Koni Rohner zu Leiderfahrung
«Was kann ich für meinen Freund tun?»
Mein bester Freund hat seine Frau verloren. Sie ist ein Jahr nach der Hochzeit an Krebs gestorben. Es tut mir weh, wenn ich seinen Schmerz sehe. Was kann ich tun? Martin Z.

(Bild: Archiv)
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Wichtig ist, dass Sie nicht mitleiden, sondern Mitgefühl zeigen. Es ist sein Verlust, sein Leiden, nicht Ihres - aber Ihr Mitgefühl tröstet ihn. Konkret heisst das: Interessieren Sie sich dafür, wie es ihm geht, hören Sie zu, wenn er erzählen oder klagen will, und zeigen Sie Verständnis für seine Gefühle. Das hilft ihm, den Schicksalsschlag zu verarbeiten.
Im Alltagsbewusstsein wollen wir von Bedrückung nichts wissen, wir haben einen natürlichen Abwehrreflex dagegen. Wir glauben, Leiden sei vermeidbar, und erwarten von der Medizin, dass sie es verhindert oder allmählich ganz aus der Welt schafft. Dabei vergessen wir, dass Bitternis ein integraler Bestandteil der menschlichen Existenz ist - niemand bleibt davon verschont. Leiden hat viele Gesichter: Krankheiten, körperliche Schmerzen, Verluste durch Tod oder Trennung, Einsamkeit, Angst, Überforderung, Niederlagen im Beruf, Hoffnungslosigkeit oder Gewalt.
Die Wissenschaft kennt drei Formen von Reaktionen
Es gibt Leiden, die sich verringern oder vermeiden lassen: Viele Krankheiten sind heilbar, eine Änderung des Lebensstils kann Entlastung und neue Begegnungen können wieder Freude ins Leben bringen. Sigmund Freud hat gezeigt, wie Psychotherapie seelische Schmerzen zu lindern vermag. Gleichzeitig hat er aber auch betont, dass man zwar neurotisches Elend beseitigen könne, «gewöhnliches» aber nicht. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als in gewissen Lebensphasen mit dem Leiden zu leben.
Seit einigen Jahren wird Leiden auch wissenschaftlich erforscht. Dabei hat sich laut Experten gezeigt, dass Menschen auf drei verschiedene Arten reagieren. Eine Gruppe fühlt sich überfordert: Sie erlebt Krankheit, Verlust oder Unfall als überwältigend und nimmt das Leben danach als zerstört und zerbrochen wahr. Eine zweite Gruppe - eher robuste Menschen - spürt dagegen kaum einen Leidensdruck, und ihr Leben verändert sich wenig.
Eine dritte Gruppe erlebt durch Leiden interessanterweise einen Reifungsprozess, den sie als positiv empfindet. Diese Menschen geben ihrem Leben neue Schwerpunkte, und ihre persönlichen Beziehungen verbessern sich: Sie zeigen mehr Mitgefühl, sind solidarischer mit anderen, sehen mehr Sinn im Leben und entwickeln oft eine neue Form von Spiritualität und religiöser Suche.
Es wäre zynisch, von jemandem zu fordern, er solle durch sein Leiden jetzt reifen und seine Persönlichkeit entwickeln. Aber es ist für uns alle beruhigend zu wissen, dass man trotz aller Bedrückung nicht verzweifeln muss: Die Seele des Menschen hat das Potenzial, daran zu wachsen. Ärzte und Psychotherapeuten sollten sich deshalb nicht nur auf die Beseitigung von Symptomen konzentrieren, sondern auch derartige Reifungsprozesse erleichtern und unterstützen. Vielleicht werden Sie für Ihren Freund sogar zu einer solchen Hilfe.
© Beobachter Ausgabe 14 vom 05. Jul 2006 - Alle Rechte vorbehalten











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