Schlusspunkt
Fit wie ein Halbschuh
«Der Mensch unterscheidet sich ja von anderen Lebewesen dadurch, dass er freiwillig unvernünftige Dinge tut. Am Samstagnachmittag im übervollen H&M einkaufen gehen beispielsweise. Oder eben am Feierabend zusammen mit viel zu vielen anderen Verrückten ins Fitnesscenter gehen.»

(Bild: Luca Schenardi)
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Kaum etwas könnte unwahrer sein. «You look wonderful tonight», säuselt Eric Clapton aus dem Lautsprecher, während sich vor mir die ungelenke Frührentnerin mit ihrer lila schimmernden Dauerwelle (so etwas sah ich zuletzt bei meiner Urgrossmutter) derart vergeblich am Bauchmuskelgerät abquält, dass einem Frau wie Maschine gleichermassen leidtun. Nicht mal der grösste Heuchler würde ihr jetzt ein «Sie sehen aber wunderbar aus heute Abend» zuwerfen. Mein Blick wandert nach links, doch da läuft wie immer Eurosport im Fernsehen: Frauen-Biathlon in der finnischen Tundra. Ein Blick nach rechts: An den Hanteln stöhnt der kahlrasierte Bodybuilder - seine Erscheinung erinnert an Popeye -, als würde er gerade von der CIA gefoltert. Aus dem Ärmelbund seines zu knappen Leibchens quellen die Muskeln hervor; auch dieser Anblick ist eher nicht wahnsinnig wonderful. Bin ich hier unter lauter Irren? Ich bin im Fitnessstudio.
Der Mensch unterscheidet sich ja von anderen Lebewesen dadurch, dass er freiwillig unvernünftige Dinge tut. Am Samstagnachmittag im übervollen H&M einkaufen gehen beispielsweise. Oder an Pfingsten ins Tessin fahren. Oder eben am Feierabend zusammen mit viel zu vielen anderen Verrückten ins Fitnesscenter gehen, wo einem am Eingang die Instruktorin «viel Spass» wünscht. Was glaubt die eigentlich, warum man hierher kommt?
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Welche Wohltat, wenn da unverhofft die Arbeitskollegin auftaucht, mit der man kurz zwischen der Bizeps- und der Trizepsübung über die letzte Sitzung im Büro lästern kann, die doch so sterbenslangweilig war! Solcherart kann ich neu beschwingt die zweite Hälfte des Trainingsprogramms in Angriff nehmen. Als ich hinterher endlich gehen kann, trällert Cyndi Lauper aus dem Lautsprecher, dass Girls alle nur Fun haben wollen. Typisch, von den Boys redet wieder niemand. Zur Belohnung gibts darum jetzt ein Schoggistängeli aus dem Supermarkt eine Etage tiefer. Dass dieses mehr Kalorien hat, als ich soeben am «Kilimandscharo» abgestrampelt habe, sehe ich Gott sei Dank zu spät.
© Beobachter Ausgabe 13 vom 25. Jun 2008 - Alle Rechte vorbehalten
