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Selbstständigkeit

Riskantes Unternehmen

Text:
  • Daniel Benz
  •  und Birthe Homann
Ausgabe:
4/03

Drohende Arbeitslosigkeit veranlasst viele Erwerbstätige, ihr Glück mit der Gründung einer eigenen Firma zu versuchen. Doch statt in die Unabhängigkeit kann der Alleingang leicht in die Armut führen.

Draussen ist es kalt und grau. Wer an diesem frostigen Januarabend die ETH Zürich betritt, kann etwas positive Stimmung gut gebrauchen. Die Menschen in der Halle sprühen vor Optimismus, die Zeichen stehen auf Aufbruch.

«Firmengründung leicht gemacht» heisst das Motto der Messe. An 20 Informationsständen wird das Hohelied des freien Unternehmertums gesungen. In einem der aufliegenden Hochglanzheftchen ist zu lesen: «Die Zukunft gehört den Optimisten. Die ungebrochene Tatkraft ist es, die bewegt, verändert, erneuert und die Unbill erträglich macht.»

Mitorganisator Marc Hamburger vom Start-Gründungszentrum Zürich spricht von einem «vollen Erfolg». Über 500 Besucher seien gekommen, deutlich mehr als im Vorjahr. Wenn die Arbeitgeber im grossen Stil Stellen abbauen und ganze Abteilungen auslagern, steigt bei den Erwerbstätigen das Interesse für den Schritt in die berufliche Unabhängigkeit.

 

Mehr Firmen, Mehr Konkurs

 

Damit verstärkt sich der Trend der letzten Jahre zusätzlich. Seit 1992 hat sich die Zahl der Selbstständigen in der Schweiz von 572000 auf 670000 Personen erhöht. Das sind rund 17 Prozent der Erwerbsbevölkerung, ein Spitzenwert in Europa. Allein im vergangenen Jahr sind gegen 31000 neue Firmen entstanden.

 

Doch die Statistik des Verbands Creditreform, einer Fachstelle für Wirtschaftsauskünfte, deckt die Kehrseite auf: Auch die Konkurse haben zugenommen – im Jahr 2002 um rund elf Prozent. Und die Langzeiterhebung zeigt, dass fast die Hälfte der Unternehmen die ersten fünf Jahre nicht überlebt (siehe Nebenartikel «Selbstständigkeit: Anfänglich hohes Konkursrisiko»).

Hinzu kommt, dass Firmeninhaber, die sich durchbeissen, ein deutlich grösseres Armutsrisiko eingehen als Beschäftigte im Angestelltenverhältnis. Gemäss der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung muss fast jeder fünfte Selbstständigerwerbende mit einem Einkommen von weniger als 3000 Franken im Monat auskommen; von den Angestellten unterschreitet nur etwa jeder fünfzehnte diese Grenze. Die Ursachen liegen auf der Hand: Selbstständige müssen die Kosten für ihre soziale Absicherung allein tragen, kennen keine Lohnfortzahlung bei Krankheit und haben bei Auftragsflauten selber zu schauen, wie sie sich über Wasser halten.

In der Start-up-Euphorie werden diese Aspekte jedoch gern ausgeblendet. Eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft zeigt, dass die meisten aus Idealismus selbstständig werden: Für vier von fünf Gründerpersonen steht der Wunsch nach Unabhängigkeit an erster Stelle. Weiter werden Selbstverwirklichung und die Umsetzung eigener Ideen genannt.

Das waren auch die Motive der jungen Coiffeuse Vanessa Traber, die letzten Sommer ihren eigenen Salon in Richterswil am Zürichsee aufgemacht hat: «Ich habe meinen Traum verwirklicht – auf eigenen Beinen zu stehen.» Erst langsam merkt Traber, worauf sie sich eingelassen hat: Viel Arbeit und wenig Lohn sind die Schattenseiten ihrer Risikofreude, denn die Durststrecke ist lang (siehe Nebenartikel «So machte ich mich selbstständig»).

Während bei Vanessa Traber die selbstständige Erwerbstätigkeit gewollt war, werden andere durch äussere Einflüsse zum riskanten Gang ins Ungewisse gedrängt. Carlo Knöpfel, Sozialwissenschaftler und Mitverfasser des Caritas-Positionspapiers «Prekäre Arbeitsverhältnisse in der Schweiz», bestätigt: «Die Selbstständigkeit ist immer häufiger ein Befreiungsschlag aus der Arbeitslosigkeit.»

Das merkt man in den Arbeitsämtern im ganzen Land. Deutlich mehr Arbeitslose lassen sich über den beruflichen Alleingang und die Möglichkeiten einer Starthilfe beraten. Die Arbeitslosenversicherung gewährt maximal 60 besondere Taggelder für einen Geschäftsaufbau. Rege gefragt sind auch die entsprechenden Beratungsangebote der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren.

Bei der Zürcher Fachstelle für Selbstständigerwerbende hat sich 2002 die Besucherzahl gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. «Viele Leute kommen aus einer Notlage», weiss Stellenleiter Donato Ponzio. «Wegen der schlechten Perspektiven auf dem Stellenmarkt entscheiden sie sich vermehrt für eine eigene Firma.» Die meisten gründen einen Einmannbetrieb oder eine Kleinstfirma. «Und leider», so Ponzio, «allzu oft mit unrealistischen Projekten und Erwartungen.» Dann ist das Unglück programmiert.

 

Hochseilakt ohne Auffangnetz

 

Auch Marcus Messmer sah keinen anderen Ausweg, als sich als Selbstständiger vor der drohenden Arbeitslosigkeit zu retten (siehe Nebenartikel «So machte ich mich selbstständig»). Als Pächter übernahm er eine Schulcafeteria in der Basler Innenstadt. Er hatte eine Grundausbildung im Gastrobereich absolviert und fühlte sich als Kaufmann fähig, den Betrieb zu führen. Doch nach nicht einmal einem Jahr waren seine Ersparnisse aufgebraucht – er musste Konkurs anmelden.

 

Besonders gravierend: Der 55-Jährige hatte sein gesamtes Pensionskassenvermögen in das Projekt gesteckt. Weil er sich als Selbstständigerwerbender nicht gegen Arbeitslosigkeit versichern kann, war der Absturz umso schlimmer. Das Beispiel zeigt: Die Selbstständigkeit ist ein Hochseilakt – aber ohne Netz. Nur dank der Unterstützung seiner Familie ist Marcus Messmer heute kein Sozialfall.

 

Spätfolgen der Rezession

 

Weil andere dieses Glück nicht haben, bekommen die Fürsorgestellen die Auswirkungen von missglückten Firmengründungen zu spüren. Beim Sozialamt der Stadt Bern etwa hat sich die Zahl der unterstützungsbedürftigen Ex-Unternehmer im vergangenen Jahr um mehr als ein Viertel erhöht. Auch in Basel machen die gescheiterten Selbstständigen mittlerweile «eine ansehnliche Gruppe» aus, sagt Alfred Trechslin, Leiter der Sozialberatung bei der städtischen Sozialhilfe.

 

Für ihn ist diese Erscheinung eine Spätfolge der Rezession in den neunziger Jahren. Diejenigen, die während der letzten Konjunkturbaisse eine neue Firma aufbauten, seien heute noch nicht über die kritische Durststrecke hinweg und liefen nun auf Grund. «Viele dieser Leute haben mit angespartem Kapital alles auf eine Karte gesetzt und verfügen nun über nichts mehr, worauf sie zurückgreifen können. Es ist sehr schwierig, ihnen angemessen zu helfen», sagt Trechslin. «Da kommen gravierende Probleme auf uns zu.»

Dieser Ansicht ist auch Carlo Knöpfel, der sozialpolitische Vordenker von Caritas Schweiz. Er fordert Massnahmen zur besseren sozialen Absicherung der Einzelunternehmer. «Das Ziel muss sein, den Gang zum Sozialamt zu verhindern. Also den Weg zurück offen zu halten, falls es mit dem Alleingang schief geht.» Dass trotz offensichtlichem Handlungsbedarf auf dem politischen Parkett Funkstille herrscht, habe mit dem gängigen Verständnis von Selbstständigkeit zu tun. «Die Vorstellung, dass echtes Unternehmertum keine Hilfe braucht, hält sich hartnäckig.»

Sein Lösungsansatz: Selbstständigerwerbende müssen sich gegen Arbeitslosigkeit versichern können – zumindest drei Jahre vom Zeitpunkt der Firmengründung an. Gegenüber der gültigen Regelung wäre das ein deutlicher Fortschritt: Heute erlischt der Anspruch auf Arbeitslosengelder zwei Jahre nach Eintritt der Arbeitslosigkeit. Wer für den Aufbau seiner Firma beispielsweise anderthalb Jahre Vorbereitungszeit braucht, fällt heute bereits sechs Monate später aus dem Schutzsystem.

Caritas-Mann Knöpfel fordert ein generelles Umdenken: «Die gesetzlichen Spielregeln müssen dem strukturellen Wandel im Arbeitsmarkt folgen.» Denn die neuen Realitäten sehen so aus: Immer weniger Beschäftigungsverhältnisse sind gesichert; immer mehr Menschen arbeiten auf Abruf, bringen sich mit Teilpensen über die Runden oder leben von Heimarbeit (siehe Nebenartikel «Zweifelhafte Angebote in Kleinanzeigen»).

 

«Moderne Form der Sklaverei»

 

Unter dem Buchtitel «New Work» hat sich Willy Rüegg vom Kaufmännischen Verband Zürich vertieft mit neuen Arbeitsmodellen befasst, die sich im Graubereich der Gesetzgebung befinden. Als besonders problematisch erachtet er die aufkommenden Formen der Scheinselbstständigkeit. Gemeint sind Arbeitsverhältnisse, bei denen die Betroffenen die volle unternehmerische Verantwortung tragen, faktisch aber an der Nabelschnur einer grossen Firma hängen. Rüegg: «Das ist eine einseitige Verlagerung des Risikos auf den Einzelnen.»

 

Gar von «einer modernen Form der Sklaverei» spricht Ruedi Wartenweiler. Der 47-jährige St. Galler, gelernter Landwirt und lange Zeit im Baugewerbe tätig, machte entsprechende Erfahrungen als Betreiber eines Tankstellenshops (siehe Nebenartikel «So machte ich mich selbstständig»). Die rigiden Bestimmungen im Franchising-Vertrag mit der Mutterfirma liessen ihm keinen Spielraum zur Entfaltung nach eigenem Gusto. So hart er auch arbeitete – Wartenweiler kam auf keinen grünen Zweig. Heute stellt er fest, dass es nicht an seinen Fähigkeiten als Einzelunternehmer lag: Nach vorübergehender Arbeitslosigkeit hat er einen zweiten Anlauf gewagt – diesmal als echter Selbstständiger. «Ruedi’s Shop» in Amriswil ist gut angelaufen.

 

Unfreiwillig Selbstständig

 

Mit der Scheinselbstständigkeit kämpfen auch die Vertragsfahrer im Transport-gewerbe. Viele Unternehmen beschäftigen als so genannte Subunternehmer Chauffeure, die nur für ihre Firma fahren dürfen, jedoch keine Garantie für Aufträge haben – sehr wohl aber die Verantwortung dafür, dass die Ladung pünktlich am Bestimmungsort eintrifft, ein allfälliger Stau am Gotthard hin oder her.

 

David Piras, Generalsekretär der Gewerkschaft Routiers Suisses, schätzt, dass sich etwa zehn Prozent aller 50000 Lastwagenchauffeure in der Schweiz auf dieses risikobehaftete System einlassen. Bei weitem nicht immer freiwillig. Die Unternehmen würden die Fahrer knallhart vor die Wahl stellen: Entweder werde als Vertragsfahrer gearbeitet, oder sie müssten gehen. Kein Wunder, entscheiden sich viele für die erste Option.

Bei der Aargauer Firma Setz AG sind zwei Drittel der Chauffeure Selbstfahrer. Und bei der Planzer AG, der grössten Schweizer Transportfirma, sind es 350 von insgesamt 1000 Fahrern. Auf der Homepage von Planzer heisst es, die Vertragsfahrer seien «Subunternehmer mit Exklusiveinsatz» – für Planzer, versteht sich. Ein Lastwagen kostet je nach Modell zwischen 160000 und 240000 Franken, die der angeblich unabhängige Chauffeur aufbringen muss. Vielfach geben die Transportfirmen ihren Subunternehmern auch noch ein Darlehen für den Wagenkauf. So sind die Fahrer gleich doppelt von ihrer Firma abhängig: Sie schulden ihr Geld und sind auf ihre Aufträge angewiesen. «Eine schlimme Spielart von Ausbeutung», entrüstet sich Gewerkschafter Piras.

«Wir kennen das Problem nur zu gut», sagt Paul Cadotsch, Bereichsleiter Finanzierung AHV beim Bundesamt für Sozialversicherung. Bei den Gesuchen von Lastwagenfahrern um den Status als Selbstständige entscheide die AHV-Stelle deshalb oft negativ, um die Antragsteller zu schützen. «Ausschlaggebend sind dabei die grosse Abhängigkeit und der Umstand, dass das Fahrzeug wirtschaftlich gesehen dem Auftraggeber gehört.»

 

Starthilfe reicht oft nicht

 

Generell stellt Cadotsch fest, dass die Arbeitgeber ihre Angestellten in letzter Zeit vermehrt dazu drängen, sich selbstständig zu machen. «So sparen sie Kosten.»

 

Viele Grosskonzerne setzen auf diese Strategie. Im Rahmen ihres Gründerprogramms Co-Motion ermuntert etwa die Swisscom, die eben den Abbau von über 1000 Stellen angekündigt hat, von der Restrukturierung betroffene Angestellte zur Variante Selbstständigkeit. Der Sprung in die freie Wildbahn wird mit einem Startkapital von 50000 Franken abgefedert. Echte Hilfe – oder bloss eine imagebewahrende Problembeseitigung? Projektleiter Eugen Kümin gibt sich diplomatisch: «Es ist eine faire Lösung, für beide Seiten.» Schliesslich überlasse man die Neuunternehmer nicht blindlings ihrem Schicksal, sondern bereite sie sorgfältig auf lauernde Gefahren vor.

Langfristig lässt sich von Kulanz des einstigen Arbeitgebers freilich nicht zehren. Diese Erfahrung machte der in der Chemiebranche tätige Hans Peter (siehe «Das Genick gebrochen», Seite 26). Der 58-jährige Basler Ingenieur war 1997, nach 25 Jahren als Angestellter bei Ciba, im Zuge der Novartis-Fusion überzählig geworden. Die grosszügige Abgangsentschädigung nutzte er zum Aufbau einer eigenen Kleinfirma im gleichen Segment.

Gut fünf Jahre später musste er jedoch kapitulieren: Weil er für sich und die Angestellten Lohn und Sozialabzüge einkalkulieren musste, konnte er im Kampf gegen die Dumpingpreise der Konkurrenz nicht mehr mithalten. Die Lust am Unternehmertum ist dennoch ungebrochen – einfach nicht in der Schweiz: Hans Peter plant, in Serbien eine privatisierte Käserei zu übernehmen. «Dort lässt sich mit Pioniergeist noch etwas erreichen», sagt er.

 

Ganz oder gar nicht

 

Vor knapp 20 Jahren war auch der heute 40-jährige Christoph Hochstrasser ein Pionier: Er gründete eine der ersten privaten Brockenstuben der Schweiz (siehe Nebenartikel «So machte ich mich selbstständig»). Hochstrasser ist heute noch erfolgreich. Als Grund für den Erfolg bezeichnet er in erster Linie das massvolle Wachstum seiner Firma. Positiv habe sich auch ausgewirkt, dass er sich sehr jung selbstständig gemacht habe, als er noch mit wenig Geld zurechtkam und geringe Ansprüche hatte.

 

Mass halten und Verzicht üben als Rezept gegen den Absturz? Dass das heute noch funktioniert, ist zu bezweifeln. An der Gründermesse in der ETH lautete die Botschaft jedenfalls anders: ganz oder gar nicht. Und im erwähnten Hochglanzheftchen heisst es fatalistisch: «Wer viel wagt, verliert auch mal.» Diese Erkenntnis steht allerdings auf der letzten Seite.

© Beobachter Ausgabe 4 vom 21. Feb 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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