Koni Rohner zu Autismus
«Habe ich einen schlechten Charakter?»
Sowohl im Vereinsvorstand als auch von meiner Frau wurde ich schon mehrmals als Autist beschimpft. Ich bin aber weder so seltsam wie Dustin Hoffman im Film «Rain Man», noch glaube ich, einen schlechten Charakter zu haben. Was meinen die Leute, die mich kritisieren, mit Autismus? Marco K.

(Bild: Archiv)
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Am besten fragen Sie das nächste Mal: «Was wollt ihr damit genau sagen?» Denn: Vielleicht dient der Begriff Autismus einfach als undifferenziertes Schimpfwort und als Ausdruck des Ärgers, dass Sie sich nicht anpassen und sich dem Willen und den Wünschen des Gegenübers widersetzen. Sie können die Reaktion von anderen abschwächen, wenn Sie Verständnis für deren Position ausdrücken. Von der eigenen Linie brauchen Sie deswegen aber nicht abzuweichen.
Autismus als Fachausdruck der Psychopathologie (Lehre von den seelischen Störungen und Krankheiten) bezeichnet eine tief greifende seelische Entwicklungsstörung. Menschen, die an Autismus leiden, können von frühester Kindheit an kaum soziale Kontakte aufbauen: Sie nehmen keinen Blickkontakt mit der Mutter auf, strecken die Arme nicht nach dem Vater aus, um aufgehoben zu werden. Ihre Sprachentwicklung ist meist stark verzögert.
Später sind sie im Kindergarten isoliert, spielen nicht mit anderen Kindern und können keine Freundschaften eingehen. Bei plötzlichen Veränderungen in ihrer Umwelt geraten sie in unverhältnismässige Panik und Wut. Freude zeigen sie höchstens bei der Beschäftigung mit Gegenständen, nicht aber mit Menschen.
Betroffene Kinder brauchen aktive Zuwendung
Als Ursachen sehen Wissenschaftler vor allem Vererbung und Hirnschädigungen vor oder bei der Geburt. Betroffene Kinder brauchen eine aktive Zuwendung von Eltern und Therapeuten, um doch ein wenig zu lernen, sich in andere Menschen einzufühlen, sich auszudrücken sowie Ausdauer und Optimismus zu entwickeln. Etwa einem Fünftel der Betroffenen gelingt es, sich als Erwachsene in den normalen Alltag einzufügen. Je höher die Intelligenz ist, desto grösser ist die Chance dafür.
Von 1'000 Kindern leiden sieben an Autismus. Wenn der Begriff allerdings sehr weit gefasst wird, haben wir alle mehr oder weniger autistische Züge. Jeder kann sich in Krisensituationen derart in etwas hineinsteigern, dass er in seiner eigenen Welt gefangen ist und die Umwelt nicht mehr realistisch wahrnimmt. Wir können dann nicht mehr auf andere Menschen eingehen und werden von ihnen als rücksichtslos und egozentrisch erlebt. Wenn wir dieses Feedback wie Marco K. immer wieder von verschiedenen Leuten zu hören bekommen, lohnt es sich, einmal über die Bücher zu gehen und sich selber mit oder ohne therapeutische Hilfe etwas genauer anzusehen.
Einfühlung und psychologisches Verständnis für andere sind zwar bis zu einem gewissen Grad erlernbar. Trotzdem sind und bleiben die einen als Persönlichkeiten grundsätzlich geselliger und die anderen eben eigenbrödlerischer. Das gehört zur Vielfalt des Lebens. Es ist zerstörerisch und lieblos, zu werten und dabei Begriffe aus der Psychopathologie als Schimpfwörter zu benutzen.
Buchtipp
Helmut Remschmidt: «Autismus. Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen»; Beck, 2002, Fr. 14.60
© Beobachter Ausgabe 21 vom 13. Okt 2005 - Alle Rechte vorbehalten











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