Medizinindustrie: Die Ärzte forschen – die Patienten zahlen
Schweizer Spitäler sind immer mehr die Versuchslabors der medizinischen Industrie. Beim Test neuer Therapien forschen die Ärzte direkt am Patienten. Und der bezahlt mit seinen Prämien erst noch kräftig mit.
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Jedes Jahr werden den Prämienzahlern Dutzende von Millionen Franken für Behandlungen verrechnet, die in erster Linie der Forschung dienen. Da erstaunt es wenig, dass der Vizedirektor des Bundesamts für Sozialversicherung (BSV), Fritz Britt, mit seinen Aussagen im Beobachter (Nr. 25/2001) einige Unruhe ausgelöst hat: «Industrie und Ärzteschaft versuchen also, die Forschung über die Grundversicherung zu finanzieren. Viele Ärzte sind da recht schamlos.»
Möglich wird das fragwürdige Tun durch die völlige Intransparenz in den Schweizer Spitälern. Selbst Fachleute wie Britt oder der Gesundheitsökonom Willy Oggier sprechen von einer «Black Box», wenn es um die Kostenrechnungen der Krankenhäuser oder die Verquickungen zwischen Industrie und Ärzten geht.
«Ethisch höchst bedenklich»
Da in der Schweiz der Grundsatz gilt, dass jede ärztliche Leistung im Spital kassenpflichtig ist, öffnet sich dem Missbrauch Tür und Tor. Zumal die Spitalleistungen als Pauschalen verrechnet werden. Versicherern und Behörden wird so die Kontrolle massiv erschwert, oft sogar verunmöglicht. Erst wenn eine Behandlung umstritten ist, etwa weil sich unerwünschte Wirkungen bis hin zu Todesfällen häufen, nimmt sie die Eidgenössische Leistungskommission (ELK) unter die Lupe.
Und siehe da: Laut einem ELK-Mitglied hat die Kommission zunehmend Anträge zu beurteilen, die «ethisch höchst bedenklich» seien und «Menschenversuchen» gleichkämen. So lehnte sie kürzlich die Lebertransplantation von Lebendspendern oder die Stammzellentransplantation bei Autoimmunerkrankungen als Pflichtleistung ab die Versicherer brauchen diese Behandlungen nicht mehr zu zahlen.
Treibende Kraft der Forschungsprojekte ist zum einen die Ärzteschaft, zum anderen die Industrie. Denn hinter jeder ärztlichen Leistung steht ein Unternehmen, das diese möglichst oft verkaufen möchte. Umgekehrt haben grosse Spitäler, insbesondere Universitätskliniken, einen Forschungsauftrag. Dies um beispielsweise neue Materialien für künstliche Gelenke zu entwickeln oder «Ersatzteile» für den menschlichen Körper wie Herzklappen von Schweinen oder Haut zu züchten.
Spitalrechnungen mit Tricks
Gewiss, Forschung ist nötig. Und auch das Krankenversicherungsgesetz zielt darauf ab, die Bevölkerung an den Fortschritten der Medizin teilhaben zu lassen. Störend aber sind für viele Fachleute die Abrechnungstricks in den Spitälern: Normalerweise werden Produkte, die der Forschung dienen, von der Industrie gratis zur Verfügung gestellt. In den Behandlungspauschalen aber, die die Kliniken den Krankenkassen verrechnen, werden dafür marktübliche Preise eingesetzt. Im Klartext: Die Versicherten zahlen zu hohe Pauschalen.
Ausserdem beteiligen sich mehr und mehr Chefärzte an der Entwicklung von neuen Methoden oder Geräten, indem sie eine eigene Firma gründen und sich Patente sichern. Ist die Zeit reif, verkaufen sie die Patente gewinnbringend an Produzenten nachdem jahrelang auf Kosten der Prämienzahler geforscht wurde. «Die vermehrte Umwandlung von Spitälern in Aktiengesellschaften», kritisiert Gesundheitsökonom Willy Oggier, «dürfte diesen Trend verstärken und die Kosten weiter in die Höhe treiben ohne dass die Steuer- und Prämienzahler eingreifen können.»
Die zweite grosse Grauzone ist die Medikamentenforschung. Auch hier gilt wie bei den ärztlichen Leistungen: Was im Spital verabreicht wird, ist kassenpflichtig. Und auch hier spielt der gleiche Abrechnungstrick: Das Spital erhält seine Medikamente für die Forschung in aller Regel gratis, setzt in den Behandlungspauschalen aber einen Preis ein abermals zahlen die Versicherten überhöhte Pauschalen.
Ebenso subtil verlagert die Pharmaindustrie Forschungskosten: Bringt sie die zweite oder dritte Generation eines Krebsmedikaments auf den Markt, beantragt sie beim BSV eine Preiserhöhung. Mit der Begründung: Die Weiterentwicklung stelle eine forschungsintensive Innovation dar, die zu honorieren sei. «Dabei übersehen die Firmen grosszügig», so Markus Fritz, Geschäftsführer der Schweizerischen Medikamenten-Informationsstelle, «dass das Medikament für die ganze Dauer der Weiterentwicklung den Krankenkassen verrechnet worden war. Würden jetzt noch die Preise erhöht, müssten sie doppelt zahlen.»
Budgets zu hoch angesetzt
Auch in der Arztpraxis werden die Versicherten ungefragt zur Kasse gebeten: Weil die Zahl der Patienten bis zur Registrierung eines Medikaments gering ist, braucht es aufwändige Folgestudien, etwa um spezifische Nebenwirkungen zu erfassen. Zwar werden die Studienärzte für ihren Aufwand von den Pharmafirmen entschädigt und erhalten die Medikamente gratis. Gleichwohl wird zumindest ein Teil der Konsultation den Versicherten belastet. Ausserdem ist es häufig umstritten, ob die Studie wissenschaftlich relevant ist. Oft gehe es nur darum, ein Produkt besser im Markt zu verankern, sagen Kenner.
Gerechtfertigt wird der Eifer mit den horrenden Entwicklungskosten, die ein neues Produkt verlangt. Ihre Höhe scheint allerdings mehr dem Marketing als der Wahrheit verpflichtet zu sein: Noch im letzten August nannte die Interpharma, die Lobbyorganisation von Novartis, Roche und Serono, in ihrer jährlichen Publikation «Pharma-Markt Schweiz» einen Wert von 400 bis 500 Millionen Franken pro Medikament. Nur drei Monate später startete die Industrie eine neue PR-Offensive. Und siehe da: Plötzlich beträgt der Aufwand «gegen eine Milliarde Franken». Praktisch gleichzeitig publizierte die amerikanische Konsumentenorganisation Public Citizen eine Untersuchung. Die Entwicklungskosten hier: höchstens 190 Millionen Franken. Ausgehend von Daten der Industrie seien es in den neunziger Jahren sogar nur 100 bis 120 Millionen pro neu eingeführtes Medikament gewesen.
Wie schreibt doch die Interpharma in ihrer neusten Broschüre? «Der Fortschritt in der Forschung wird dazu führen, dass wir künftig für Medikamente mehr ausgeben werden als heute.» Mit «wir» sind in erster Linie die Prämienzahler gemeint.
© Beobachter Ausgabe 4 vom 22. Feb 2002 - Alle Rechte vorbehalten











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