Hypochondrie: Die krankhafte Angst vor der Krankheit
Hypochonder glauben fest daran, dass sie krank sind. Ihr Körper ist zwar gesund. Aber sie leiden an Ängsten, die krank machen. Dann brauchen sie psychologische Hilfe.
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Sie spüren ein leichtes Ziehen in der Schulter. Denken Sie an einen Muskelkater? Oder an eine chronische Polyarthritis? Vielleicht gar an einen Herzinfarkt?
Wer hypochondrisch veranlagt ist, befürchtet immer gleich das Schlimmste selbst wenn es noch so unwahrscheinlich ist. Sogar alltägliche Beschwerden wie Muskelkater oder Blähungen bieten den Betroffenen Anlass zu grösster Sorge. «Diese Menschen haben eine gesteigerte, ängstlich gefärbte Selbstbeobachtung. Sie interpretieren mehrdeutige Körpersignale schneller als Zeichen einer Krankheit», erläutert Marie-Theres Annen, Psychologin FSP. Solche Befürchtungen bringen Hypochonder rasch dazu, medizinische Lexika zu wälzen, das Internet nach Krankheitssymptomen zu durchstöbern und besonders häufig bei Ärztinnen und Heilpraktikern anzuklopfen bis die Angst vor einer Krankheit selbst zur Krankheit wird.
Die Hypochondrie ist schon seit der Antike bekannt. Sie zählt zu den so genannt somatoformen Störungen, bei denen körperliche Beschwerden durch psychische Ursachen hervorgerufen oder zumindest verstärkt werden. Hypochondrische Störungen treten häufig im frühen Erwachsenenalter das erste Mal auf. Oft verlaufen sie chronisch.
Ihre Gicht, eine Herzinsuffizienz oder ihren Blutkrebs mögen sich Hypochonder einbilden. Aber die Krankheit Hypochondrie ist für sie real. «Menschen mit hypochondrischen Störungen sind keine Simulanten. Es wäre falsch zu sagen, ihnen fehle nichts», sagt Alexander Kiss, ärztlicher Leiter der Abteilung Psychosomatik am Kantonsspital Basel. «Hypochonder empfinden ihre körperlichen Beschwerden tatsächlich. Wahrscheinlich haben sie eine besonders niedrige Schwelle für körperliche Reize.»
«Wenn ich im Untersuchungszimmer des Arztes sitze, komme ich mir wie eine Betrügerin vor», schreibt eine 32-jährige anonyme Chatterin im Internetforum der Zürcher Hausärzte. «Ich bin seit etwa drei Jahren ein totaler Hypochonder. Es fällt mir schwer, das überhaupt zuzugeben, denn meistens wird Hypochondrie mit eingebildeten Krankheiten verbunden. Doch die Krankheit und die Symptome sind für mich echt und oft sehr schmerzhaft.»
Die Ansicht des Arztes, die Symptome seien unbedenklich, bringt in aller Regel aber keine Erleichterung. Oder wenn, dann nur kurzfristig. Ein medizinischer Normalbefund muss Hypochonder zwingend enttäuschen: Sie erleben ihn als «Beschönigung», denn die körperlichen Beschwerden sind ja noch immer da. Dies setzt einen Teufelskreis in Bewegung: Die Betroffenen beobachten ihr Befinden noch aufmerksamer. Durch die Angst um die eigene Gesundheit steigt das körperliche Erregungsniveau weiter an. Dies verstärkt die wahrgenommenen Symptome. Es festigt auch die Überzeugung, an einer schlimmen Krankheit zu leiden. Entsprechend heftig fordern die Betroffenen noch weitere Untersuchungen. Geht der Arzt darauf ein, sind sie überzeugter denn je, dass sie doch etwas haben weshalb sonst macht der Arzt so viele Tests?
Schlägt ein Mediziner ihr Anliegen aus, gehen Hypochonder einfach zum nächsten: Ärztetourismus nennt sich das. Viele Betroffene sehnen sich fast danach, dass der Arzt endlich eine Krankheit findet. «Ich habe von einer Patientin gehört, die sich 18 Mal ohne triftigen medizinischen Grund operieren liess, bevor sie dann in die Psychiatrie überwiesen wurde», weiss Marie-Theres Annen.
Oft zieht die Hypochondrie auch eine Depression nach sich. Manche Betroffenen werden arbeitsunfähig. «Das Leiden des Hypochonders ist fast schlimmer, als ernsthaft Krebs zu haben», sagt der Psychosomatiker Alexander Kiss. Krebskranke erlebten in ihrer Umgebung zumindest Achtung und Mitgefühl, Hypochonder dagegen ernteten nur Unverständnis.
Als Risikofaktoren für Hypochondrie gelten vor allem Veränderungen des Körpers, etwa nach Unfällen oder schweren Krankheiten. Auch traumatische Erfahrungen und die eigene Geschichte können zur Hypochondrie führen Menschen, die in ihrer Kindheit mit chronisch kranken Familienmitgliedern zusammengelebt haben, sind besonders anfällig. Hypochonder scheinen auch einen eng definierten Gesundheitsbegriff zu haben nach dem Motto: «Ein gesunder Körper ist völlig frei von Beschwerden und darf sich demnach nie bemerkbar machen.»
Körperliche Leiden würden besser akzeptiert als psychische, betont Marie-Theres Annen. «Nehmen wir eine Person, die immer nur für andere da ist und ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigt: Erst durch Kopfweh oder andere Symptome wird es ihr gelingen, von den andern wahrgenommen zu werden.» Hypochondrische Menschen merkten sehr wohl, dass etwas mit ihnen nicht stimme, nur: «Das Problem steckt nicht da, wo sie es suchen.»
Wenn Krankheitsangst die Lebensqualität einschränkt, empfiehlt Marie-Theres Annen eine Psychotherapie. Davor sei aber unbedingt eine medizinische Abklärung nötig, um eine körperliche Erkrankung auszuschliessen. In der Therapie geht es vor allem darum, die körperlichen Beschwerden gedanklich neu einzuordnen. Dabei können zum Beispiel Symptom-Tagebücher helfen, die Hinweise auf auslösende Situationen liefern. «Die Einsicht in die Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körperempfinden kann die Betroffenen dazu befähigen, die Symptome nicht mehr als Todfeind, sondern als freundliche Information zu erleben.»
© Beobachter Ausgabe 1 vom 11. Jan 2002 - Alle Rechte vorbehalten











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