsmässig? Denkt ihr, ihr hättet euch als junge Eltern anders verhalten?
Egbert Amann: Ich entscheide klar gefühlsmässig und nur zum Teil rational. Ich denke, ich habe mich früher auch nicht anders verhalten.
Regina Grimm: Wir versuchen, die Zeit mit unserem Sohn ganz bewusst zu verbringen. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir die Babysprache lernten, um mit ihm jetzt schon kommunizieren zu können. Oftmals haben wir aber die gleichen Unsicherheiten, Ängste und Fragen wie alle frischgebackenen Eltern.
Baumann/Rexhepaj: Wie seid ihr mit dem Thema vorgeburtliche Untersuchungen umgegangen?
Regina Grimm und Egbert Amann: Wir machten uns sehr viele Gedanken und führten zahlreiche Diskussionen. Da war auf der einen Seite die medizinische Möglichkeit der Untersuchungen, anderseits wussten wir auch, dass das Risiko in der Diagnostik, dem Kind zu schaden, immer noch sehr hoch ist. Und immer wieder fragten wir uns, ob wir es packen würden, für ein behindertes Kind da zu sein.
Regina Grimm: Für mich war schneller klar, dass mir das Risiko eines Eingriffs zu hoch ist. Doch dann fand auch bei Egbert der Umbruch statt. Er vertraute mir, und ich vertraute dem Leben. Und wir waren uns sicher, füreinander da zu sein, egal, was auf uns zukommt.
Baumann/Rexhepaj: Wie wirkte sich die Geburt des Kindes auf eure beruflichen Möglichkeiten aus? Wurden diese eingeschränkt?
Regina Grimm und Egbert Amann: Ja, sicher hat uns das Dasein unseres Sohnes eingeschränkt, eine ganz neue zeitliche Logistik war gefragt. Mit einem guten Netzwerk findet man immer Lösungen. Vertrauen und Glück braucht es natürlich. In unserer kleinen Familie finden wir auch neue Chancen.
Regina Grimm: Durch die Geburt und die Mutterschaft habe ich neue Erfahrungen gesammelt, die ich als Hebamme in die Beratung von Eltern einfliessen lassen kann.
Egbert Amann: Ich bin im Innern unabhängiger geworden. Und wir erleben eine ganz eigene Dynamik in unserem Freundeskreis. Manche alte Freundschaften können sich lösen und andere finden sich mit neuen Interessen wieder - beständig ist eben nur der Wandel.
Familie Grimm/Amann
«Späteltern»: Regina Grimm, 44, und Egbert Amann, 59, haben seit neun Monaten einen Sohn. Der Versicherungsmakler pendelt zwischen seinem Arbeitsort in Kärnten und seiner Familie in Zürich, bei der er jeweils von Donnerstag bis Montagmorgen ist. Sie arbeitet als Hebamme drei Tage in der Woche und stundenweise, wenn ihr Partner in Zürich ist. Egbert Amann hat bereits drei erwachsene Kinder aus einer früheren Beziehung.
Regina Grimm und Egbert Amann fragen: Wie schützt ihr eure Kinder vor Beziehungsproblemen, die es unter den Erwachsenen gibt?
Toni Baumann: Verletzungen, falls vorhanden, haben nichts mit den Kindern zu tun! Gravierende Differenzen dürfen nicht vor und schon gar nicht via die Kinder ausgetragen werden.
Grimm/Amann: Was gilt es zu tun, damit die Kinder der jetzigen Familie gute Beziehungen zu den anderen Kindern unterhalten können?
Toni Baumann und Albana Rexhepaj: Wichtig ist, dass die Kinder die Gelegenheit haben, das Leben miteinander zu teilen. Das heisst, dass sie möglichst viel Zeit und vor allem auch den Alltag miteinander verbringen sollten. Natürlich ist es auch zwingend, dass die Regeln des Zusammenlebens für alle gleich sind und niemand bevorzugt oder benachteiligt wird.
Grimm/Amann: Wie kann die Partnerin die Kinder ihres Partners aus einer früheren Beziehung unvoreingenommen annehmen - oder umgekehrt?
Toni Baumann und Albana Rexhepaj: Kinder sind als Kinder, gegenüber denen wir Verantwortung tragen, und nicht als «Anhängsel» des Partners zu betrachten. Der neue Partner sollte nicht versuchen, eine Rolle zu übernehmen, die er nicht ausfüllen kann und nicht darf, sondern muss seinen eigenen Platz im neuen Familiengefüge finden. Das ist einfacher möglich, wenn ein Teil des Alltags miteinander verbracht werden kann. Es verlangt Ehrlichkeit gegenüber den Kindern, aber auch mit sich selbst, damit jeder weiss - oder spürt -, woran er beim anderen ist.
Familie Baumann/Rexhepaj
Patchworkfamilie: Toni Baumann, 40, und seine Ehefrau Albana Rexhepaj, 41, zwei gemeinsame Kinder im Alter von ein und vier Jahren. Drei Kinder aus Baumanns erster Ehe (13 und 14, älteste Tochter nicht im Bild), die jeweils am Donnerstagabend und am Freitag sowie jedes zweite Wochenende bei ihrem Vater und seiner neuen Partnerin wohnen. Er arbeitet in einem 80-Prozent-Pensum als Architekt, seine Frau Albana ist Biologin und arbeitet 100 Prozent.
Familie Edwards fragt: Wie viele Geschwister habt ihr - und wollt ihr ebenso viele Kinder?
Yasser Etman: Ich habe zwei Brüder und eine Schwester. Nani hat eine Schwester. Aber so viele Kinder wie in meiner Familie wollen wir nicht.
Familie Edwards: Werdet ihr euer Kind so grossziehen, wie du selbst grossgezogen wurdest?
Yasser Etman: Ich komme aus Ägypten. Mein Kind soll unter besseren Bedingungen aufwachsen als ich. Ich möchte meinem Kind eine gute Ausbildung ermöglichen. Auch möchte ich mein Kind so grossziehen, dass es das Bewusstsein für die Familie, das Gefühl von engem Zusammenhalt nie verliert. Auch dann nicht, wenn es längst erwachsen ist.
Familie Edwards: Wie wird sich euer Leben mit einem Kind verändern?
Yasser Etman und Nani Moras Etman: Da wir beide berufstätig sind, wird sich der Tagesablauf gezwungenermassen ändern - im Sinne des Respekts gegenüber dem Kind als eine Person mit eigenen Bedürfnissen. Wir haben jedoch nicht vor, unsere persönlichen Interessen immer hintanzustellen.
Yasser Etman: Unsere Beziehung wird stärker werden, weil wir etwas zusammen erschaffen haben und gemeinsam dazu Sorge tragen. Und ich werde gesünder leben: kein Alkohol und keine Zigaretten mehr. Als Vater bin ich ein Vorbild.
Nani Moras Etman: Ich bin da egoistischer. Veränderungen ja, aber in Massen.
Yasser Etman/Nani Moras
Paar mit Kinderwunsch: Yasser Etman, 36; Nani Moras Etman, 42. Er arbeitet 100 Prozent als Reinigungskraft und zehn Prozent als Servicemitarbeiter. Sie arbeitet 100 Prozent als Kommunikationsbeauftragte.
Yasser Etman und Nani Moras Etman fragen: Seid ihr glücklich mit eurem Familienmodell und würdet ihr es wieder wählen?
Caroline und John Edwards: Wir sind glücklich. Als die Mädchen noch klein waren, war es sehr anstrengend. Doch nachdem die Jüngste drei war, wurde das Leben einfacher. Wir konnten unsere grosse Familie so richtig geniessen. Wir würden nochmals genauso entscheiden. Vier Kinder zu haben ist wunderbar und macht enorm Freude.
Etman/Moras: Denkt ihr, dass ein Elternteil für die Kinder wichtiger ist als der andere?
John Edwards: Uns ist es wichtig, dass die Mädchen zu beiden von uns eine gute Beziehung haben. Wir spielen unterschiedliche, aber sich ergänzende Rollen. Da Caroline öfter zu Hause ist, verbringt sie automatisch auch mehr Zeit mit den Mädchen.
Caroline Edwards: Aber das schmälert nicht Johns Bedeutung für die Kinder. Jeder von uns versucht auch, wenn immer möglich, Zeit mit einem einzigen Kind zu verbringen.
Etman/Moras: Hattet ihr immer genügend Zeit für eure Paarbeziehung?
Caroline Edwards: John ist sehr viel ausser Haus. Wenn er hier ist, verbringen wir die gemeinsame Zeit mit unseren Töchtern als Familie. Inzwischen sind die Mädchen älter und brauchen weniger Aufmerksamkeit. Dadurch haben wir mehr Zeit für uns. Paare haben unterschiedliche Bedürfnisse. Für uns ist es im Moment am wichtigsten und schönsten, unsere Zeit gemeinsam als Familie zu verbringen.
Familie Edwards
Das «klassische Modell»: John Edwards, 44; Caroline Edwards, 44. Vier Töchter im Alter von 14, 11, 9, 7. Er arbeitet 100 Prozent als Betriebsdirektor. Sie arbeitet 50 Prozent als Rechtsanwältin.
Michèle Weingartner und Kurt Piderit fragen: War es für euch schon klar, dass ihr Kinder haben wollt, bevor ihr euch kennengelernt habt?
Sandra Gallmann: Ich wollte immer Kinder. Seit 1988 sind wir ein Paar. Nach acht Jahren Beziehung entschieden wir uns zu heiraten. Fünf Monate vor dem Hochzeitstermin wurde ich ungeplant schwanger. Für mich war das genau richtig. Ansonsten hätte ich wohl bis heute Gründe gefunden, um den Zeitpunkt der Familiengründung hinauszuschieben.
Martin Gallmann: Ich bin in das Ganze hineingewachsen. Zuerst muss doch ein Partner da sein, mit dem man es sich vorstellen kann, Kinder zu haben.
Weingartner/Piderit: Sandra, hat sich dadurch, dass du seit der Geburt deiner Töchter Mutter und Hausfrau bist, dein Freundeskreis verändert? Hast du Freunde gewonnen oder aber verloren?
Sandra Gallmann: Bevor ich Mutter wurde, habe ich als KV-Angestellte gearbeitet. Das habe ich aber nie gern gemacht, deshalb habe ich die Welt des Büros auch nie vermisst. Daneben fing ich an, Stunden als Fitnessinstruktorin zu geben. Das habe ich nach der Geburt der ersten Tochter beibehalten. Es ist meine Leidenschaft, meine Freunde kommen zum Teil aus diesem Umfeld. So habe ich keine Kontakte verloren.
Weingartner/Piderit: Wie teilt ihr die Kindererziehung untereinander auf?
Sandra Gallmann: Die Hauptperson in der Erziehung bin klar ich, da ich die meiste Zeit mit den Kindern verbringe. Vieles besprechen wir als Eltern aber miteinander, als Team. Für die Kinder sind wir beide im gleichen Mass Bezugspersonen. Seit wir Pferde haben, hat sich die Beziehung zwischen den Kindern und Martin noch intensiviert, auch wenn er häufig ausser Haus ist. Er bringt ihnen das Reiten bei.
Familie Gallmann
Die «Alleinernährerfamilie»: Martin Gallmann, 42, und Sandra Gallmann, 39, haben zwei Töchter im Alter von elf und zehn Jahren. Er bringt als Maschineningenieur und Firmeninhaber das Geld nach Hause. Sie ist Mutter und Hausfrau. Hin und wieder gibt sie Stunden als Fitnessinstruktorin.
Familie Gallmann fragt: Hattet ihr nie den Wunsch, eine Familie zu gründen?
Michèle Weingartner: Ich wollte nie eine Familie gründen, das war für mich immer schon klar. Als Kind hatte ich kein Interesse an Puppen oder an der spielerischen Verkörperung der Mutterrolle. Bis heute habe ich keinen Kinderwunsch.
Sandra Gallmann: Habt ihr auch Freunde mit Kindern?
Kurt Piderit: Unser Freundeskreis ist sehr unterschiedlich. Wir kennen Paare mit Babys, Kindern oder Jugendlichen, aber auch kinderlose Paare.
Sandra Gallmann: Wenn ihr in die Zukunft schaut, wie seht ihr euer Leben im hohen Alter?
Kurt Piderit und Michèle Weingartner: In der heutigen Zeit gibt es so viele verschiedene Lebenskonzepte für alternde Menschen. Auch sind Kinder keine Garantie dafür, dass man im Alter nicht vereinsamt. Es ist nichts Ungewöhnliches mehr, dass junge Menschen aus ihrer Heimat fortziehen und im Ausland leben.
Michèle Weingartner/Kurt Piderit
Paar, das bewusst keine Kinder hat: Kurt Piderit, 54, ist Gemälderestaurator. Michèle Weingartner, 37, ist Assistentin der Beobachter-Chefredaktion. Sie wohnen zusammen in Zürich, beide arbeiten Vollzeit.
Patchwork
«Stammen Ihre Kinder aus der aktuellen Partnerschaft?» Wenn Paare von «unseren Kindern» sprechen, trifft dies längst nicht immer auch im biologischen Sinn zu: 15 Prozent der Familieneltern haben Kinder, die nicht aus der Beziehung mit dem aktuellen Partner stammen. Damit ist gleichzeitig umrissen, wie viele Kinder in der Schweiz Stiefgeschwister haben. Die vertiefte Analyse im Beobachter-Familienmonitor zur Frage, unter welchen Umständen es zu solchen Patchwork-Konstellationen kommt, zeigt vor allem bezüglich Zivilstand markante Unterschiede: Bei den verheirateten Eltern stammen nur in fünf Prozent der Fälle nicht alle Kinder aus der aktuellen Beziehung, während diese Quote bei den Familieneltern, die unverheiratet mit einem Partner zusammenleben, bei 57 Prozent liegt. Auffallend ist zudem die Betrachtung nach Einkommen: Bei Leuten der höchsten Einkommensklasse findet sich auch der höchste Anteil von Kindern aus anderen Beziehungen (32 Prozent bei Familien mit einem Einkommen von mindestens 9000 Franken monatlich).
Kleinfamilien
«Wie viele Kinder haben Sie?» Wenn Nachwuchs, dann am liebsten in überschaubarem Mass: 33 Prozent der Familieneltern, die im Rahmen des Beobachter-Familienmonitors befragt wurden, haben nur ein von ihnen finanziell abhängiges Kind, 39 Prozent deren zwei - macht zusammen 72 Prozent oder fast drei Viertel, die das klassische Kleinfamilienmodell pflegen. In den meisten Fällen wohnen Eltern und Kinder im gemeinsamen Haushalt, doch unterstützen immerhin 22 Prozent der Familieneltern eigene Kinder, die auswärts leben. Die Bevorzugung der Kleinfamilie bestätigt einen seit längerem anhaltenden Trend. Und zumindest kurzfristig ist auch nicht damit zu rechnen, dass die Familien bald wieder grösser werden: Auf die Frage, ob bei ihnen aktuell ein zusätzlicher Kinderwunsch bestehe, antworteten satte 78 Prozent der Familieneltern mit Nein.
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© Beobachter Ausgabe 8 vom 16. Apr 2008 - Alle Rechte vorbehalten
