Koni Rohner zu Selbstkritik
«Ich sehe nur Fehler»
Ich habe einen grossen Hang zur Selbstkritik. Stets suche ich den Fehler bei mir selbst. Das hat schon etwas Selbstzerstörerisches. Ich werde immer mutloser, weil ich mich nicht ändern kann. Was soll ich tun? Peter G.
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Selbstreflexion ist wichtig bei der Persönlichkeitsentwicklung – wenn sie konstruktiv eingesetzt wird. In Ihrem Fall scheint die Selbstkritik tatsächlich destruktiv geworden zu sein. Sie müssen umlernen. Hauptvoraussetzung dafür ist eine weniger negative, nicht wertende Grundhaltung.
Viele Menschen sehen vor allem das Schlechte, Störende in der Welt, schimpfen darüber oder versuchen, es zu beseitigen. Genauso gehen Sie mit sich selbst um. Besser ist es, davon auszugehen, dass das eigene Wesen grundsätzlich mal in Ordnung und liebenswert ist. Auf dieser Basis findet man den Mut, die Augen vor den Macken, Lastern, Schwächen und vielleicht sogar gefährlichen Seiten des eigenen Charakters nicht zu verschliessen.
Die Schattenseiten verlieren viel von ihrer destruktiven Kraft, wenn man sie akzeptieren kann. Die Reifung der Persönlichkeit geschieht auf diese Weise. Je genauer wir uns selbst kennen, desto grösser wird unser Selbstbewusstsein. Dann ist es kein Bluff mehr, sondern unsere Selbstsicherheit ruht auf einem soliden Fundament.
Wer durch Selbstreflexion eine akzeptierende Grundhaltung entwickelt hat, kann auch anderen Menschen so begegnen, hat also gleichzeitig seine Sozialkompetenz vergrössert. Etwas akzeptieren heisst aber nicht, es zu billigen oder zu entschuldigen. In einem zweiten Schritt ist es durchaus angemessen, auch zu werten: Jemand findet es zum Beispiel schlecht und schämt sich dafür, geizig zu sein, aber er kann zugeben, diese Schwäche zu haben.
Das beste Gegenmittel ist bedingungslose Liebe
Woran liegt es, dass einzelne Menschen Selbstkritik und Selbstreflexion konstruktiv nutzen können und andere sich dabei selber zerfleischen? Was man als Kind durch die Eltern erlebt hat, wird meist automatisch zum Muster für das ganze Leben. Wer einfühlende und akzeptierende Eltern hatte, wird auch mit sich selber liebevoll umgehen können. Wer wegen seiner Schwächen entwertet wurde und für seine guten Seiten keine Anerkennung fand, wird später zu zerstörerischer Selbstkritik neigen. Dann braucht es korrigierende Erfahrungen mit Menschen, die einen bedingungslos lieben können.
Hier einige Tipps für konstruktive Selbstreflexion:
- Betrachten Sie sich selbst so, wie liebevolle, ideale Eltern ihr Kind anschauen.
- Bewerten Sie vorerst nicht, was Sie an sich entdecken.
- Versuchen Sie, Normen, Vorurteile oder konventionelle Moralvorstellungen wegzulassen.
- Akzeptieren Sie es, nicht perfekt zu sein.
- Bedenken Sie, dass Sie nicht an allem schuld sind, sondern von Ihrer Umwelt geprägt wurden.
- Beachten Sie, wie die Schatten verblassen, wenn man sich Ihnen nähert.
- Übersehen Sie Ihre guten Seiten nicht.
- Vertrauen Sie den positiven Kräften Ihrer Seele.
© Beobachter Ausgabe 8 vom 15. Apr 2004 - Alle Rechte vorbehalten











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