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Rollentausch: «Lieber Koni Rohner, vielleicht sollten Sie sich an Harry Potter orientieren»

Ausgabe:
2/02

Was können wir Männer tun, um wieder ernst genommen zu werden? Zum 75. Geburtstag des Beobachters holt Psychologe Koni Rohner Rat bei seiner Kollegin Maja Storch.

Maja Storch ist Dr. phil., Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Zürich. Ihr Buch «Die Sehnsucht der starken Frau nach dem starken Mann» wurde zum Bestseller.



Das Problem:

Liebe Maja Storch, uns Männern geht es schlecht. Die Frauen emanzipieren sich seit Jahrzehnten. Unser Leben besteht darin, uns abzurackern, genug Geld nach Hause zu bringen und uns trotzdem ständig kritisieren zu lassen. Am Abend haben wir kaum mehr Zeit für die Kinder, geschweige denn Kraft für heissen Sex. Wir sind nicht mehr Haupt, sondern Clown der Familie, wie das Al Bundy und Homer Simpson am Fernsehen zeigen. Und wenn ich meinen Frust einer Frau ausbreite, lacht sie spöttisch: «Ach ihr Ärmsten!» Was können wir Männer tun, um wieder ernst genommen zu werden?

Koni Rohner

Dr. phil. Maja Storch, Psychologin:

Lieber Koni Rohner, zuallererst muss ich die Ehre von Homer Simpson retten. Ich bin ein grosser Fan von ihm und habe nicht den Eindruck, dass er nur ein Familientrottel ist. Aus den meisten Geschichten geht er als Held hervor, und seine Familie liebt ihn, auch wenn er ihr mit gewissen männlichen Eigenheiten manchmal auf die Nerven geht. Aber auch Marge, seine Frau, kann manchmal ganz schön ätzend sein. Ausserdem bin ich überzeugt, dass Homer Simpson ein glücklicher Mann ist und sich im Grossen und Ganzen gut fühlt (solange genug Bier da ist).

Sie fragen, was Männer tun können, um wieder ernst genommen zu werden. Ich bin überzeugt, dass Frauen nicht immer spöttisch lachen, wenn es Ihnen schlecht geht. Ich vermute, dass sie nur in gewissen Situationen zur Antwort «Ach, ihr Ärmsten!» Zuflucht nehmen. Mein Mann macht es genauso. Manchmal tröstet er mich – so wie ich es gern habe, manchmal spöttelt er, und manchmal sagt er, dass er von diesem Gejammer nichts mehr hören will. Das sagt er stets, wenn ich mich wiederhole wie eine Schallplatte mit einem Sprung. Auch Jammern kann Spass machen! In der Psychologie heisst dies «sekundärer Krankheitsgewinn», aber das wissen Sie auch.

Tatsächlich gibt es massenhaft tolle Männer in der Filmwelt, die unzweifelhaft Helden sind. Denken Sie an Indiana Jones oder an all die Rollen, die mit Sylvester Stallone besetzt werden. In diesen Filmen sind Frauen dazu da, mit High Heels durch den Dschungel zu stöckeln, sich den Knöchel zu brechen, in Abgründe zu fallen oder von wild gewordenen Eingeborenen entführt zu werden. Dann liegen sie kreischend irgendwo rum, und plötzlich – tatatataa! – kommt der Held und rettet sie. Worauf sie sich dekorativ um seinen Hals kringeln und ihn fortan verehren bis an sein seliges Ende.

Heldenrollen sind zu anstrengend

Aber ich muss Sie warnen: Heldenrollen à la Indiana Jones sind zu anstrengend für einen normalen Mann, der seine Familie ernähren muss. Damit sind wir wieder bei Homer. Tagaus, tagein geht er ins Atomkraftwerk und lässt sich ausbeuten. Alles für seine Lieben.

Vielleicht sollten Sie sich an Harry Potter orientieren – ein gutes Modell für den «neuen Mann». Er ist sensibel, aber auch mutig. Er gibt offen zu, dass er vor Angst zittert, und stellt sich trotzdem dem bösen Zauberer. Er hat eine starke Frau als Freundin, Hermine. Sie hat viel bessere Noten in der Schule als er. Aber das kränkt ihn nicht in seiner männlichen Ehre.

Nur in einem Punkt taugt Harry Potter noch nicht als Rollenmodell, und zwar bei dem von Ihnen angesprochenen Traktandum «heisser Sex». Bis jetzt hat Harry noch nicht einmal geknutscht. Vielleicht bricht ja seine ganze Persönlichkeit zusammen, sobald er die Liebe entdeckt. Aber das wissen wir noch nicht, da müssen wir auf Band fünf warten. Der soll im Herbst 2002 erscheinen.

Um noch einmal auf Homer Simpson zurückzukommen: Im Gegensatz zu Indiana Jones & Co. wird hier immer wieder klar, dass Marge und Homer nach vielen Jahren Ehe noch ein funktionierendes Sexleben haben. Vielleicht sollten Sie also bis Herbst 2002 doch lieber bei Homer Simpson als Rollenmodell bleiben. Viel Spass dabei wünscht Ihnen mit kollegialen Grüssen Maja Storch.

© Beobachter Ausgabe 2 vom 25. Jan 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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