Medizinalhanf Wundermittel E-Cannabis?

Charlotte Figi
Charlotte Figi hatte bis zu 50 Epilepsieanfälle pro Tag – bis ihre Eltern ihr ein Cannabis-Öl verabreichten.

Hanf hilft bei verschiedensten Krankheiten. Wegen seiner berauschenden Wirkung ist er aber verboten. Nun gibt es legale Liquids für E-Zigaretten – ohne THC, dafür mit Cannabidiol.

Wer sich mit Cannabis als ­Arzneimittel befasst, kommt derzeit um drei Buchstaben nicht herum: CBD. Cannabidiol ist das aktuelle Zauberwort in der Medizinalhanfszene. CBD ist eng verwandt mit THC, dem Bestandteil der Hanfpflanze, der hauptsächlich den Rausch bewirkt – und doch so anders. Es ist eins von vielen in Cannabis enthaltenen Cannabinoiden und sozusagen der Gegenspieler des THC, denn es dämpft dessen psychoaktive Wirkung.

Wissenschaftlich ist über CBD noch nicht viel mehr gesichert. Doch spätestens seit der US-Fernsehsender CNN vor zwei Jahren über den Fall Charlotte Figi berichtete, herrscht ein Hype um das Cannabinoid. Die Neunjährige aus Colorado litt seit ihrem zweiten Lebensjahr am Dravet-Syndrom, einer besonders schweren Form von Epilepsie. Trotz Medikamenten hatte sie täglich bis zu 50 Epilepsie­anfälle – bis ihre Eltern ihr ein Cannabis-Öl verabreichten, das sie aus einer Hanfsorte mit sehr wenig THC, dafür mit umso mehr CBD herstellten. Und tatsächlich: Es half. Das Mädchen erleidet seither nur noch zwei bis drei nächtliche Attacken.

Viele wittern das grosse Geschäft

Solche Erfolgsmeldungen wecken natürlich Hoffnung und Begierde. Viele versuchen, auf den neuen Cannabiszug aufzuspringen. Denn CBD hat gegenüber THC viele Vorteile: Es ist ­legal und kaum reglementiert. Und es gilt nicht als Medikament, sondern 
als Nahrungsergänzungsmittel. Ein ­idealer Stoff also, um ihn in allerlei Formen und zu teilweise horrenden Preisen als lieben Bruder des bösen THC anzubieten.

Neuerdings sind auch Liquids für E-Zigaretten erhältlich, Trägerflüssigkeiten, die CBD enthalten, aber kein oder nur sehr wenig THC. Sie werden als legale, frei zugängliche Variante für Menschen mit Beschwerden an­gepriesen und kosten meist wesentlich mehr als gewöhnliche E-Liquids.

Seit einigen Monaten tauchen auch in diversen Schweizer Läden unterschiedliche Produkte auf, man hütet sich aber, die Liquids als Heilmittel anzupreisen. Trotzdem stossen sie auf Interesse. 

«Wir haben einige Schmerzpatienten, die zu uns kommen, weil sie gehört haben, dass CBD ihnen helfen soll.»

Robin Hansson, Geschäftsführer des E-Zigaretten-Shops Dampfi in Horgen ZH

­Positive Rückmeldungen erhalte man auch von Epilepsiekranken, die mit CBD die Neben­wirkungen ihrer Medikamente lindern könnten.

Inhalieren ist effizienter – aber wie schädlich sind die Aromen?

Tatsächlich hat CBD das Zeug zum legalen Wundermittel – theoretisch. Denn Studien zeigen, dass Cannabis seine medizinische Wirkung besser entfaltet, wenn er durch die Lunge aufgenommen wird. Die sogenannte Bioverfügbarkeit beträgt dann 50 bis 90 Prozent. «Bei den meisten Formen der oralen Einnahme, etwa als Kapseln oder Tropfen, baut die Leber den Grossteil der Cannabinoide rasch ab», erklärt Rudolf Brenneisen, Pharmazeut und Leiter der Schweizer Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin. Er lehrte bis vor kurzem an der Uni Bern und führte entsprechende Vergleichsstudien durch.

Trotz den Ergebnissen zugunsten des Inhalierens ist Brenneisen weit davon entfernt, E-Zigaretten mit CBD als Alternative zu den THC-haltigen Cannabismedikamenten zu empfehlen, die nur über hohe bürokratische Hürden erhältlich sind. «Wenn überhaupt, könnte man höchstens die Inhalation mit sogenannten Verdampfern nahelegen. Dabei wird der Cannabis ohne giftige Verbrennungs- und Zusatzstoffe konsumiert», erklärt er. «Die E-Liquids enthalten dagegen häufig Aromen, über deren Schädlichkeit noch wenig bekannt ist.»

Doch selbst wenn aroma- und tabakfreie Liquids verwendet werden oder CBD mit einem Verdampfer konsumiert wird, ist Vorsicht ge­boten. Zum einen ist oft unklar, wie die Pflanzen, aus denen das CBD extrahiert wird, angebaut werden. Man inhaliert also möglicherweise Pestizide oder andere toxische ­Stoffe mit. Zum anderen steckt die klinische Forschung noch in den Kinderschuhen. Es gibt viele Erfahrungsberichte und einzelne Stu­dien über die heilsame Wirkung von CBD etwa bei AngststörungenBrustkrebs oder eben Epilepsie. Aber Untersuchungen mit hohen Fallzahlen fehlen weitgehend. «Bisher hat man sich zu stark auf THC konzentriert», sagt Brenneisen.

Wie gefährlich ist eine Überdosis?

Bei den vorhandenen Studien hat sich zudem gezeigt, dass CBD sehr unterschiedlich wirkt: Manche Menschen sprechen gut darauf an, andere gar nicht. Deshalb ist es auch schwierig, die richtige Dosierung zu finden. «Was bei einer ­allfälligen Überdosis passiert, ist nicht bekannt. Sie könnte durchaus gefährlich sein», sagt Manfred Fankhauser, Inhaber der Bahnhofapotheke in Langnau BE. Er empfiehlt genau wie Brenneisen CBD nicht als Alternative zu THC-haltigen Präparaten.

Fankhauser war der erste und bis vor einigen Jahren der einzige Apotheker in der Schweiz, der THC-haltige Medikamente verkaufen durfte und die damit verbun­dene Bürokratie in Kauf nahm. Auf Nachfrage diverser Spezial­kliniken bietet er neuerdings auch eine selbst hergestellte, rezeptpflichtige CBD-Lösung an, mit der 30 bis 40 Epileptiker behandelt werden. CBD habe grosses Poten­zial, so Fankhauser. Die momentane Euphorie rund um das Cannabinoid findet er aber nicht angebracht: 

«Das weckt falsche Hoffnungen. Derzeit kann noch niemand diese Substanz richtig einordnen.»

Manfred Fankhauser, Inhaber der Bahnhofapotheke in Langnau BE

Nicht immer ist drin, was draufsteht

Aus einem weiteren Grund kann der Konsum von E-Liquids oder auch Ölen und Tinkturen heikel sein: Man muss davon ausgehen, dass nicht überall das drin ist, was draufsteht. «Ich wundere mich überhaupt, dass so viele CBD-Produkte auf dem Markt sind. Reines CBD ist gar nicht so einfach zu ­gewinnen, man benötigt eine professionelle Ausrüstung», sagt Fankhauser. Die amerikanische Lebens- und Arzneimittelkontrollbehörde Food and Drug Administration (FDA) war ebenfalls skeptisch: Im Frühling hat sie 18 CBD-haltige Produkte analysiert. Sieben davon enthielten gar kein CBD, die anderen nur sehr wenig. Die FDA verschickte umgehend Warnbriefe an die betreffenden Firmen, die ihre Produkte als Heilmittel gegen allerlei Krankheiten bewarben.

Entsprechend vorsichtig bei der Auswahl von E-Liquids ist auch ­Daniel Haberthür, Geschäftsführer des Headshops Vision of Hemp in Basel. Er setzt auf einen Schweizer Anbieter aus dem Kanton Baselland, den er persönlich kennt. «Das Produkt wird in einem anerkannten Labor getestet und enthält genau das, was draufsteht», sagt er.

Cannabisforscher Brenneisen bevorzugt eine generellere Lösung: Er ist für eine baldige Reglementierung des CBD. «Es sollte von der Heilmittelbehörde Swissmedic registriert und entsprechend kontrolliert werden. CBD ist eine Arznei und gehört wie THC und Cannabis in die Apotheke», sagt er.

Erfahren Sie mehr in unserem Cannabis-Dossier

Cannabis ist in unseren Breitengraden vor allem als Rauschmittel bekannt. Dabei hat es medizinisch einen hohen Nutzen. Wir haben unsere Artikel dazu auf einen Blick zusammengefasst.

zum Dossier

Autor:
  • Conny Schmid
Bild:
  • Matt Nager/Redux/Laif
21. August 2015, Beobachter 17/2015

0 Kommentare

  • Kommentar Formular