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Vergesslichkeit

Das Gedächtnis spielend auf Trab halten

Text:
  • Bettina Looser
Ausgabe:
8/01

Es passiert fast jedem: Mitten im Telefonieren vergisst man den Namen des Anrufers. Im Laden weiss man nicht mehr, was man posten wollte. Gehirntraining schafft Abhilfe – zum Beispiel mit Denkspielen im Internet.

«Meine Mutter massierte mir früher vor jeder Prüfung meine Ohren», erzählt Gion Maurer, «und zwar so lange, bis sie rot und heiss waren und sich anfühlten, als seien sie riesengross. Das stärke das Gedächtnis, meinte sie im Beschwörungston.» Auf diese Weise vorbereitet, erinnere sich sein Gedächtnis zuverlässig an die wichtigen Dinge – lasse aber ärgerlicherweise die kleinen Informationen wie Namen, Nummern oder E-Mail-Adressen öfter mal sausen.

 

Computer als Sparringpartner

«Ein ganz normales und weit verbreitetes Phänomen, das sich beheben lässt», sagt Albert Wettstein, Zürcher Stadtarzt und Chefarzt der Memoryklinik Zürich. Bei Gesunden bringe ein Gehirntraining eine messbare Leistungssteigerung. Lernwilligen rät Wettstein, sich im Internet geeignete Übungen zu suchen.

 

Gion Maurer beherzigte den Rat. «Geistiger Abbau beginnt ab 40 – heftiges Gehirnjogging hilft», meldete die Online-Ausgabe der deutschen Ärztezeitung. Hier erfuhr er auch, dass «zu wenig Vitamin A in der Nahrung die Vergesslichkeit fördert», dass «Verliebte nicht klar denken» und dass «das Gedächtnis uns Streiche spielt bei Stress». Müsste er also seiner geistigen Fitness zuliebe nicht nur Gehirnjogging betreiben, sondern auch Karotten essen, sich nicht verlieben und jeglichen Stress vermeiden? Wettstein winkt ab: «Bierernst bringt gar nichts.» Sein Ratschlag lautet: Locker bleiben, das erhalte die Motivation. Und nicht mehr als eine halbe Stunde täglich üben, sonst komme es zu einer Überforderung des Systems: «Wer zwei- bis dreimal pro Woche ein Denkspiel macht, erzielt bereits einen respektablen Erfolg.»

 

Übungen und Denkspiele finden sich im Netz zuhauf. Das einfache Memoryspiel gegen den Computer eignet sich nur für ein erstes Warmlaufen. Gion Maurer stiess im Netz jedoch auf wahre Spielwiesen für Knobelwillige. Da er von nun an regelmässig neue Denkspiele kennenlernen will, bestellte er bei einem Spielanbieter ein wöchentliches Knobel-Mail. 

 

Maurer fand im Internet auch eine ganze Reihe simpler Merkmethoden für Namen oder Nummern, die er anhand von Übungen sofort umsetzte. Bei der Forum-Romanum-Methode etwa sollen die Zahlen oder Begriffe in einem echten oder einem imaginären Spaziergang mit verschiedenen Orten verknüpft werden. Gion Maurer startete einen Selbstversuch und ordnete den Einkaufszettel seinem Arbeitsweg zu: die Tomaten der Haustür, den Salat der Bäckerei, den Kaffee der Busstation, die Milch der Tramstation und so weiter. Auf der abendlichen Einkaufstour schritt er ganz gelassen die verschiedenen Stationen seines Arbeitswegs im Geist nochmals ab und erinnerte sich spielend an die ganze Liste.

 

«Ich finde es sinnvoll, solche Merkmethoden und Denkspiele aus dem Internet zu holen», sagt Gedächtnisexperte Wettstein, «doch wer sich ausschliesslich im Netz bewegt, tut seinem Gehirn nichts Gutes.» Es sei unerlässlich, auch den Körper zu trainieren: «Nur wenn der Ausgleich stimmt, verbessert sich die Gedächtnisleistung.» Und keinesfalls dürfe das Internettraining den sozialen Kontakt als einen der wichtigsten Gesundheitsfaktoren beeinträchtigen. «Am besten lässt sich das Gehirn noch immer bei einem Jass mit Freunden auf Trab bringen.»

 

Das Gehirn schätzt Pausen

Senioren empfiehlt Albert Wettstein Gedächtnistrainings der Migros-Klubschule oder der Pro Senectute: «Hier wird nicht nur geübt, sondern auch gelacht. Und ein zufriedenes Gemüt kann sich besser erinnern.» Oft seien Depressionen und Missbrauch von Medikamenten oder Alkohol verantwortlich für Gedächtnisstörungen.

 

Ebenso wichtig wie Gehirnakrobatik ist laut Wettstein die Entspannung danach. Also informierte sich Gion Maurer zum Abschluss seines Gehirnjoggings auf der Seite www.stangl-taller.at, weshalb das Gehirn Zeit und Ruhe braucht, um das Gelernte zu speichern. Dann liess er den Computer stehen und genoss einen Kaffee. Das Gedächtnis war ihm dankbar.

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© Beobachter Ausgabe 8 vom 13. Apr 2001 - Alle Rechte vorbehalten

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