Koni Rohner zu Krisen: Den Lebensstürmen ins Auge sehen

Text:
  • Koni Rohner
Ausgabe:
18/03

Ärger am Arbeitsplatz, Schwierigkeiten in der Ehe sowie in der Familie haben meinem Bruder gesundheitlich zugesetzt. Warum nur sieht er die Ursachen nicht und frisst stattdessen einfach alles in sich hinein? Iris G.

Auskunft von Koni Rohner, Psychologe FSP:

Ihr Bruder scheint einen blinden Fleck zu haben. Was nichts

Ungewöhnliches ist: Wenn hundert Menschen dasselbe Bild

anschauen, nimmt jeder andere Aspekte wahr.

Es gibt in der Psychologie sogar die radikale Theorie,

dass es überhaupt keine objektive Wirklichkeit gibt.

Man nennt diese Sichtweise Konstruktivismus. Ihre Vertreter

gehen davon aus, dass jeder Mensch seine Welt selber konstruiert,

sich sein eigenes Bild von den Mitmenschen und der Umgebung

macht. Die einen empfinden die Welt zum Beispiel als feindlich,

sind voller Misstrauen und überzeugt, für alles

und gegen jeden kämpfen zu müssen. Andere erleben

die Menschen als hilfsbereit und warmherzig; deshalb begegnen

sie der Welt voller Vertrauen und Optimismus. Es ist, als

ob wir verschieden getönte Brillen trügen: Dieselbe

Situation erscheint dem einen rosa, dem andern eher grau.

Vorurteile beeinflussen unsere WahrnehmungSo gesehen gibt

es tatsächlich keine objektive Wahrnehmung. Unser Welt-

und Menschenbild bestimmt zusammen mit unseren Vorurteilen,

welche äusseren und inneren Reize wir registrieren. Leider

wählen wir in der Regel unbewusst jene Elemente aus,

die problemlos zu unserer Weltsicht passen. Bloss lernen wir

auf diese Weise nichts dazu und machen immer wieder dieselben

Fehler.

Bei einer negativen Prägung führt dies zu einem

Teufelskreis: Wer Schlechtes erwartet, wird in der Regel auch

nur Schlechtes sehen und Schmerzhaftes erleben. Im Fall Ihres

Bruders ist es genau umgekehrt: Er sieht die Belastungen nicht,

die jedem Aussenstehenden sofort ins Auge springen. Deshalb

kommt er auch nicht auf die Idee, dass seine gesundheitlichen

Probleme mit den beschriebenen Konflikten zusammenhängen

könnten.

Wenn Sie es behutsam und diplomatisch angehen, gelingt

es Ihnen vielleicht, Ihrem Bruder die Augen zu öffnen.

Andernfalls wäre Unterstützung durch den Hausarzt

oder einen Psychotherapeuten hilfreich. Denn nur wenn Ihr

Bruder seine Konflikte sehen kann, lassen sie sich lösen

und verarbeiten. Dann werden die körperlichen Symptome

letztlich überflüssig und verschwinden.

Dass jeder seine eigene Wirklichkeit konstruiert, hat auch

positive Seiten. Nur deshalb sind Begegnungen, Beziehungen

und Partnerschaften so spannend. Wer sich für andere

interessiert, kann in deren Welt eintauchen und wird dadurch

bereichert.

Zudem beruhen die meisten Konflikte darauf, dass wir glauben

oder gar erwarten, dass die anderen die Dinge genauso sehen

wie wir. Sobald wir es aber schaffen, für einen Moment

durch die Brille des andern zu schauen, und es uns gelingt,

ihm einen Blick durch unsere zu verschaffen, lassen sich meist

Lösungen finden, die beiden Seiten dienen.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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