Koni Rohner zu Krisen: Den Lebensstürmen ins Auge sehen
Ärger am Arbeitsplatz, Schwierigkeiten in der Ehe sowie in der Familie haben meinem Bruder gesundheitlich zugesetzt. Warum nur sieht er die Ursachen nicht und frisst stattdessen einfach alles in sich hinein? Iris G.
Auskunft von Koni Rohner, Psychologe FSP:
Ihr Bruder scheint einen blinden Fleck zu haben. Was nichts
Ungewöhnliches ist: Wenn hundert Menschen dasselbe Bild
anschauen, nimmt jeder andere Aspekte wahr.
Es gibt in der Psychologie sogar die radikale Theorie,
dass es überhaupt keine objektive Wirklichkeit gibt.
Man nennt diese Sichtweise Konstruktivismus. Ihre Vertreter
gehen davon aus, dass jeder Mensch seine Welt selber konstruiert,
sich sein eigenes Bild von den Mitmenschen und der Umgebung
macht. Die einen empfinden die Welt zum Beispiel als feindlich,
sind voller Misstrauen und überzeugt, für alles
und gegen jeden kämpfen zu müssen. Andere erleben
die Menschen als hilfsbereit und warmherzig; deshalb begegnen
sie der Welt voller Vertrauen und Optimismus. Es ist, als
ob wir verschieden getönte Brillen trügen: Dieselbe
Situation erscheint dem einen rosa, dem andern eher grau.
Vorurteile beeinflussen unsere WahrnehmungSo gesehen gibt
es tatsächlich keine objektive Wahrnehmung. Unser Welt-
und Menschenbild bestimmt zusammen mit unseren Vorurteilen,
welche äusseren und inneren Reize wir registrieren. Leider
wählen wir in der Regel unbewusst jene Elemente aus,
die problemlos zu unserer Weltsicht passen. Bloss lernen wir
auf diese Weise nichts dazu und machen immer wieder dieselben
Fehler.
Bei einer negativen Prägung führt dies zu einem
Teufelskreis: Wer Schlechtes erwartet, wird in der Regel auch
nur Schlechtes sehen und Schmerzhaftes erleben. Im Fall Ihres
Bruders ist es genau umgekehrt: Er sieht die Belastungen nicht,
die jedem Aussenstehenden sofort ins Auge springen. Deshalb
kommt er auch nicht auf die Idee, dass seine gesundheitlichen
Probleme mit den beschriebenen Konflikten zusammenhängen
könnten.
Wenn Sie es behutsam und diplomatisch angehen, gelingt
es Ihnen vielleicht, Ihrem Bruder die Augen zu öffnen.
Andernfalls wäre Unterstützung durch den Hausarzt
oder einen Psychotherapeuten hilfreich. Denn nur wenn Ihr
Bruder seine Konflikte sehen kann, lassen sie sich lösen
und verarbeiten. Dann werden die körperlichen Symptome
letztlich überflüssig und verschwinden.
Dass jeder seine eigene Wirklichkeit konstruiert, hat auch
positive Seiten. Nur deshalb sind Begegnungen, Beziehungen
und Partnerschaften so spannend. Wer sich für andere
interessiert, kann in deren Welt eintauchen und wird dadurch
bereichert.
Zudem beruhen die meisten Konflikte darauf, dass wir glauben
oder gar erwarten, dass die anderen die Dinge genauso sehen
wie wir. Sobald wir es aber schaffen, für einen Moment
durch die Brille des andern zu schauen, und es uns gelingt,
ihm einen Blick durch unsere zu verschaffen, lassen sich meist
Lösungen finden, die beiden Seiten dienen.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten
