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Zivilcourage
Hätten Sie in dieser Situation eingegriffen?
Wie hilfsbereit sind Passanten, wenn ein Mann eine Frau bedroht? Der Beobachter machte die Probe aufs Exempel und liess zwei Schauspieler auf offener Strasse mehrmals eine Gewaltszene spielen.
Nebenartikel
Am Triumphbogen auf dem Luzerner Bahnhofplatz, kurz vor ein Uhr mittags. Ein massiger Mann bedrängt eine zierliche junge Frau. Folgt ihr, packt sie am Arm, reisst an ihrer Tasche. Leute gehen vorbei, ein älterer Mann hält kurz neben den beiden an, grinst, schaut weg, schaut noch mal hin. Und wieder weg. Rund 15 Personen befinden sich in unmittelbarer Nähe der Szene, die immer gröbere Züge annimmt. Keiner hilft der Frau, die offensichtlich in Not ist und mittlerweile lautstark um Hilfe fleht. Ein Buschauffeur, der sich keine zehn Meter entfernt in seiner kurzen Pause die Beine vertritt, steigt ungerührt wieder ein. Passanten drehen sich auf der Rolltreppe um, schauen noch mal genau hin, fahren weiter Richtung Soussol. Schliesslich erbarmt sich eine Frau in mittlerem Alter der Bedrängten, peilt den nächsten Mann an und bittet ihn um Hilfe. «Chömed Si doch go hälfe, Si sind en Ma!»
Instinktiv richtig gehandelt
Susanne Hartmann, so der Name der couragierten Frau, hätte mit ihrem beherzten Eingreifen wohl Schlimmeres verhindert - wenn es denn ein Ernstfall gewesen wäre: Tatsächlich war die Szene nur gespielt. Opfer wie Täter waren Schauspieler. Viviane Lang spielte die junge Frau, Michael Karch den Angreifer. Ziel war es herauszufinden, wie hilfsbereit Passanten sich verhalten, wenn am helllichten Tag eine Frau massiv belästigt und bedroht wird.
«Als ich merkte, dass es kein harmloser Streit ist, dachte ich, ich müsse Männer organisieren», erklärt Susanne Hartmann, sichtlich bewegt und noch immer leicht ausser Atem von der Aufregung. «Ich wusste ja nicht, was der Kerl sonst noch vorhat.» Susanne Hartmann hat instinktiv genau so gehandelt, wie es die Polizei empfiehlt: sich mit anderen Passanten organisieren, den Täter wissen lassen, dass er beobachtet wird und dass vermutlich jemand die Polizei rufen wird.
Die beiden Schauspieler nehmen einen neuen Anlauf, wieder geht Karch der jungen Frau nach, bedroht sie, pöbelt sie an, schubst sie herum, brüllt. Mirco Säuberli, 18, fackelt nicht lange. Noch im Gehen zieht er seine Hip-Hopper-Jacke aus, wirft sie zu Boden und herrscht den ihm an Körpermasse weit überlegenen Pöbler an: «Lan die Frau in Rueh oder ich moch dich fertig.» Bevor die Situation weiter eskaliert, löst der Beobachter die Szene auf. «Echt?», fragt Säuberli, dem Frieden noch nicht so ganz trauend und die Hände noch zu Fäusten geballt: «Scheisse. Wenn einer eine Frau so blöd anmacht, dann muss ich einfach etwas tun. Ich dachte, der sei besoffen.» Aber der pöbelnde Mann schien doch viel kräftiger zu sein als er? «Kein Problem. Ich habe zehn Jahre Judo gemacht, den hätte ich sicher flachgelegt», meint Mirco selbstbewusst, obwohl er gut einen Kopf kleiner ist als Schauspieler Karch. Unter Umständen ein gefährlicher Irrglaube. Gut möglich, dass der Gegner bewaffnet ist, plötzlich etwa ein Messer zieht. «Wir raten deshalb grundsätzlich davon ab, den Helden oder Hilfssheriff zu spielen - und sich damit eventuell selber zu gefährden», sagt Simon Kopp, Pressesprecher der Kantonspolizei Luzern.
Die meisten gehen einfach weiter
Nach Erfahrungen der Polizei stellt entschlossenes Eingreifen aber ohnehin die Ausnahme dar. «In solchen Situationen kommt es nur selten dazu, dass sich couragierte Personen zwischen die ‹Fronten› stellen und sinnvoll eingreifen», sagt Kopp. «Oft hoffen die Leute, dass ein anderer etwas tut, sie also nicht selber aktiv werden müssen.» Die Beobachter-Inszenierung in Luzern zeigt: Die meisten gehen tatsächlich einfach weiter, tun so, als hätten sie nichts bemerkt. Wie der ältere Herr, der wie ein Schlafwandler dicht an den beiden wild gestikulierenden und schreienden Schauspielern vorbeispaziert. Seine Miene bleibt betont ausdruckslos, schafft Distanz. Auch dann noch, als er von der jungen Frau direkt angesprochen wird: «Bitte hälfed Si mier!»
Erfreulich aber: Jedesmal reagierte jemand, bevor die Frau im realen Leben wirklich zu Schaden gekommen wäre. Auch Simon Steger half: «Wenn ein Mann auf eine Frau losgeht, greife ich schneller ein, als wenn zwei Halbwüchsige sich anpöbeln», sagt der 30-Jährige, der als Polizist auch beruflich mit solchen Situationen zu tun hat. Weitere Faktoren, die die Befragten als Grund für ihr Einschreiten nannten: die belebte Umgebung und die Tageszeit. «Wenn es Nacht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut gefunden einzuschreiten», erklärt Karin Fuster, 31, die der Schauspielerin zusammen mit ihrem Freund Martin Hugener zu Hilfe eilte. «Ich geriet selber mal in Gefahr, als ich nachts einem Kollegen in solch einer Situation helfen wollte. Seither bin ich vorsichtiger.»
«Ich sehe solche Szenen tagtäglich»
Augenfällig: Während des rund vier Stunden dauernden Experiments griffen überwiegend junge Männer ein, die sich dem Angreifer physisch gewachsen fühlten. Die zweite Gruppe couragierter Helfer: Frauen mittleren Alters wie Susanne Hartmann, die mangelnde körperliche Kraft mit Umsicht und Vernunft kompensierten.
Verblüfft beobachten die Eingeweihten schliesslich, wie Gregory Largiadèr den tobenden Schauspieler neutralisiert: Der 27-Jährige trennt ihn von seinem Opfer, indem er sich zwischen sie stellt, und spricht ruhig und bestimmt auf die beiden ein, während er beschwichtigende Handbewegungen macht. Nachher stellt sich heraus: Auch Largiadèr ist Polizist. «Ich sehe solche Situationen tagtäglich und weiss deshalb, wie man sie entschärft.»
Eine Szene später kann von Entschärfen nicht die Rede sein. Ein junger, muskelbepackter Mann mit Rapperfrisur geht ohne viel Federlesens auf den Schauspieler los. Packt ihn am Arm, am Revers. Ist kurz vorm Dreinschlagen. Schreit auf ihn ein. Die Luft ist aggressionsgeladen. Auch die Journalistin, die die Situation aufzulösen versucht, wird angerempelt, bedroht, rüde weggestossen. «Ich bi au kriminell, ich weiss, was isch», zischt der selbsternannte Retter in bestem «Gangsta»-Secondodeutsch. Nur mit Mühe und viel Lob für seine männliche Tat ist der Kerl davon abzubringen, die Fäuste sprechen zu lassen. Schliesslich zieht er schnaubend wie ein Stier von dannen.
«Sie müssen sie halt betreiben!»
Eine Portion Pragmatismus, aber auch Mut legt ein schüchtern wirkender Mann an den Tag, als Bösewicht Karch die zierliche Viviane Lang anherrscht: «Gib mer etz dä Stutz, gopferdammi.» Der Mann im blauen Regenmantel bleibt stehen, blickt durch seine Nickelbrille Karch fest ins Gesicht und sagt mit Empörung in der Stimme: «Wenn sie Ihnen Geld schuldet, müssen Sie sie halt betreiben!» Der Pöbler bleibt davon unbeeindruckt - Zeit, das Schauspiel abzubrechen.
So erlebten die Schauspieler die Situation
Michael Karch, 50: «Diejenigen, die eingegriffen haben, hatten ganz unterschiedliche Wirkungen auf mich. Es hing in erster Linie davon ab, wie nah sie mir kamen, wie sehr sie in meine Sphäre eindrangen.
Der 18-jährige Mirco hat mich zwar verbal bedroht, aber immer zwei, drei Meter Distanz gewahrt. So habe ich mich nicht angegriffen gefühlt. Das war gut, sonst hätte ich vielleicht selbst mit Aggression gekontert.
Der erste Mann, der eingriff - ein Polizist -, ist mir auch in Erinnerung geblieben. Bei dem habe ich gespürt: Der regt sich zwar extrem auf, aber er hat sich unter Kontrolle und wird mich nicht angreifen. Und das dämpfte meine eigene Aggression.
Anders war es bei diesem Gangsta-Typen. Der ist sofort auf mich los, hat mich verfolgt, hat mich angerempelt. Mein Adrenalinspiegel ging hoch, ich hatte das Gefühl, mich wehren zu müssen. In einem echten Fall hätte diese Situation wahrscheinlich in einer Prügelei geendet.»
Viviane Lang, 24: «Es fühlt sich entsetzlich an, wenn man in Not ist, einem aber niemand hilft. Wenn die Leute einfach doof glotzen und dann weitergehen. Auch wenn die Helfer verhältnismässig bald einschritten, sobald Michael physisch aggressiv wurde, schien mir die Zeit endlos, bis ich Hilfe erhielt. Man fühlt sich ohnmächtig, unsichtbar, wertlos. Und innerlich war ich wütend auf all die Passanten, die nichts unternahmen. Schliesslich hatte ich manche direkt angesprochen und um Hilfe angefleht.
Verblüffend war auch, dass man latente Aggression wirklich spürt, merkt, wie sie auch auf einen selber überschwappt. Und man merkt auch, ob sich jemand unter Kontrolle hat oder ob er demnächst zuschlagen wird.»
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© Beobachter Ausgabe 18 vom 29. Aug 2007 - Alle Rechte vorbehalten






