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Haarausfall

Das Übel an der Wurzel packen

Text:
  • Cordula Sanwald
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
Ausgabe:
3/07

Jede fünfte Frau mittleren Alters leidet an Haarverlust. Kosmetische Tricks, Wässerchen und Mittelchen nützen meist wenig bis nichts - sinnvoller ist der Gang zum Dermatologen.

Wie ein gerupftes Huhn hab ich ausgesehen», beschreibt Hildegard R. (Name der Redaktion bekannt) die Frau, die sie noch vor einem halben Jahr war. Im Frühjahr bemerkte sie erstmals Haare auf dem Teppich, kurze Zeit später fiel ihr das schüttere Kopfhaar schmerzlich auf. Was nicht ausfiel, brach. Am Hinterkopf zeichneten sich kahle Stellen ab. Ihr erster Gang führte die damals 69-Jährige zum Coiffeur, eine Dauerwelle sollte es richten. Der Versuch schlug fehl. «Im Sommer erkannten mich meine Turnerfrauen kaum mehr», seufzt die Zürcherin. Derart gezeichnet, mied sie den Kontakt mit anderen. Schliesslich suchte sie die Dermatologin Myriam Wyss auf. Deren Diagnose: diffuser Haarausfall infolge Schilddrüsenerkrankung. 80 Tage lang pflegte Hildegard R. ihre Kopfhaut, nahm Hormone, Nähr- und Aufbaustoffe. Dank den Schilddrüsenhormonen fielen die Haare nicht mehr aus; nach einem Vierteljahr begannen sie wieder zu wachsen.

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Haarverlust ist normal

Bleiben die Haare in der Bürste anstatt auf dem Kopf, macht das immer Kummer - gelten sie doch als Inbegriff von Jugendlichkeit, Schönheit und Gesundheit. Dabei ist Haarverlust normal, denn Haare unterliegen einem Zyklus, der zwei bis sechs Jahre dauert. Am Ende wächst das neue Haar, das alte fällt aus. Wie viel Haarausfall als normal gilt, ist individuell verschieden. Entsprechend schwer fällt die Antwort auf die Frage, wann ärztliche Abklärung Not tut. «Vergessen Sie die Angabe, wer mehr als 100 Haare am Tag verliert, leidet an Haarausfall», sagt Professor Ralph M. Trüeb, Leiter der Dermatologischen Poliklinik und der Haarsprechstunde des Universitätsspitals Zürich. «Jede Frau, die fühlt, sie verliert mehr Haar als normal, hat Recht.» Etwa jede fünfte Frau mittleren Alters ist von Haarverlust betroffen.

Statt die Haare in der Hand zu zählen, macht der frühzeitige Gang zu Dermatologen Sinn. Denn vieles, was wie ein definitiver Verlust des Haares aussieht oder leichtfertig aufs Alter geschoben wird, muss nicht sein. Auch Hildegard R. litt «nur» unter diffusem Haarausfall, einer von drei Formen des Alopezie genannten Haarverlustes. Beim diffusen Haarausfall wird die Haarzwiebel, die das Haar speist, nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt. So stellt sie irgendwann die Tätigkeit ein und verkürzt damit die Lebensdauer des Haares, das vorzeitig ausfällt. Die Folge: schütteres, besonders an den Schläfen ausgedünntes Haar. «Der diffuse Haarausfall betrifft häufiger Frauen, kann in jedem Alter auftreten und wird erst sichtbar, wenn ein Viertel der Haardichte verloren ist», erläutert Dermatologin Wyss.

Die Ursache liegt selten auf der Hand. Anders als bei den häufigsten Formen - der erblich-hormonell bedingten androgenetischen Alopezie und dem kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata) - geht er weder auf eine entsprechende Erbanlage zurück noch auf eine Haarwurzelentzündung. Ursachen des diffusen Haarausfalls sind Allgemeinerkrankungen, Fieber, Eisenmangel und Fehlernährung - zum Beispiel nach Fastenkuren - sowie Funktionsstörungen der Schilddrüse und gewisse Medikamente. Häufigkeitszahlen liegen wegen der vielfältigen Ursachen keine vor. Nicht selten, so Trüeb, trete der diffuse zusammen mit dem erblich-hormonellen Haarausfall auf, bei dem sich der Mittelscheitelbereich deutlich lichtet, besonders bei menstruierenden Frauen mit Eisenmangel.

Besserung innert weniger Monate

«Frauen leiden sehr unter vermehrtem Haarausfall», so Wyss. Fällt das Haar fortlaufend aus, sollte spätestens nach sechs Monaten eine dermatologische Abklärung vorgenommen werden. So können zugrunde liegende Erkrankungen früh erkannt und behandelt werden. «Geld für Wässerchen und Pillen auszugeben macht keinen Sinn, wenn die Ursache unklar ist», so Wyss. Von wissenschaftlich nicht belegten Methoden und Anwendungen rät auch Dermatologe Trüeb ab.

Ist die Ursache ausgemacht und wird sie behandelt, tritt innert weniger Monate Besserung ein, denn der diffuse Haarausfall ist reversibel: Für die ausfallenden Haare wachsen gleichwertige nach. In 30 Prozent der Fälle von chronisch diffusem Haarausfall kann jedoch der Auslöser nicht gefunden werden. «Dann müssen wir die Patientinnen aufklären, dass schubweise immer wieder vermehrt Haare ausfallen können, sie aber meistens nachwachsen», erklärt Myriam Wyss. In solchen Fällen können spezielle Nahrungsmittelkosmetika helfen, die das gesunde Wachstum mit Nährstoffen und Energie unterstützen. Diese Mittel werden von den Krankenkassen nicht bezahlt. Wohl aber die ärztliche Abklärung des Haarausfalls, die Verlaufskontrollen und die Behandlung zugrunde liegender Erkrankungen.

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© Beobachter Ausgabe 3 vom 31. Jan 2007 - Alle Rechte vorbehalten

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