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Zahnarzt

Der Horror hat viele Gesichter

Text:
  • Vera Sohmer
Bild:
  • Jupiterimages Stock-Kollektion
Ausgabe:
10/08

Zum Zahnarzt geht niemand gern. Aber viele Patienten fürchten sich derart davor, dass sie sich erst in die Praxis trauen, wenn die Schmerzen unerträglich geworden sind. Das muss nicht sein.

Schätzungsweise zwei Drittel der Bevölkerung beschleicht ein mulmiges Gefühl, wenn sie an den Zahnarzt denken oder auf dem Behandlungsstuhl liegen. Dieses Ziehen in der Magengegend ist aber kein Vergleich zu dem, was Menschen mit ausgeprägter Zahnarzt-Angst durchmachen. Haben sie sich endlich überwunden, die Praxis aufzusuchen, brechen sie in schiere Panik aus. Sie zittern vor Angst, bekommen Herzrasen, Schweissausbrüche, Weinkrämpfe, Durchfall und Übelkeit - bis hin zum Kreislaufkollaps.

 

Zahnarzt-Angst, die sogenannte Dentophobie, gräbt sich tief ins Unbewusste ein. Jemand, der als Kind schmerzhafte Behandlungen erleben musste, könne das auch als Erwachsener nicht vergessen, sagt Zahnarzt Christoph Weber aus Schindellegi SZ. Oft werden auch Ängste der Eltern auf die Kinder übertragen oder von älteren Geschwistern auf die jüngeren. «Und manchmal findet sich einfach keine rationale Begründung; das ist typisch für Phobien», sagt Zahnarzt Markus Schulte aus Luzern, der sich auf Angstpatienten spezialisiert hat.

Die Zeit arbeitet gegen Sie

Die Folgen können fatal sein. Den Patienten ist bewusst, dass sie zum Zahnarzt gehen müssten. Doch sie schieben die Behandlung vor sich her und nehmen in Kauf, dass ihre Zähne immer schlechter werden. Entzündungen, Karies und Schmerzen machen sich breit. Die Beschwerden werden bei manchen Betroffenen so schlimm, dass sie es ohne Medikamente nicht mehr aushalten und das Zähneputzen kaum mehr möglich ist. Und mit der Zeit schämen sie sich, trauen sich nicht mehr zu lachen, verkrampfen sich beim Sprechen, wagen sich nicht mehr unter die Leute. Ein Teufelskreis, der zu sozialer Isolation führen kann. «Das Schlimmste aber ist, dass Dentophobiker mit kaum jemandem über ihre Angst sprechen können, ohne ausgelacht zu werden», hat Schulte beobachtet. Es gebe sogar Zahnärzte, die keinerlei Verständnis haben für diese extreme Form der Angst.

Entspannen mit Lachgas

Dabei gibt es spezielle Methoden, mit denen sich die Furcht lindern lässt - und manchmal gar ganz verschwindet. Spezialist Schulte verwendet Lachgas. Über eine kleine Nasenmaske atmet der Angstpatient während der Behandlung ein Gemisch aus Lachgas und Sauerstoff ein. Gleichzeitig lauscht er über Kopfhörer entspannender Musik. Angst, Stress und Verspannung lösen sich schon nach kurzer Zeit. Der Patient gleitet hinüber in einen tranceähnlichen Zustand, ist ruhig und hängt seinen Gedanken nach.

Weitere Vorteile laut Schulte: Lachgas mindert den Würgereiz, unter dem viele Angstpatienten leiden. Kleinere Behandlungen sind wegen der schmerzstillenden Wirkung ohne Spritze möglich. Jene Patienten, die eine Spritze brauchen, merken den Einstich nicht. Und noch ein positiver Effekt: Ist die Behandlung gut verlaufen, verliert der Patient die «Angst vor der Angst». Viele können danach sogar ohne Lachgas behandelt werden. Die Methode hat keine Nebenwirkungen. Nur selten wird einem Patienten übel davon. Allerdings: Eine Behandlung mit Lachgas kostet zusätzlich bis zu 200 Franken.

 

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Wer tief schläft, lernt nichts

Lachgas ist aber nicht für alle Angstpatienten geeignet: «Manche Leute habe Probleme damit, loszulassen und die Kontrolle über sich ein Stück weit aufzugeben», sagt Schulte. Andere Patienten leiden zusätzlich zur Zahnarztangst unter Klaustrophobie und fühlen sich durch die Nasenmaske eingeengt. Hier brauchts andere Beruhigungsmittel (siehe «Dentophobie», unten).

Zurückhaltend eingesetzt wird Vollnarkose. Sie wird nur dann verabreicht, wenn alle anderen Methoden versagen. Der Grund: Patienten können abhängig davon werden, selbst einfache Füllungen sind dann nur noch mit Vollnarkose möglich. Ausserdem lernt der tief schlafende Patient nicht das, was er eigentlich lernen sollte: die Phobie abzubauen und zu merken, dass eine Zahnbehandlung nicht automatisch mit Schmerzen verbunden ist.

Dentophobie: So verliert der Bohrer an Schrecken
  • Geben Sie sich schon als Angstpatient zu erkennen, wenn Sie einen Termin vereinbaren. So kann sich Ihr Zahnarzt darauf einstellen und mit Ihnen geeignete Behandlungen besprechen. Eine Übersicht der Praxen, die spezielle Methoden für Angstpatienten anwenden, findet sich auf der Homepage der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft: www.sso.ch.

  • Einige Zahnärzte wenden bei Angstpatienten Hypnose an. Sie dämpft die Angst und das Schmerzempfinden. Patienten werden in leichte Trance versetzt, sie können dabei die Zahnbehandlung aus dem Bewusstsein ausklinken. Meist braucht es ein oder zwei Sitzungen zum Üben. Eine Liste von Hypnose-Zahnärzten findet sich bei der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Hypnose: wwww.smsh.ch.

  • Eine Alternative zum Bohrer ist der Laser. «Die Geräte arbeiten geräusch- und schmerzärmer, sind bislang aber nur für kleinere Reparaturen geeignet», sagt Zahnarzt Christoph Weber. Dasselbe gilt für Ultraschallgeräte. Wer Angst vor dem Bohrer hat, kann nach Carisolv-Gel fragen. Das Gel wird auf den kranken Zahn aufgetragen und «frisst» Karies weg. Nachteil: Die Behandlung dauert lange.

© Beobachter Ausgabe 10 vom 14. Mai 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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