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Hellseher tappen im Dunkeln

Text:
  • Andrea Haefely
Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
26/05

Zum Jahreswechsel fragen sich viele, was die Zukunft wohl bringen möge. Der Beobachter hat diese Fragen bereits im Frühling gestellt und vergleicht die Prognosen mit der Realität.

Es ist März und kalt für die Jahreszeit. Doch drinnen, im Kongresshaus Zürich, locken Wärme, Licht und nicht zuletzt die Zukunft – an der Esoterikmesse «Lebenskraft 2005». Im Foyer raubt einem das Duftöl in der Luft fast den Atem. Auf dem Weg zur Erleuchtung im ersten Stock lasse ich ein verloren wirkendes Grüppchen Musizierender links liegen.

Stolze 22 Franken hat die Tageskarte fürs Esoterikparadies gekostet. Doch wer wirklich etwas erfahren will, muss tiefer in die Tasche greifen: 80 bis 150 Franken kostet eine halbstündige Sitzung bei einem der anwesenden Hellseher.

Dutzende von Wahrsagern, Hellsehern und Artverwandten buhlen um Gunst und Geld der Besucher. Ich kämpfe mich durchs Gedränge und muss bald merken, dass es nicht so einfach ist, einen Sitzungstermin zu erhalten: Zu viele suchen Rat bei den selbst ernannten Hellsichtigen.

Als Erste wird Manuela Hollmann – Eigenwerbung: eine der 63 besten Wahrsagerinnen Deutschlands – einen Blick in meine Zukunft werfen. Ihr Plus: So konkret wie sie ist sonst niemand. Damit hat auch kein anderer die Chance, so gnadenlos danebenzuliegen wie sie. So sollte ich innert zehn Monaten schwanger werden. Doch die Zeit ist bis jetzt im wahrsten Sinn des Wortes fruchtlos verstrichen. Ob sich das im letzten Moment noch ändern wird, bezweifle ich. Im September hätte mir eine Wohnung angeboten werden sollen, der Umzug im Dezember sollte folgen. Tatsächlich lag Frau Hollmann ein halbes Jahr daneben: Der Vertrag für die neue Wohnung war zum Zeitpunkt ihrer Prognose schon unterschrieben, gezügelt wurde im April. Richtig lag sie hingegen in Gelddingen: Zwischen November und Dezember sei ein Geldeingang zu erwarten. Klar, der 13. Monatslohn fand sich wie jedes Jahr auf dem Konto ein. Mit den Unstimmigkeiten in ihren Voraussagen konfrontiert, verteidigt sich Hollmann so: «In der Hektik der Messe kann es zu zeitlichen Verschiebungen kommen.»

Versagen können nur die anderen


150 Franken kostet eine halbstündige Séance bei Marica Henning-Bzenic. Dafür wird auch einiges geboten. Als «Bhaltis» gibts eine Aufzeichnung des Gesprächs. Und dank Schnellsprechtechnik hat wesentlich mehr Zukunft auf der Kassette Platz als bei der Konkurrenz. Der weibliche Dieter Thomas Heck der Eso-Szene rattert Persönlichkeitsanalyse, Zukunft und gute Tipps in einem Tempo herunter, dass mir fast schwindlig wird.

Die prognostizierten beruflichen Veränderungen, etwa durch eine Fusion unseres Verlags oder einen Umzug der Firma, sowie der blonde Mann, der an die Stelle meines nicht zu mir passenden, dunkelhaarigen Partners treten sollte, haben ebenso die Frist vesäumt wie Gott und die Engel, die zu mir hätten sprechen sollen. «Ich bin nur der Wegweiser», sagt Henning-Bzenic heute und gibt einen dezenten Hinweis darauf, dass nicht sie, sondern ich selbst versagt hätte: «Wenn die Ereignisse nicht eintreffen, liegt das daran, dass Sie selber beschleunigen oder verlangsamen.»

Dass sie mich als «Lichtträgerin» sieht, gleichsam dazu auserkoren, «als weltliche Nonne und grosse Schwester der Menschheit» für andere zu wirken und in universaler Liebe der Menschheit zu dienen, stimmt versöhnlich.

Und Recht hatte die Blondine von Coiffeurs Gnaden zumindest darin, dass heuer nicht geheiratet wurde. Da sie nicht die einzige Hellseherin ist, die an meinem Partner zweifelt, bin ich froh, dass ich meinerseits bezüglich Zukunftsprognosen meine Zweifel habe.

Medium Susann Gigandet ist mit 80 Franken inklusive Kassette die günstigste Zukunftsseherin. Kaum ist der Rekorder eingeschaltet, schliesst sie die Augen und berichtet, was sie «sieht»: Nach tanzenden Indianern, einer Blumenwiese und einem Clown auf meinen Schultern erscheint mein Bild vor ihrem innern Auge. Sie sieht mich in der Gebärmutter, meiner eigenen, wohlverstanden. Dies bedeute, so das Medium, dass ich noch nicht ganz fertig sei. Dann taucht Erzengel Sandolphon auf. Er begleite mich schon eine Weile, meint Gigandet. Mir war er bislang unbekannt.

Das Medium wird ganz konkret: Ich solle mich selbstständig machen, die Lichtatmung erlernen. Dabei werde «der Lichtstrahl aus dem Herzzentrum in die beiden Hirnhälften eingeatmet und über die Vagina oder den Dickdarm wieder ausgeatmet». Dies helfe bei Verstopfung. Meinen Einwand, dass ich da beschwerdefrei sei, wischt sie mit der Bemerkung weg, Lichtatmung helfe auch sonst, etwa bei Krebs.

Vorsicht vor den falschen Farben!


Auf das Gesichter- und Händelesen hat sich Rachel Aeschbach spezialisiert. Sie versteht es vor allem, Komplimente zu machen: Ich sei gefühlvoll, topfit, intelligent, willensstark, prinzipientreu und kreativ äusserst begabt – könne aber auch mit Geld umgehen.

Und damit nicht genug: Ich verfüge auch über mediale Fähigkeiten, hätte die Gabe, mit Händen und Augen zu heilen, verfüge gar über Wissen von Atlantis. Es folgt ein dezenter Hinweis auf Kurse, in denen man lernt, eben diese Fähigkeiten auszubauen. Natürlich bietet auch Rachel Aeschbach entsprechende Kurse an.

Zuletzt konsultiere ich Mike Shiva. Das aus Funk und Fernsehen bekannte, multimediale Medium widerspricht sich allerdings öfters und lässt sich nicht auf die Äste hinaus: «Für 2005 ist alles blockiert.» Dafür rettet er mich vor dem angeblich sicheren Tod. Ich solle auf keinen Fall Gelb-Schwarz tragen, lautet sein konkreter Rat für mein Leben. Diese Farbkombination habe bei Menschen wie mir schon zum Tod geführt. Nach 20 statt der versprochenen 30 Minuten beendet Shiva die Sitzung. Sein starkes Make-up hat in in der Hitze der Ausstellungsräume schon arg gelitten. Es war wohl nicht nur für mich ein anstrengender Tag.

© Beobachter Ausgabe 26 vom 22. Dez 2005 - Alle Rechte vorbehalten

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