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Gedächtnis

Fitness für graue Zellen

Text:
  • Mike de Roo
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
Ausgabe:
21/03

Das menschliche Hirn ist die Schaltzentrale des Körpers. Damit sie nicht so schnell den Geist aufgibt, muss man sie ständig auf Trab halten.

Gedächtnis: Fitness für graue Zellen

Wer kennt das nicht aus eigener Erfahrung? Der Name liegt auf der Zunge, aber er will einem einfach nicht in den Sinn kommen. Oder: Man rennt zu einem Bürokollegen, um ihm etwas Wichtiges zu erzählen – doch auf dem Weg hat man es plötzlich vergessen. Um die Peinlichkeit zu überspielen, behilft man sich dann mit einer ebenso peinlichen Floskel: «Das muss Frühalzheimer sein.»

 

Sicher: Vergesslichkeit allein ist kein eindeutiges Zeichen für diese heimtückische Krankheit. Aber eine Mahnung, dass man sein Hirn regelmässig trainieren sollte. Schliesslich handelt es sich um die Betriebszentrale unseres Organismus. «Das Gehirn steuert sämtliches Fühlen, Denken, Handeln und Erinnern», erklärt die Neuropsychologin Regula Schmid, Leiterin der Memory-Klinik in Zürich.

 

Viel Frischluft und Flüssigkeit tanken

Das menschliche «Zentralorgan» besteht aus einem Netz von Schaltkreisen, die unser Leben vom Mutterleib bis zum Tod bestimmen. Ein Teil dieser Schaltkreise ist schon bei der Geburt aktiv – deshalb kann ein Neugeborenes sofort atmen. Einige sind zudem von Beginn an stabil: Sie speichern Umwelteindrücke und sorgen zum Beispiel dafür, dass wir uns im Spiegel wiedererkennen. Ein anderer Teil der Schaltkreise bleibt ein Leben lang stark veränderbar – und lässt sich deshalb trainieren. Obwohl das Hirn nur etwa zwei Prozent unseres Körpergewichts ausmacht, benötigt es rund einen Viertel unseres Sauerstoffverbrauchs, weshalb es für jeden Gang an die frische Luft dankbar ist.

 

Auch auf Flüssigkeitsverlust reagiert es sehr sensibel: Wer zu wenig trinkt, ist weniger konzentriert. Deshalb sind zwei bis drei Liter Flüssigkeit pro Tag ein Muss.

Rund 100 Milliarden Nervenzellen zählt das menschliche Gehirn. Entgegen der landläufigen Meinung bleibt diese Zahl bis ins hohe Alter relativ konstant – falls das Hirn gesund ist.

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Die Verarbeitungszeit hingegen wird mit zunehmendem Alter länger. Das heisst aber nicht, dass auch die Gehirnfunktionen abnehmen. Denn das im Langzeitgedächtnis gespeicherte Wissen kann in einer Vielzahl von Fällen die längeren Reaktionszeiten kompensieren.

 

Die Fähigkeit, neue Informationen rasch aufzunehmen, beginnt schon mit 30 zu schwinden. Deshalb kann man nicht früh genug damit anfangen, sein Gedächtnis gezielt zu trainieren.

 

Den Beobachter auf dem Kopf lesen

«Bleiben Sie interessiert an allem, was um Sie herum geschieht, und überraschen Sie das Gehirn immer wieder mit etwas Neuem», rät Expertin Regula Schmid. Das heisst zum Beispiel: Drehen Sie jetzt den Beobachter um 180 Grad – und lesen Sie einige Sätze auf diese Weise. Dasselbe können Sie mit anderen Texten tun, die Sie im Lauf des Tages lesen, wie etwa Briefe oder Prospekte (siehe «Hirnübungen machen den Meister», Seite 68). Zum Trainingsprogramm sollte ebenso regelmässige Bewegung gehören, denn geistige und körperliche Fitness gehen Hand in Hand.

 

Neben dem Alterungsprozess hat auch der Lebensstil einen wesentlichen Einfluss auf die Leistung unserer Betriebszentrale. «Zu viel Alkohol, Nikotin oder Übergewicht vermindern die Hirnleistung genauso wie Stress oder starke psychische Verstimmungen», mahnt Schmid. Die grössten Bedrohungen für das Gehirn sind jedoch Schlaganfälle und Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer. «Wer ernsthaft befürchtet, davon betroffen zu sein, sollte mit dem Hausarzt reden», empfiehlt die Neuropsychologin.

 

Auch wer bei nahe stehenden Menschen Verhaltensveränderungen oder zunehmende Vergesslichkeit feststellt, sollte eine Untersuchung in Betracht ziehen. Zwar kann regelmässiges Gehirntraining nicht vor Krankheiten wie Alzheimer schützen. Aber, so Regula Schmid: «Ein gesundes Hirn hat mehr Reserven, um zumindest länger gegen die Krankheit bestehen zu können.»

Training: Hirnübungen machen den Meister


  • Lernen Sie die Einkaufsliste durch bildhafte Vorstellungen auswendig. Sie können die Produkte zum Beispiel einem Körperteil zuordnen: die Milch dem Fuss, das Brot dem Kopf, die Äpfel den Augen. Auf dieselbe Weise können Sie sich auch eine Kontonummer merken.

  • Trainieren Sie Ihre beiden Gehirnhälften, indem Sie von Zeit zu Zeit etwas mit links tun, wofür Sie normalerweise die rechte Hand benutzen (oder umgekehrt): die Zähne putzen, Zwiebeln schneiden, eine Telefonnummer wählen, Jasskarten halten, die Tür schliessen.

  • Versuchen Sie, alltägliche Verrichtungen mit geschlossenen oder verbundenen Augen zu tun: ein Joghurt öffnen und auslöffeln, eine Orange schälen oder die Schuhe binden.

  • Steigen Sie Treppen im Passgang hinauf und hinunter. Oder gehen Sie kurze Strecken rückwärts.

  • Verfremden Sie Sätze nach folgendem Muster: «Whictig ist eziing, dsas der ertse und der lettze Buhcstbaen eneis Wtreos stemimn. Der Rset knan ein völilegs Duchrienanedr sein und trtozedm prboelmols gelseen wreden – Kroretkrummporgrae im Hrin mcehan es milögch.» Sie werden sehen: Es spielt keine Rolle, welche Reihenfolge die Buchstaben in einem Wort haben.

 

Weitere Infos

 

Buchtipps

  • Roland Geisselhart: «Power Tool: Gedächtnis. Die besten Übungen. Die modernsten Erkenntnisse.» Walhalla-Fachverlag, Fr. 18.90
  • Gerhard Roth: «Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert.» Suhrkamp, Fr. 49.90

© Beobachter Ausgabe 21 vom 15. Okt 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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